Warum töten Delfine in Moray Firth ihre Kinder? Gerade einmal ein Jahr waren sie alt, die fünf Babydelfine, die zwischen 1992 und 1996 tot an die Strände der an Schottlands Ostküste gelegenen Bucht von Moray Firth gespült wurden.

Nach einer von britischen Wissenschaftlern veröffentlichten Studie über die Todesursache der jungen Großen Tümmler (Tursiops truncatus) starben sie an gebrochenen Rippen, perforierten Lungen, ausgerenkten Brustwirbeln und schweren inneren Blutungen. Und ihre Haut war von Bissspuren überzogen, die exakt mit dem Zahnabstand des Gebisses eines erwachsenen Tümmlers übereinstimmen.

Nicht viel anders sahen die Leichen von 61 im vergangenen Jahr angespülten Schweinswalen (Phocaena phocaena), einer mit den Tümmlern nah verwandten Art, aus. Seither wird fieberhaft nach Erklärungen gesucht, warum die als friedfertig geltenden Meeressäuger nicht nur ihre kleineren Verwandten, sondern auch ihren eigenen Nachwuchs töten.

"Attacken größerer Delfinarten gegenüber Schweinswalen sind keine Seltenheit. So wurden vor der Pazifikküste der USA zwei Weißseitendelphine beim Angriff auf einen Schweinswal beobachtet, dem sie allerdings nur oberflächliche Wunden zufügten", sagt GRD-Biologin Denise Wenger. "Eine plausible Erklärung für dieses aggressive Verhalten gibt es bislang nicht. Es fehlen die klassischen Motive für Aggression wie Rivalität, Bekämpfung eines Fressfeindes oder eine Notsituation".

Für Dr. Ben Wilson vom Department of Zoology der Universität Aberdeen, kommen verschiedene Ursachen als Auslöser derart ungewöhnlicher sozialer Interaktionen zwischen Meeressäugern in Frage, zum Beispiel Aggressionen ausgelöst durch sexuelle Frustration, anomale Verhaltensweisen wie krankhaft veranlagter Nahrungsdiebstahl oder der Spieltreib. Dieser könnte, so vermutet denn auch Dr. Robin Baird von der Dalhousie Universität in Halifax die wahrscheinlichste Ursache sein.

Beim sogenannten "objektorientierten Spieltrieb" der Delfine halten dann manchmal die nur 1,5 Meter großen Schweinswale als Objekte her. Das Spiel diene halbstarken Tümmlern als Muskel- und Reaktionstraining. Warum diese Fitnessübungen in Moray Firth tödlich für die "Spielobjekte" enden und ob auch der eigene Nachwuchs dieses Spiel mit dem Leben bezahlen muß, vermag allerdings kein Forscher zu erklären.

"Alle bisherigen Erkenntnisse zeigen eindeutig, daß das Sozialverhalten von Delfinen durch sehr starke und enge Beziehungen gekennzeichnet ist, insbesondere zwischen Müttern und ihren Jungtieren. Auch gibt es zahlreiche dokumentierte Fälle, bei denen gesunde Tiere kranken, schwachen oder verwundeten Mitgliedern der Gruppe versuchten zu helfen. Bei den unerklärlichen Todesfällen in Schottland muss man die spezielle Situation dieser isolierten Delfinpopulation berücksichtigen", meint Wenger.

Die Tümmler in der Bucht von Moray Firth sind der weltweit am nördlichsten lebende Bestand dieser Art. Es handelt sich um eine sehr kleine Population mit etwa 130 Tieren. Sie sind vielfältigen Stressfaktoren wie Schiffsverkehr oder Meeresverschmutzung ausgesetzt. Gerade über den Einfluss akustischer Umweltbelastungen auf die sich fast ausschließlich mittels Echopeilung orientierenden Säugetiere gibt es bis heute kaum wissenschaftliche Erkenntnisse. Bei langjährigen Beobachtungen der Moray-Firth-Tümmler wurde festgestellt, daß etwa 6 Prozent der Tiere Deformationen im Körperbau und 95 Prozent verschiedenartige Hautschädigungen aufweisen. Die Ursache für diese Erkrankungen ist unbekannt.

Muss aufgrund der Vorfälle von Moray Firth das Bild vom friedlichen und hilfsbereiten Delfin, den sogar der Deutsche Katholikentag 1998 zum Symbol auserkor, jetzt durch das eines aggressiven Killers ausgetauscht werden?

"Nein", sagt Denise Wenger, "Delfine sind weder mythische Wesen noch Kuscheltiere oder Kindsmörder. Sie sind hochintelligente Raubtiere, die, wie andere Tiere und auch der Mensch, auf negative Umwelteinflüsse mit Verhaltensanomalien bis hin zum Zusammenbruch ihrer normalen sozialen Bindungen reagieren".
© U. Karlowski

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Peru Patendelfin NAMA taucht gerade vor einem anderen Delfin ab, gut zu erkennen ist der mit vielen Kerben gezeichnete rückwärtige Teil ihrer Finne.

Nama wurde 2006 erstmals identifiziert. Nama hat mehrere Kerben und zwei auffällige Narben in der Finne. Nama hält sich von Booten fern.

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Indopazifischer Großer Tümmler. Foto: DWA / Angela Ziltener