Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V.

GRD Kanäle

Toter Großer Tümmler gestrandet auf einem Kiesstrand liegend14.05.2012 - Erst waren es Hunderte Delfine, dann starben Tausende Pelikane und Seelöwen. Doch warum massenhaft Tierkadaver an Strände vom Norden Perus bis zur Hauptstadt Lima angespült werden, ist immer noch weitgehend rätselhaft, zumindest was den Tod der Delfine betrifft.

Mindestens 5000 Pelikane und andere Seevögel sind offensichtlich verhungert. Meist waren es junge Tiere, ihre Mägen mit nichts als Sand und Müll gefüllt, für Experten ein klares Zeichen, dass die Tiere verzweifelt und vergeblich nach Nahrung gesucht haben, bis sie keine Kraft mehr hatten und elendig starben.

Weitaus weniger eindeutig sieht es bei den seit Jahresbeginn mehreren Hundert toten Delfinen aus, die gleichfalls im Norden Perus an die Strände gespült wurden. Nicht nur, dass die Zahl der gestorbenen Meeressäuger recht spekulativ ist – so sprach die peruanische Umweltorganisation ORCA (Organization for Research and Conservation of Aquatic Animals) ursprünglich von über 3500 toten Delfinen. Auch über Todesursache herrscht weitgehend Unklarheit, allerdings gibt es eine starken Verdacht, was so viele Delfine mit den beschriebenen Verletzungen getötet haben könnte!

Rätsel um Ursache des Delfin-Massensterbens
ORCA vermutete, nach Untersuchungen einiger Kadaver, dass Tiefsee-Sonare, die zur Suche von Erdölfeldern eingesetzt wurden, für den Tod der Delfine verantwortlich sind. Die Delfine sollen an der Taucherkrankheit gestorben sein, so ein Vertreter von ORCA. Steigt ein Mensch beim Tauchen zu schnell auf, kommt es zu Gas- und Fettembolien.

Eigentlich tritt die Taucherkrankheit bei Walen und Delfinen nicht auf, es wurden aber auch bei Walen, insbesondere bei Strandungen nach militärischem Sonareinsatz, ähnliche Symptome wie bei der Taucherkrankheit festgestellt.

Zusätzlich könnte der starke Unterwasserlärm auch direkt innere Verletzungen bei den Tieren verursacht haben. Spiegel-Online berichtet, dass Firmen in der betroffenen Region nach Ölvorkommen unterm Meeresboden suchen und dabei auch Sonare einsetzen. Peruanische Forscher haben einige der Kadaver untersucht. Doch wichtige Spuren gingen dabei verloren. Jetzt müssen erneut Gewebeproben entnommen werden, um der Todesursache auf die Spur zu kommen.

Die in Peru tätigen Energieunternehmen bestreiten denn auch, für das Massensterben der Delfine verantwortlich zu sein. Zwar gab die amerikanische BPZ Energy zu, die berüchtigten 3-D-Seismik zur Suche nach Erdölvorkommen eingesetzt zu haben, doch die ersten Delfinkadaver wurden schon vor deren Einsätzen an die Strände geschwemmt.

Der Präsident von ORCA wies zusätzlich darauf hin, dass eine derart große Zahl toter Meeressäuger auch ursächlich auf eine Morbillivirus-Epidemie oder eine andere virale Infektion zurückzuführen sein könnte. Anfang der 1990er-Jahre starben im Mittelmeer mindestens 1.200 Blau-Weiße Delfine (Stenella coeruleoalba) durch eine Infektion mit dem gefährlichen Morbillivirus.

Die Opfer: Langschnäuzige Gemeine Delfine und Burmeister-Schweinswale
Hauptsächlich sind zwei Arten von dem Massensterben betroffen: Langschnäuzige Gemeine Delfine (Delphinus capensis) und Burmeister-Schweinswale (Phocoena spinipinnis), wobei ganz überwiegend Langschnäuzige Gemeine Delfine gefunden wurden. Bei den angeschwemmten Delfinen waren alle Altersstufen beiderlei Geschlechts vertreten (neugeborene Kälber, Jungtiere, Erwachsene), während bei den Burmeister-Schweinswalen nur Weibchen mit ihren Jungtieren gefunden wurden. Die Kadaver wiesen ganz unterschiedliche Stadien der Verwesung auf, manche Tiere waren offensichtlich nur wenige Stunden, bevor sie gefunden wurden, gestorben. Einige Tiere wurden, so ORCA, von der lokalen Bevölkerung ausgeweidet und das Fleisch als Nahrung genutzt, entsprechend zugerichtete Delfinleichen fand man im Sand vergraben am Strand.

Nach Angaben von ORCA soll es in den vergangenen 100 Jahren noch nie so viele gestrandete Delfine in Peru gegeben haben. Fraglich bleibt dabei, ob solche Daten in Peru derart weit in die Vergangenheit reichend überhaupt erhoben wurden. Allerdings hat es noch nirgendwo auf der Welt jemals eine so gewaltige Zahl gestrandeter toter Meeressäuger, wie jetzt in Peru, gegeben - falls es wirklich über 3000 gewesen sind, denn es handelt sich bei dieser Zahl lediglich um eine Hochrechnung!

Zweifel an der Darstellung von ORCA
Wenige Tage nach den ersten Meldungen wurden begründete Zweifel an der Darstellung von ORCA laut. So stellt David Williams von der Deafwhale Society (deafwhale.com) nicht nur die Zahl von über 3000 getöteten Delfinen in Frage - er schätzt, dass es höchstens 300 gewesen sind - sondern auch die Ursache für die Massenstrandung. "Es gibt nichts, das über 3.000 Delfine in derart kurzer Zeit töten und die Kadaver dann auf einen Küstenabschnitt von 200 Meilen Länge verteilen kann", erklärt Williams.

Mittlerweile geht man von 900 bis 1000 toten Delfinen aus, die an den Stränden der Regionen Tumbes, Piura und Lambayeque gestrandet sind.

Große Verwirrung
Die Bevölkerung soll sich, so der Rat lokaler Behörden, von den Stränden fernhalten und möglichst auf den Verzehr von Fisch verzichten – was fatale Folgen für den Tourismus hat. Doch Perus stellvertretender Umweltminister Gabriel Quijandrìa beschwichtigt, es gäbe keine Probleme mit den Fischen, auch eine Virusbelastung des Meerwassers läge nicht vor, das Essen von Meerestieren sei sicher, es gäbe keinen Grund zur Panik, man müsse jetzt auf die Ergebnisse der Untersuchungen warten. Allerdings rät das Gesundheitsministerium Lima von einem Bad im Pazifik vorläufig ab, die Verwirrung im Land ist groß.

Haben rücksichtslos operierende Dynamitfischer die Delfine getötet?
Am ehesten dürfte Dynamitfischerei durch lokale Fischer als Ursache für das Massensterben der Delfine in Frage kommen, denn bei einem sich nähernden Seismik-Explorationsschiff hätte sich der Großteil der Meeressäuger durch Flucht retten können. Auch andere mögliche Ursachen wie Meeresbeben, militärische Sonare oder ein Meteoriteneinschlag kommen als Ursache nicht in Frage. Die beschriebenen Verletzungen der Delfine und die große Zahl gleichzeitig getöteter Tiere lässt sich am ehesten durch den Einsatz von Dynamit schlüssig erklären.

So ist man denn auch im peruanischen Umweltministerium sicher, dass es keinen Zusammenhang gibt, zwischen dem Sterben der Seevögel und jenem der Delfine. Die Vögel sind wohl verhungert, weil sich in kurzer Zeit das Meerwasser an der Küste um bis zu 8 Grad erwärmte. Als Folge tauchten Sardellenschwärme in tiefere Gewässer ab oder schwammen weiter in den Süden. Den Pelikanen ist die Nahrung davongeschwommen, und zwar so schnell, dass sie keine Chance hatten, sich umzuorientieren.

Wenn sich die wahrscheinlich von dem Wetterphänomen El Niño ausgelöste Situation nicht ändert, könnte es auch andere Arten hart treffen, vor allem die Pinguine. Ihr Bestand in Peru soll sich zuletzt auf über 11.000 vergrößert haben.

Bei den Delfinen dagegen gibt es immer noch mehr Fragen als Antworten, allerdings einen ganz starken Verdacht: Rücksichtlose Dynamitfischer haben die Delfine getötet!

Dynamitfischerei ist in Peru nach wie vor ein großes Problem. Ihre Bekämpfung ist wichtiger Schwerpunkt unseres Delfinschutzprojekts im Süden des Landes bei der Paracas-Halbinsel.
U.Karlowski