Ein kleiner toter Schweinswal liegt im feuchten SandErtrunken, vergrämt und ausgestorben – Schicksal unserer Schweinswalpopulationen

Kiemen- und Verwickelnetze sind die Haupttodesursache für Schweinswale. Von 1987 bis 2001 sind nach Schätzungen als Beifänge in der dänischen Fischerei in der Nordsee allein jährlich zwischen 5500 und 5800 Schweinswale in den Netzen als Beifang ertrunken. Aktuelle Zahlen liegen von vielen Ländern nicht vor oder die offiziellen Statistiken enthalten nur die von Fischern gemeldeten, während zusätzlich noch immer zahlreiche Todfunde anstranden, die eindeutige Beifangzeichen aufweisen. Der ungewollte Beifang ist noch immer die Todesursache Nr. 1. Selbst der Beifang von Schweinswalen in Grundstellnetzen in deutschen Gewässern überschreitet die "Erheblichkeitsschwelle" (des Art. 44 Abs. 1 Nr. 2 BNatSchG., Quelle s.u.: A. PROELß/J. KIRSCHEY (1)).

Das Paradoxe ist, dass selbst in Schweinswalschutzgebieten diese Art der Fischerei erlaubt ist. Wie kann das sein? Die neue Veröffentlichung von Alexaner Proelß und Jenny Kirschey hat die unbefriedigende Rechtslage zwischen Umweltrecht, Fischereirecht und EU-Recht in Hinblick auf den unzureichenden Schutz der kleinen Wale beleuchtet.

Im Walschutzgebiet vor Sylt ist es untersagt, Wale erheblich zu beeinträchtigen, aber Fischereitätigkeit, so „die Schleppnetzfischerei zum Fang von Fischen zu unmittelbaren Ernährung (Konsumfischerei), der Fang mit anderen Geräten als Treibnetzen sowie mit Stellnetzen, deren gestreckter Abstand zwischen Grundtau und Schwimmerleine 2m nicht überschreitet“, ist erlaubt! Der derzeitiger Stand der Wissenschaft aber besagt über die Fischerei mit Stellnetzen, auch niedrigeren: sie sind die Hauptgefährdungsursache für Schweinswale! Die Schutzvorgaben des schleswig-holsteinischen Kleinwalschutzgebiets sind zudem auf die dänischen Fischereifahrzeuge nicht anwendbar, weil der deutsche Gesetzgeber keine Zuständigkeit besitzt, sondern die EU gemäß der gemeinschaftlichen Fischereipolitik (GFP), und die Einschränkungen bei der EU Kommission nicht angemeldet wurden.

Umsetzung der europäischen Fauna-Flora-Habitatrichtlinie
Die EU-Habitatrichtlinie, besser bekannt als FFH-Richtlinie, gibt eigentlich bei strikter Auslegung einen wunderbaren Rahmen und gute Vorgaben für einen Schutz der Meeressäuger sowie von Meeresökosystemen. Doch es mangelt an der Umsetzung. Zwar sind mittlerweile FFH-Gebiete in Nord- und Ostsee ausgewiesen, doch es fehlen Managementpläne und die Fischerei ist bislang nicht beschränkt.
Die GRD fordert von der Bundesregierung, explizit vom BMELV, endlich die nötigen Schutz-Vorgaben umzusetzen und sinnvolle Managementmaßnahmen bei der EU einzureichen. Die Bundesrepublik Deutschland muss die natur- und artenschutzrechtlichen Pflichten der FFH-Richtlinie umsetzen. Vor allem schädliche Formen von Fischerei müssen verboten, eingeschränkt oder völlig verändert werden.

Alexaner Proelß und Jenny Kirschey kommen zu dem Schluss, dass „für einen effektiven und dauerhaften Schutz der Schweinswale die Etablierung eines ganzjährigen Ausschlusses der Fischerei mit Kiemen- und Verwickelnetzen von Unionsrecht wegen geboten ist“. Auch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) ist dieser Meinung, doch werden vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz nötige Vorgaben bislang „ausgesessen“.

Ein Schweinswal streckt den Kopf aus dem Wasser, das Maul ist leicht geöffnet, ein Flipper ist im klaren Wasser zu erkennenBesserer Schutz der Schweinswal-Kinderstuben
Das Beispiel Sylter Außenriff soll die Rechtssituation deutlich machen: die Schweinswaldichte ist hier kurz nach Geburt der Jungen im Sommer am inneren Rand der AWZ am größten, hier kommen am meisten Kälber vor. Unser „Walschutzgebiet“ reicht aber nur bis zur 12-Meilen-Zone. Das FFH-Gebiet „Sylter Außenriff“ könnte aber durchaus zusätzlich einen besseren Schutz gewährleisten. Entsprechende Schutzgebietsverordnungen sind aber bislang noch nicht erlassen worden, das BMELV kommt seinen Pflichten nicht nach, die Fischerei wird wieder einmal vorne angestellt.

„Mit einer Ausweisung als besonderes Schutzgebiet durch das BMU müssen fischereirechtliche Aktivitäten dem Vermeidungsgebot des Art. 6 Abs. 2 der FFH-Richtlinie (1) genügen. Doch auch nach BNatSchG werden ausschließlich unter deutscher Flagge fahrende Fischereifahrzeuge den in der AWZ geltenden autonomen Fischereibeschränkungen unterworfen. Für ausländische Fischer bedarf es einem Legislativakt der EU, denn in der AWZ gelten zwar souveräne Rechte und Hoheitsbefugnisse für Deutschland, aber auch das europäisches Unionsrecht und hier das geltende Fischereirecht für alle Mitgliedsstaaten, das außer der Treibnetzfischerei jegliche Form der Fischerei noch erlaubt (sowie das Abkommen zur Erhaltung der Kleinwale in Nord- und Ostsee und angrenzenden Gebieten (ASCOBANS) und natürlich das UN-Seerecht.)“, so analysieren die Autoren die Rechtslandschaft und zeigen die Handlungsmöglichkeiten auf.

Das BMELV muss nun zuerst seiner Verpflichtung nachkommen und artenschutzrechtlich sinnvolle Managementpläne, die zum Beispiel mindestens ein Stellnetzverbot, am besten ein völliges Verbot jeglicher Form der Fischerei und anderer menschlicher Nutzung zumindest in einer großen Zone für das Sylter Außenriff enthalten sollten, bei der EU einreichen.

„Nach Verabschiedung entsprechender Schutzgebietsverordnungen hätte sich die Bundesregierung bei der EU-Kommission dann um eine Ausweitung der für deutsche Schiffe geltenden strengen Regeln auf Fischereifahrzeuge aller EU-Mitgliedsstaaten zu bemühen, um ihren Pflichten aus der FFH-Richtlinie gerecht zu werden“, schließen Proelß und Kirschey.

Genau das erwarten wir von der Bundesregierung, wenn ihr ein ernsthafter Meeres- und Biodiversitätsschutz wirklich am Herzen liegt!

Auch die Fischer sind gefragt – Meeresschutz und Nutzung vereinbaren
Ein Schweinswal hängt tot im Stellnetz.Mit der GFP der EU sollte ein Umdenken im Fischereisektor stattfinden. Jahrzehntelanger Raubbau an den Fischbeständen hat viele an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Das Akzeptieren unselektiver Netze hat einen millionenfachen Beifang an anderen Arten oder zu kleinen Fischen erlaubt, Tod durch Ertrinken für Schweinswale zum Beispiel und eine immense Verschwendung an Ressourcen, wenn Nicht-Zielarten wieder über Bord geworfen wurden.

Doch der Fischereisektor bleibt zum großen Teil hinter Vernunftdenken und Einsicht sowie verantwortungsvollem Einsatz zum Schutz der selbst genutzten und damit überlebenswichtigen Ressourcen zurück. Ebenso ist ein Umdenken zugunsten wichtiger Meeressökosysteme und Meeressäugetierschutz angebracht. Nicht das Festhalten an starren veralteten Strukturen, sondern innovative Lösungen sind auch hier gefragt – und das fängt bei jedem Berufsfischer an: Meldung von Beifängen, Einsatz selektiver Fischfanggeräte, eigene Ideen zur Verbesserung. Früher gab es viel mehr Fisch, größere Fische und mehr Schweinswale. Die Fische wurden mit Körben aus der Nordsee geholt, so einfach war das Fischen bei den großen Schwärmen. Wieder ein gesundes System herzustellen, muss doch auch im Interesse jedes einzelnen Fischers liegen.

Bestandserholung ermöglicht Einkommensverbesserungen, erfordert aber jetzt entsprechende Weichenstellungen, die zunächst einmal schmerzhaft sein können! Würde nach ökologischen und sozialen Kriterien gefischt, würden sich auch die Fisch-Bestände wieder erholen. Alternative Fangmethoden wie bestimmte Fischfallen oder modifizierte Langleinen und automatisierte Pilkangeln (Jiggingmaschinen) sollen in Projekten mit Fischern ausprobiert und an die lokalen Bedürfnisse angepasst werden.

Pinger sind Vergrämer
Pinger, akustische Signalsender für Schweinswale, die an Fischernetzen angeracht werden, genügen in FFH-Schutzgebieten den Vorgaben der FFH-Richtlinie für besonderen Schutzgebieten (SACs- speciell areas for conservation) nicht!
Pinger sind Vergrämer, sind zeit- und gebietsweise an Stellnetzen der meisten Fischereifahrzeuge in der Nordsee Pflicht und durchaus können sie den Beifang von Schweinsale verhindern, doch zum einen vergrämen sie die Tiere und vertreiben sie tatsächlich aus ihrem Lebensraum. Wenn viele der Netze in einem Gebiet ausgelegt werden, bedeutet das für die Schweinswale schon einen großen Gebiets- und somit Nahrungsverlust. Zum anderen erfordern die Pinger einen hohen Aufwand an Wartung und sie funktionieren deshalb auch oft nicht und stellen dann eine zusätzliche Gefahr dar. Auch können sich Schweinswale an den Lärm der Pinger gewöhnen und ihn ignorieren.

Selbst neuentwickelte Warnsignalgeber, sogenannte PALs, die in der Testphase sind und identifizierte Schweinswal-Warnlaute geben sollen, wären zwar, sollte sie sich als erfolgreich und anwendbar herausstellen, wunderbar für ihren Einsatz in der Fischerei, aber ständige Warnlaute sind nicht vertretbar in einem ausgewiesenen Schutzgebiet, ihre Verwendung innerhalb von Schutzgebieten wäre ebenso wenig angebracht wie die von Pingern.

 

Kurz zur Ostsee
Ausgestorben - das könnte bald für eine Population des Ostsee-Schweinswals gelten, die sich genetisch vom Rest unterscheidet und nur noch aus wenigen Hundert Individuen besteht. Nur strikte Maßnahmen wie ein völliges Verbot der Fischerei mit Netzen und ein ausgezeichnetes Schutzgebiet könnten das endgültige Aus stoppen.

Denise Wenger

Quelle: (1) Proelß, Alexander, & Kirschey, Jenny, 2012NuR (2012) 34: 378-385, Springer Verlag

Schweinswale brauchen Hilfe!

Schweinswal taucht ab. Foto: S.Koschinski

Schweinswale suchen Freunde!

Ein Schweinswal schaut neugierig aus dem Wasser. Foto: S.Koschinski | FjordBaelt, DK, fjord-baelt.dk

Erste Hilfe für Schweinswale

Offensichtlich unverletzte Tiere, die z.B. durch Wellenschwall an Land gespült wurden, bitte wieder zurück ins Wasser bringen!

Finden Sie einen schwer verletzten Schweinswal am Strand, lassen sie ihn am besten dort liegen, er hat sich vermutlich selbst ans Ufer gebracht, um weiter atmen zu können. Auf keinen Fall verletzte oder sehr schwache Tiere wieder zurück ins Wasser schubsen, denn sie müssen zum Atmen ja an die Wasseroberfläche, sind sie zu geschwächt, können sie das aus eigener Kraft nicht mehr tun.

Das Blasloch oben am Kopf sollte sich nicht unter Wasser befinden. Wenn Sie keine Scheu haben und es möglich ist, dann lagern sie das verletzte Tier im flachen Wasser sicher, sodass es atmen kann. Waschen Sie sich aber danach gründlich die Hände.

Rufen Sie am besten sofort uns:
 0176-222 08 271, die Polizei/Wasserschutzpolizei oder den Amtsveterinär an, damit man sich um das verletzte Tier kümmern kann. In den meisten Fällen sind die Verletzungen so groß, dass man nicht mehr viel tun kann, aber es konnten auch schon Schweinswale gerettet und gesund gepflegt werden.
Denise Wenger