Ein Rundkopfdelfin pflügt durchs Wasser, der Körper ist von weißen Narben übersätAufregung in der tierärztlichen Fakultät der Universität Zagreb. Soeben erhielten die Wissenschaftler des Delfinschutz-Teams Mitteilung über die Sichtung eines Schwertwales in der Kvarner Bucht...

Weiße Flecken auf dem Körper des Tieres lassen den Anrufer vermuten, dass es sich um die auch als Orca bezeichnete Art handelt, bekannt aus dem Kinofilm "Free Willy". Nur wenige Stunden später brechen unsere Projektpartner unter Leitung von Prof. Hrvoje Gomercic auf, um sich vor Ort in der süd-östlich von Rijeka gelegenen Bucht "Bakarski zaljev" selbst ein Bild zu machen.

Dabei entpuppt sich der vermeintliche Schwertwal als ein in der Adria inzwischen recht selten gewordener Rundkopfdelfin (Grampus griseus). Diese Art kann eine Länge bis zu 4,30 Meter erreichen. Typisch ist ihr rundlicher Kopf mit einem kaum ausgeprägten Schnabel. Je älter die Tiere sind, desto mehr ist ihr Körper von weißen Narben übersät, die sie sich im Laufe der Zeit durch Kämpfe mit Artgenossen, insbesondere durch Bisse, zuziehen. Aus der Ferne ist eine Verwechslung mit einem jungen Orca also durchaus möglich.

Dank der sofortigen Unterrichtung der Öffentlichkeit durch die Projektmitarbeiter halten Tageszeitungen und sogar die kroatische Tagesschau die Einheimischen über den Aufenthalt des unter Schutz stehenden Meeressäugers auf dem Laufenden, der zwischenzeitlich unsichtbar auf Tauchstation gegangen ist.

Drei Tage später entdeckt ein Taucher auf dem Meeresgrund nahe der östlich von Rijeka gelegenen Stadt Opatija einen toten Delfin. Bei der Obduktion kann der nach Zagreb transportierte Kadaver, anhand einer auffälligen Kerbe an der Schwanzfluke, als der vor kurzem noch lebend gesichtete Rundkopfdelfin identifiziert werden. Das junge Weibchen war aufgrund krankhafter Veränderungen der Gebärmutter gestorben.

Gegen natürliche Todesursachen sind die Delfinschützer machtlos. Um so wichtiger ist es, schädliche Einwirkungen durch den Menschen, wie beispielsweise Fischerei, zu reduzieren. Denn von den allein im letzten Quartal des Jahres 2001 insgesamt vier tot aufgefundenen Delfinen kamen vermutlich zwei durch Fischereiaktivitäten ums Leben. "Fünfzig Prozent der von uns untersuchten Delfine sterben durch menschlichen Einfluss", erklärt Prof. Gomercic. Sie ersticken in Fischernetzen oder an den Folgen von verschluckten Netzteilen. Daher sucht der engagierte Wissenschaftler das Gespräch mit Fischern, um sie über Schutzbestimmungen und -maßnahmen zu informieren.

Auch bei ihren regelmäßigen Ausfahrten aufs Meer halten die Forscher Ausschau nach potenziellen Störfaktoren. Denn nicht nur Fischerei, auch rücksichtslose Motorwassersportler können für die Meeressäuger zur Gefahr werden. Anstatt sichan einer Beobachtung aus angemessener Entfernung zu erfreuen, wird den Delfinen, aus Unwissenheit, oftmals mit Motorbooten hinterher gejagt und zu dicht und zu schnell auf "die Pelle" gerückt.

Nicht selten bedeuten diese Begegnungen für die Delfine Quälerei und Belästigung: Stress-Symptome, wie kräftiges Schlagen der Schwanzfluke, desorientiertes Umherschwimmen und dabei entstehende Kollisionen untereinander werden von uninformierten Laien nicht erkannt. Zu dichte Annäherungen können zu u.U. auch tödlichen Verletzungen der Tiere durch die Propeller führen.
Ulrike Kirsch, Sommer 2003