Ein Schweinswal schwimmt vor dem Aquarium in Wilhelmshaven, er hebt den Kopf halb aus dem Wasser, ein Auge ist gut sichtbar, das Maul jedoch nicht. 14.02.2013 - Das Eis geht, die Wale kommen: Jedes Frühjahr schwimmen die Kleinen Tümmler bis Bremen und Hamburg. "Wal, da bläst er!"“ Dieser Satz in Herman Melvilles „Moby Dick“ ist weltweit bekannt. Dass man Wale aber auch im Binnenland in den Flüssen Jade, Weser und Elbe sehen kann, wird manch einer noch für Seemannsgarn halten.

Doch unsere einzigen heimischen Vertreter, die Schweinswale, besuchen seit einigen Jahren regelmäßig im Frühjahr, vor allem von März bis Juni, unsere norddeutschen Flüsse, das hat eine Datenerhebung der Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD) ergeben. Ein weißer Schweinswal, wie in der Ostsee gesichtet, war aber bislang nicht dabei.

Meist sind die kleinen Wale auf ihrer Wanderung in die Flussläufe einzeln oder zu zweit unterwegs, doch auch Gruppen von 10 Individuen in der Elbe und sogar etwa 30 in der Weser wurden gesichtet. 2012 erhielt die GRD so viele Sichtungsmeldungen wie noch nie: Insgesamt 67 Schweinswal-Sichtungen gab es in der Weser zwischen Bremerhaven und Bremen. 47 Meldungen gingen aus der Elbe ein.

Die Beobachtungen dort waren besonders bemerkenswert. Von April bis Anfang Juni wurden die seltenen Meeressäuger fast durchgehend zwischen Wedel und Teufelsbrück gesichtet, oft auch in Gruppen von 4-5 Tieren. Als Irrgäste können sie nun nicht länger bezeichnet werden.

Fette Finte oder schlanker Stint?
Dichter Schiffsverkehr auf der Weser, hinter einem dicken Pott kreuzt eine große Fähre den Fluss. Was mag der Grund sein, der die Schweinswale in die stark befahrenen Wasserstraßen lockt? „"Mit hoher Wahrscheinlichkeit folgen sie wandernden Fischschwärmen, die aus der Nordsee zum Ablaichen die Flussläufe hoch schwimmen. Auffällig ist, dass besonders bei Laichplätzen der geschützten Fischart Finte Schweinswale öfters gesehen werden, so z.B. zwischen Wedel und dem Mühlenberger Loch“", stellt die GRD-Projektleiterin Denise Wenger fest.

Aber auch der Stint kommt als begehrte Beute in Betracht. Stinte sammeln sich bereits im Februar in den äußeren Ästuaren und so erscheinen dort auch um diese Zeit die ersten Schweinswale.

Die Wasserqualität der Flüsse hat sich in den letzten 20 Jahren deutlich verbessert und Fische haben in Art und Anzahl in ihren ursprünglichen Lebensräumen wieder zugenommen. Die seltene Finte zeigt sich in der Elbe wieder in ähnlichen Laichgebieten wie Anfang des 19. Jahrhunderts.

"In historischen Aufzeichnungen ist ebenso zu finden, dass vor etwa hundert Jahren Schweinswale regelmäßig in den Flussunterläufen gesichtet wurden, in der Ems bis nach Weener, in der Weser bis nach Achim südlich von Bremen und in der Elbe sogar bis nach Magdeburg“", erläutert Wenger.

Vielleicht hat auch der Nahrungsdruck in der stark befischten Nordsee zugenommen und es lohnt sich für die Schweinswale, Lärm und Gefahren der Flüsse für eine Mahlzeit in Kauf zu nehmen.

Systematische Studie
Es ist spannend, nun die wahren Hintergründe der Rückkehr der Wale und ihre bevorzugten Aufenthaltsgebiete genauer zu untersuchen. Das hat sich die Biologin Denise Wenger zur Aufgabe gemacht. Sie möchte in diesem Frühjahr mit einer systematischen Studie möglichst genau klären, wie viele Schweinswale sich zu welcher Zeit wo in den Flüssen aufhalten und welche Fischarten sie tatsächlich fressen.

Moderne „Abhörtechnik“ in der Elbe
Ein Schweinswal streckt den Kopf aus dem Wasser, das Maul ist leicht geöffnet, ein Flipper ist im klaren Wasser zu erkennen. Konkret sehen die Pläne vor, 5 stationäre Schweinswal-Klickdetektoren, sogenannte CPODs (Continuous Porpoise Detectors), dauerhaft in der Elbe zu installieren. Unterstützung erhält das Projekt dabei durch den Biologen Dr. Veit Hennig von der Universität Hamburg und den Teams der Wasser- und Schifffahrtsämter Hamburg und Cuxhaven.

„"Mit diesen Geräten können die typischen hochfrequenten Laute der Wale aufgezeichnet werden und wir können mehr über ihre Aufenthaltsorte herausfinden. Bestimmte Klick-Abfolgen kann man sogar der Futtersuche oder Kommunikation zuordnen"“, erklärt Veit Hennig.

Bitte Schweinswal-Sichtungen melden!
Doch unverzichtbar sind weiterhin Sichtungsmeldungen. Für Anwohner an Jade, Weser und Elbe sowie Segler, Fähr-, Boots- und Kajakfahrer heißt es deshalb wieder: „Bitte Augen offen halten“, denn bereits ab Februar sind Begegnungen mit den Meeressäugern an der Küste und in den Flussläufen möglich und jede Meldung einer Schweinswal-Sichtung ist wichtig.

Auch Totfunde sollten unverzüglich gemeldet werden. Die GRD versucht, ein Netzwerk aufzubauen, um tote Schweinswale möglichst schnell zu Veterinären zu bringen, die sie auf die Todesursachen hin untersuchen können. Die Wissenschaftler interessieren sich zudem für Mageninhalt, Verletzungen, Schadstoffanreicherung und genetische Daten.

Ansprechpartner:
GRD: Denise Wenger: Tel.:089-74160410 oder 0176-22208271
Uni Hamburg: Dr. Veit Hennig: 040/42838-4235 oder 0170-8342175

Schweinswale brauchen Hilfe!

Schweinswal taucht ab. Foto: S.Koschinski

Schweinswale suchen Freunde!

Ein Schweinswal schaut neugierig aus dem Wasser. Foto: S.Koschinski | FjordBaelt, DK, fjord-baelt.dk

Erste Hilfe für Schweinswale

Offensichtlich unverletzte Tiere, die z.B. durch Wellenschwall an Land gespült wurden, bitte wieder zurück ins Wasser bringen!

Finden Sie einen schwer verletzten Schweinswal am Strand, lassen sie ihn am besten dort liegen, er hat sich vermutlich selbst ans Ufer gebracht, um weiter atmen zu können. Auf keinen Fall verletzte oder sehr schwache Tiere wieder zurück ins Wasser schubsen, denn sie müssen zum Atmen ja an die Wasseroberfläche, sind sie zu geschwächt, können sie das aus eigener Kraft nicht mehr tun.

Das Blasloch oben am Kopf sollte sich nicht unter Wasser befinden. Wenn Sie keine Scheu haben und es möglich ist, dann lagern sie das verletzte Tier im flachen Wasser sicher, sodass es atmen kann. Waschen Sie sich aber danach gründlich die Hände.

Rufen Sie am besten sofort uns:
 0176-222 08 271, die Polizei/Wasserschutzpolizei oder den Amtsveterinär an, damit man sich um das verletzte Tier kümmern kann. In den meisten Fällen sind die Verletzungen so groß, dass man nicht mehr viel tun kann, aber es konnten auch schon Schweinswale gerettet und gesund gepflegt werden.
Denise Wenger