Die Wahrnehmung schwacher elektrischer Felder ist bei Fischarten wie Welsen, Rochen und besonders Haien, die magnetische Felder erkennen und sich auf ihrem Weg durch die Ozeane am Magnetfeld der Erde orientieren können, schon lange bekannt.

Bei Delfinen wurde bislang davon ausgegangen, dass sie nicht über diesen ganz speziellen und im Tierreich recht seltenen Sinnesapparat verfügen, der z.B. bei Säugetieren bislang nur bei Schnabeltieren und Ameisenigeln nachgewiesen wurde. Doch jetzt scheinen Delfine und Haie eine weitere Gemeinsamkeit zu haben, denn deutsche und US-Forscher haben den Elektrosinn bei einem aus Südamerika stammenden Guyana-Delfin, auch Amazonas-Sotalia (Sotalia fluviatilis) genannt, nachgewiesen.

Ein im Zoo Münster in Gefangenschaft lebendes 28-jähriges Sotalia-Delfinmännchen reagierte bei Verhaltenstests noch auf elektrische Felder von 4,6 Mikrovolt pro Zentimeter, stellten die Forscher fest. Damit kommt dieser Delfin zwar bei weitem nicht an die Sinnesleistungen von Haien oder Rochen heran, die noch Spannungen von nur wenigen Nanovolt registrieren können, es reiche jedoch, vermuten die Wissenschaftler, um elektrischen Felder von Fischen zu lokalisieren.

Diese Fähigkeit könne helfen, um am Meeresboden oder in verschlammten Gewässern Beutetiere aufzuspüren. Allerdings verfügen Delfine mit ihrem ausgeklügelten Echolot-Ortungssystem über einen wesentlich feineren und weitaus besser geeigneten Sinn, um Beute zu lokalisieren. Vielleicht wird der Elektrosinn als verstärkendes Zusatzmodul bei der Jagd im Trüben eingesetzt oder er hat eine ganz andere, bislang noch nicht enträtselte Funktion.

Weiterentwicklung eines Sinnesorgans
Als verantwortlichen Rezeptor konnten die Forscher die so genannten Vibrissengruben - eine anatomische Struktur in der Delfin-Schnauze - in denen bei anderen Meeressäugern wie Walrossen oder Seehunden die Schnurrbart-Tasthaare sitzen, identifizieren - also Rezeptoren des Tastsinn-Systems, das mechanische Reize verarbeitet. Zahnwale, zu denen auch die Delfine zählen, haben keine Schnurrbarthaare mehr, die Vibrissengruben sind ihnen aber geblieben, sie galten bislang jedoch als funktionsloses, evolutionsbiologisches Relikt.

Wurden die Vibrissengruben des Delfinmännchens wasserdicht verschlossen, dann reagierte das Tier nicht mehr auf elektrische Reize. Bei der Sektion eines Guyana-Delfins, der an Altersschwäche verstorben war, fand sich in jeder Vibrissengrube ein dichtes Geflecht aus bis zu 300 Nervenenden, Nervenfasertyp und Form der Gruben sind dem Elektro-Sensorsystem der Haie ähnlich.

Auch andere Meeressäugetiere könnten über den Elektrosinn verfügen
Die Ergebnisse der Untersuchungen zeigen, dass aus einem bei nahezu allen Säugetieren vorhandenen, der Erfassung mechanischer Reize dienenden Tastsinnesorgan, etwas gänzlich anders – ein elektrischer Sinn - entstehen kann. Somit könnten auch andere Säugetierarten, besonders solche, die teilweise oder ganz im Wasser leben, über die Fähigkeit der Elektrowahrnehmung verfügen, vermuten die Forscher.

Keine Verallgemeinerungen
Man sollte nun nicht vorschnell davon ausgehen, dass Delfine an sich oder sogar alle Zahnwale über einen Elektrosinn verfügen. Auch ob tatsächlich der Sotalia als Art diesen besonderen Sinn als Grundausstattung aufweist, ist noch lange nicht erwiesen. Die Datenbasis ist extrem dünn und Ergebnisse von Verhaltenstests in dem wegen miserabler Haltungsbedingungen berüchtigten Delfinarium in Münster sind zumindest zweifelhaft. Allerdings wäre die Fähigkeit eines Elektrosinns sicherlich eine weitere, in ihrer Funktion allerdings nach wie vor recht rätselhafte, faszinierende Facette im Reich der Delfine.
© U. Karlowski, August 2011

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