Sechs Delfine verharren fast senkrecht übereinanderVor der Nordküste von Westaustralien haben sich einige Große Tümmler darauf spezialisiert, in über den Meeresboden gezogene Grundschleppnetze hinein zu schwimmen, um dort Fische zu jagen und ein wenig herumzutollen. Sie sind die Super-Spezialisten in der spezialisierten Gruppe der westaustralischen Trawler-Delfine. Das gefährliche, aber vergleichsweise bequeme "Stehlen" von in Fischernetzen zappelnder Beute ist bei Delfinen recht beliebt und aus vielen Küstengebieten bekannt - ein Verhalten, dass die intelligenten Meeressäuger bei Fischern nicht gerade beliebt macht.

Doch was genau dabei an den Netzen passiert und wie die Delfine dort Fische jagen, wurde wissenschaftlich bislang kaum untersucht.

Auf der Spur der Trawler-Delfine
Wissenschaftler der Universität Murdoch und der Universität von Westaustralien in Crawley um Vanessa Jaiteh und Simon Allen untersuchten mit einer technisch aufwendigen Studie das Verhalten von Großen Tümmlern, die sich entlang der Nordküste von Westaustralien auf die Jagd in der Nähe von Fischtrawlern und Grundschleppnetzen spezialisiert haben.

Das untersuchte Gebiet, die sogenannte Pilbara Fish Trawl Managed Fishery (PTF), liegt zwischen Onslow und Port Hedland. Bei Weitem nicht alle Delfine, die in dieser Küstenregion leben, suchen die Nähe der in der PTF operierenden Trawler, die meisten halten sich von ihnen fern.

Die Trawler-Delfine jedoch folgen den Kuttern teilweise über mehrere Tage, profitieren dabei von über Bord geworfenen Abfällen und von nicht in die Netze gegangenen Resten eines Fischschwarms – leichte Beute. Eine vorangegangene Studie hatte gezeigt, dass es aber auch geradezu todesmutige Trawler-Delfine gibt, die gezielt in die Grundschleppnetze hineinschwimmen, um dort zu jagen. Dieses hoch riskante Verhalten konnten Vanessa Jaiteh, Simon Allen und ihre Kollegen erstmals genauer dokumentieren.

Gigantische Fischmäuler am Meeresgrund
Grafik Herings-Grundschleppnetz, charakteristisch sind die nach vorne geöffneten Flügel, die das Netz wie ein riesiges Fischmaul aussehen lassen.Für einen Taucher wäre es viel zu riskant, den Tümmlern auf einem ihrer gefährlichen Fischzüge zu folgen. In der PTF haben diese mit ihren langen, nach vorne geöffneten Flügeln wie ein riesiges Fischmaul aussehenden Netze, eine etwa 15 m hohe Öffnung und sind in vier sich im Laufe der gesamten etwa 44 m langen Netzkonstruktion immer weiter verjüngende Abteile aufgeteilt.

Ganz am Ende des Netzes befindet sich das Abteil mit dem in der PTF-Fischerei obligatorischen "Bycatch Reduction Device" (BRD), einer Vorrichtung, die es versehentlich mitgefangenen Meeresschildkröten, Nichtzielfischarten oder Delfinen durch einen gegen den Meeresboden gerichteten "Notausgang" ermöglichen soll, das Netz unbeschadet wieder zu verlassen. Die Netze werden mit einer Geschwindigkeit von etwa 3 Knoten (5,5 km/h) in 50 bis 100 m Tiefe über den Meeresgrund gezogen, um Grundfische zu fangen.

Videoüberwachung im Grundschleppnetz
Mit Hilfe mehrerer in den Fangnetzen installierter HD-Camcorder konnten die Wissenschaftler bislang nie Gesehenes dokumentieren: Große Tümmler, die weit in das sich bewegende Netz hineinschwimmen, um dort Fische zu fangen oder zu spielen! Meistens schwammen sie mit dem Kopf voran hinein oder ließen sich seitlich zur Netzöffnung schwebend mitnehmen, nur ganz Wagemutige ließen sich auch mit dem Schwanz voran ins Netz treiben. Diese Einschwimmtechnik wurde am seltensten eingesetzt. Durchschnittlich verbrachten die Delfine dann etwas über 2 Minuten im Netz, bevor sie es wieder verließen. Der längste beobachtete Aufenthalt dauerte mehr als 7 Minuten.

In der Regel hielt sich nur jeweils ein Delfin im Netz auf, während die anderen außerhalb warteten, spielten oder dort Beute machten, in dem sie das Netzgewebe als künstliche Barriere nutzen, an der sich Fische zusammentreiben lassen. Doch kann es durchaus passieren, dass sich mehrere Tümmler gleichzeitig in der Netzröhre aufhalten, einmal waren es sogar neun Tiere, die dort auf engstem Raum manövrierten.

Auch in größter Gefahr bleibt noch Zeit für Sozialkontakte
Bei ihrer Videoauswertung waren die Forscher recht erstaunt, dass einige Tümmler während ihrer gefährlichen Mission auch noch Muße zu Spiel und Spaß hatten. Besonders beliebt war dabei gegenseitiges Jagen durchs Netz – mitten in größter Todesgefahr!

Entdeckung der Trampolin-Springer
Sechs Große Tümmler vollführen im Roten Meer nahe des sandigen Meeresbodens eng aneinander geschmiegt einen Tanz wie ein Delfin-Unterwasserballet.Aber auch mit ihrem Verhalten außerhalb des Netzes überraschten die westaustralischen Trawler-Delfine die Wissenschaftler. Vanessa Jaiteh und Simon Allen stießen auf das noch niemals zuvor beobachtete Verhalten des "trampolining" oder Trampolinspringens. Dabei schwimmen die Delfine mit großer Geschwindigkeit in das straff gespannte Netz, lassen sich abprallen und vollführen dabei Drehungen und Wendungen als wollten sie ein Unterwasserballett aufführen.

Spezialisten unter den Spezialisten
Wie stark sich Verhaltensspezialisierungen beim Großen Tümmler verfeinern und bestimmte Individuen Verhaltensweise lernen, die andere Individuen aus der gleichen Gruppe nicht beherrschen, zeigt das Beispiel der westaustralischen Trawler-Delfine mehr als eindrücklich. Jaiteh und Allen schätzen, dass es im Gebiet der der gesamten PTF-Fischerei überhaupt nur etwa 50 der bereits recht spezialisierten Trawler-Delfine gibt, ein Bruchteil der insgesamt in dem Gebiet lebenden Population des Großen Tümmlers. Aus dieser kleinen Gruppe wiederum hat sich etwas mehr als die Hälfte noch weiter spezialisiert, jagt und spielt in unmittelbarer Nähe der Grundschleppnetze und schwimmt in sie hinein.

Forscher fordern bessern Schutz für die Super-Spezialisten
Um die bei jährlich zwischen 17 und bis zu 50 toten Delfinen liegende Beifangrate in der PTF-Fischerei - darunter ganz sicher auch Individuen aus der Gruppe der hochspezialisierten Trawler-Delfine - zu senken, plädiert das australische Forscherteam für eine Modifizierung des "Bycatch Reduction Device". Da der Notausgang des BRD nach unten führt, im Netz schwimmende Delfine aber generell mit der Zugrichtung des Netzes und gegen die Netzoberseite schwimmen, haben sie kaum eine Chance ihn zu finden, wenn sie nicht mehr aus der hochgefährlichen Netzröhre des Grundschleppnetzes Spielgerät herausfinden.

Kultur und Sub-Kultur
Bei der Spezialisierung der westaustralischen Trawler-Delfine innerhalb der gesamten in dem Gebiet lebenden Population Großer Tümmler kann man von einer Kultur sprechen und bei den Grundschleppnetz-Jägern, einer Untereinheit der Trawler-Delfine, handelt es sich um eine Sub-Kultur. 

Allerdings können Sub-Kulturen und Kulturen auch ganz schnell wieder verschwinden, wenn sich die auf ihnen fußenden Umweltbedingungen ändern, wie das Beispiel einer anderen Gruppe von Trawler-Delfinen aus der bei Brisbane liegenden Moreton Bay zeigt. Auch diese Gruppe hatte als Jagdtechnik das sehr riskante Fischen aus Netzen und Beifangfischen rund um in der Bucht fischende Trawler erlernt. Sie hielten wenig bis gar keinen Kontakt zu den übrigen in der Bucht lebenden Tümmlern, die die "Netzstrategie" nicht einsetzten. Als eines Tages die Fischtrawler in der Bucht verboten wurden, bildeten sie wieder eine Gemeinschaft mit den anderen Delfinen, denn gemeinsam in der größeren Gruppe lassen sich die vorhandenen Nahrungsressourcen wesentlich effektiver nutzen. Eine Weiterführung der sozialen Separation hätte für die Trawler-Delfine aus der Moreton Bay keinen Vorteil gebracht.

Die Ausprägung nicht genetisch bedingter durch Überlieferung und Lernleistung tradierter Verhaltensweisen, die nur in bestimmten Regionen, Gruppen oder Familien auftreten, nennt man Kultur. Durch das Beherrschen bestimmter Fähigkeiten beeinflusste und verbundene soziale Gruppen und soziale Netze finden sich bei kaum einem anderen Säugetier derart ausgeprägt wie bei den Delfinen. Andererseits können kulturelle Spezialisierungen und Sub-Kulturen auch wieder verschwinden, wenn die Umweltbedingungen sich ändern.
Ulrich Karlowski, April 2014 / Quellen: GRD / Marine Mammal Science, Volume 29, Issue 3, July 2013

Nixo braucht Hilfe

Peru Patendelfin NIXO schaut gerade so mit einem Auge aus dem Wasser, hinter ihrem Kopf ist gerade noch die Rückenfinne ihres Babys zu erkennen.

Nixo ist ein Weibchen. Sie wurde im Oktober 2005 anhand einer großen Kerbe nahe der Spitze der Rückenfinne identifiziert. Dann verschwand sie für drei Jahre aus der Paracas-Bucht und kehrte 2011 mit einem Kalb zurück.

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Indopazifischer Großer Tümmler. Foto: DWA / Angela Ziltener