Buckelfin traegt totes Baby, das quer auf seinem Rücken vor der Finne liegt. Ob es Wunder gibt, vermag ich wirklich nicht zu sagen. Märchen und Mythen sind voll davon, doch ihre Erzähler sind längst verblichen. Geblieben sind ihre Schilderungen. Keiner wird sie mehr fragen können, ob es auch wahr ist, was sie zu berichten hatten. Trotzdem, ich war einmal Zeuge eines Wunders.

An einem wunderschönen Morgen tuckerte ich zusammen mit unserem Bootsfahrer Ali gemütlich über das friedvolle Meer, als sich ein Boot mit hoher Geschwindigkeit unserem Ankerplatz näherte. Issa drosselte den Motor, als er mich erkannte, und rief aufgeregt meinen Namen. "Horst, komm, Du musst unbedingt kommen" und gestikulierte so aufgeregt, dass er fast ins Wasser gefallen wäre.

Atemlos erklärte er, dass er eine ganze Schar von Delfinen gesehen hätte. Sie bewegten sich in einer eigenartigen Formation auf die Westküste der Insel Futaisi zu. Ich kannte Issa gut genug und wusste, dass er kein Freund von hohlen Sprüchen war.

Ein Schauspiel, wie es Menschen zuvor vielleicht noch nie gesehen haben
Wir rasten mit Vollgas in südlicher Richtung über das spiegelglatte Meer. Minuten später erreichten wir den Punkt, an dem Issa die Delfine zuletzt gesehen hatte. Er drosselte den Motor auf minimalste Fahrt. Als wir uns auf wenige Meter einer Delfingruppe genähert hatten, bot sich uns ein Schauspiel, wie es Menschen zuvor vielleicht noch nie gesehen haben. Überall sah man die schwarzen Rückenflossen der eleganten Schwimmer aus dem Wasser ragen. Fontainen von Wasser und Luft bliesen aus ihren Atemlöchern.

Ein erwachsener Delfin trug auf seinem Rücken einen kleinen toten Delfin
Wir stellten den Motor ab und nahmen einige Latten zur Hand, um uns durch das seichte Wasser zu stoßen. Ein erwachsener Delfin trug quer auf seinem Rücken, zwischen Flosse und Atemloch, einen kleinen Delfin. Er hatte eine Länge von fast eineinhalb Meter. Er war tot. Dem Totenträger machte die Last schwer zu schaffen und er kam in dem flachen Wasser nur mühsam vorwärts. Vielleicht war es die Mutter des toten Babys, die man unter ihrer schweren Last keuchen hörte. Immer wieder rutschte das tote Baby auf ihr Atemloch.

Die Eskorte verteidigt ihren Totenträger
Als wir uns auf knapp sechs oder sieben Meter genähert hatten, fing plötzlich das Meer regelrecht zu kochen an. Wie eine Eskorte umschwamm eine Gruppe von etwa fünfzehn erwachsenen Delfinen ihren Totenträger. Sie drängten sich zwischen unser Boot und die Trägerin. Es war nur allzu offensichtlich, dass sie ihren Kameraden gegen Neugierige und Zudringliche abschirmen wollten. Ich verstand ihre Nachricht: "Kommt nicht näher ihr Menschen, ihr stört uns in unserer Trauer". Leise bat ich Issa, mehr Abstand zu halten. Ich war starr vor Staunen, vor meinen Augen zog der bemerkenswerteste Leichenzug vorüber, den ich je gesehen hatte.

Doch nicht genug des Wunders
Keine zwei oder drei Minuten waren seit unserer Ankunft verstrichen, da schwamm ein Delfin parallel zu dem Träger. Er schob seinen Kopf unter ihn und lud sich nun seinerseits den Toten auf den Rücken. Wer weiß, vielleicht war es der Vater des toten Kindes. Zeit und Raum schienen still zu stehen. Außer dem heftigen Schnauben des Trägers herrschte eine gespenstische Ruhe über dem Meer. Diese Szene erfüllte mich mit mehr Ehrfurcht, Achtung und Bewunderung, als ich sie je in einer dunklen Kathedrale gespürt hatte. Ich war völlig sprachlos. Deutlich konnte man die stille Trauer dieser einzigartigen Geschöpfe spüren, wie sie ihr kleinstes Mitglied auf seiner letzten Reise begleiteten.

Ich bin wahrlich kein gläubiger Mensch im religiösen Sinne, doch in diesem Moment spürte ich so etwas wie den Atem unseres Schöpfers. Ich dankte ihm aus tiefsten Herzen, dass er mir einen Einblick in seine Geheimnisse gewährte.

Der Friedhof der Delfine
Zwei Delfine schwimmen auf eine karge Insel zu, einer trägt einen kleinen toten Delfin auf seinem Rücken. Natürlich fragte ich mich, warum die Delfine ausgerechnet diese Insel ansteuerten, es gab noch Dutzend andere in nächster Nähe. Und ich fragte mich auch, ob sie ihren toten Kameraden an Land bringen wollten. Ich hatte nur eine plausible Antwort parat: Sie wollten offensichtlich nicht, dass ihr toter Verwandter von anderen Fischen gefressen wurde. Vielleicht haben Delfine auch so etwas wie einen Friedhof. Dort beerdigen sie ihre Toten, aber nicht in der See, sondern an Land, ging es mir durch den Sinn.

Wie oft habe ich die Einheimischen schon gefragt, was der Name Futaisi der nahen Insel eigentlich bedeutet. Nie habe ich eine befriedigende Antwort erhalten, sie wussten es selbst nicht so genau. Manche meinten, es heiße so etwas wie Geruch, Verwesung, etwas, das sich auflöst. Tatsache war jedenfalls, dass an den Ufern dieser Insel ungewöhnlich viel Treibgut angeschwemmt wurde. Weitaus mehr als an anderen Inseln. Sehr vermutlich ein Ergebnis der vorherrschenden Strömungen von Wasser und Wind.

Mythen werden immer um einen Kern der Wahrheit gesponnen
Wenn wir tatsächlich die ersten Zeugen eines solchen Wunders waren, war es ja auch nicht unwahrscheinlich, dass ich mit meinen Überlegungen der Wahrheit sehr nahe kam. Erst vor einem Jahr hatte ich im flachen Gewässer, keinen halben Kilometer von hier, das Skelett eines Wals gefunden. Am Ufer fand meine Frau Eka eines Tages einen ungewöhnlich großen Schädel einer Seeschildkröte. Aus der Antike kennen wir Schilderungen, dass Delfine Ertrinkende an Land gebracht haben. Das ist schwer zu glauben, doch ab diesem Moment wusste ich, dass Mythen immer um einen Kern der Wahrheit gesponnen werden.

Viele Fragen gingen mir durch den Kopf, als ich diese stille Prozession mit meinen Augen andächtig begleitete. Zog es die Delfine zum Ursprung ihrer Vorfahren, die vor vielen Millionen Jahren als Säugetiere an Land lebten? Natürlich fragte ich mich auch, warum der kleine Delfin hatte sterben müssen. Sein Körper war mit großen Blasen überzogen, Hautfetzen hingen herab. Vielleicht waren sie durch die Sonne verursacht. Es kann aber auch sein, dass er in die Schrauben eines Schiffes geraten war. Oder er hatte sich in einer der vielen Fischreusen oder in einem Netz verfangen. Wir werden es nie wissen.

Nur der Mond wird Zeuge ihrer Trauer sein
Plötzlich bemerkten wir, dass der Trauerzug eine andere Richtung nahm. Der Grund konnte nur sein, dass wir störten. Auch wenn ich es in diesem Moment mehr als bedauerte, die Szene verlassen zu müssen, bat ich Issa, den Motor anzulassen, und wir entfernten uns vorsichtig. Als wir Störenfriede endlich außer Reichweite waren, nahm die Delfingruppe wieder ihren alten Kurs auf in Richtung Futaisi. Ich wusste, wir hatten kein Recht, sie noch einmal in ihrer Trauer zu stören.

Auch wenn ich tiefe Dankbarkeit für diese Offenbarung verspürte, so war ich mir sicher, dass die nächste Beerdigung in der Nacht erfolgen würde. Und nur der Mond wird Zeuge ihrer Trauer sein.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Horst Liebl, nach einer Begebenheit, die sich vor fast 20 Jahren im Persischen Golf abgespielt hat. Fotos: Horst Liebl

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