Ein Schweinswal schwimmt vor dem Aquarium in Wilhelmshaven, er hebt den Kopf halb aus dem Wasser, ein Auge ist gut sichtbar, das Maul jedoch nichtPressemitteilung, 21.08.2012 - Nach jahrzehntelanger Abwesenheit schwimmen Schweinswale wieder regelmäßig im Frühjahr in die Flüsse an der deutschen Nordseeküste, das hat die Datenerhebung der Biologin Denise Wenger von der Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD) ergeben.

2007 initiierte die GRD aufgrund wiederholter Schweinswalsichtungen in der Weser ein Meldeprogramm.

"Die ersten Daten zeigten, dass sich die Schweinswale vor allem im Frühjahr in den Monaten März bis Mai in der Weser aufhalten. Literaturrecherchen ergaben, dass die Kleinen Tümmler vor etwa 100 Jahren vor Verschmutzung der Flüsse weit in die Flussläufe schwammen, sogar bis südlich von Bremen, wahrscheinlich Fischschwärmen folgend. Und dieses könnte auch heutzutage der Grund für ihren Aufenthalt in Jade, Weser und Elbe sein", erläutert Denise Wenger, Diplom-Biologin bei der GRD.

Über 130 Meldungen von Sichtungen in der Weser mit dabei insgesamt 172 beobachteten Schweinswalen und 44 Meldungen mit insgesamt 98 in der Elbe gesichteten Tieren sind vom 6. März 2012 bis zum 23.Juli 2012 bei der GRD eingegangen. Die Zahl ist allerdings noch nicht von Mehrfachsichtungen bereinigt.

Keine Irrgäste:
Aufgrund der jetzigen Datenlage müssen Schweinswale nun wieder als fester Bestandteil der Biozönose der Unterläufe der Flüsse Weser und Elbe betrachtet werden. Sie kommen jedes Jahr in einem gewissen Zeitfenster dort vor und dies gehört zu ihrem natürlichen Verhaltensrepertoir.

Der Schweinswal ist nach der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie eine besonders streng geschützte Art.

Ein Schweinswal streckt den Kopf aus dem Wasser, das Maul ist leicht geöffnet, ein Flipper ist im klaren Wasser zu erkennenDie Biologin hat herausgefunden, dass Schweinswale jedes Frühjahr weit in die Unterläufe der Flüsse, bis nach Bremen und Hamburg, schwimmen und es sich dabei nicht um verirrte Tiere handelt.

Die Schweinswale folgen allem Anschein nach wandernden Fischschwärmen. Ihre räumlich-zeitliche Verteilung im Frühjahr deckt sich mit dem Einwandern von Fischarten wie Stint und Finte, die in den Flüssen ablaichen.

Ob sie die begehrte Beute darstellen, muss noch überprüft werden. Besonders in der Elbe wurden in diesem Jahr sogar Gruppen von bis zu 10 Schweinswalen gesichtet und einige hielten sich über sechs Wochen in einem bestimmen Elbabschnitt nahe dem Hamburger Yachthafen in Wedel und dem Mühlenberger Loch auf.

Das bevorzugte Aufenthaltsgebiet der Schweinswale in der Elbe entpuppte sich als Hauptablaichgrund der Finte.

"Inzwischen haben wir auch 10 Meldungen erhalten, die auf neugeborenen Kälber hinweisen, darunter in diesem Jahr leider sogar zwei Totfunde. Mit nur 60 cm Länge muss es sich um diesjährige Kälber handeln, die wahrscheinlich sogar im Ästuar oder Flusslauf geboren wurden", berichtet Wenger. Insgesamt gab es über 20 Totfunde in Weser und Elbe.

Wengers Recherchen in historischer Literatur hatten ergeben, dass die Meeressäuger bis Anfang des letzten Jahrhunderts regelmäßig in den Flüssen gesichtet wurden, sogar noch viel südlicher, heute halten sie Wehre von ihrer Weiterreise ab. Dann verschwanden die Schweinswale für viele Jahrzehnte aufgrund negativer anthropogener Eingriffe, wie direkte Bejagung, Begradigung und Verschmutzung der Flüsse, Rückgang der Fische und Beifang.

Ein Schweinswal schwimmt im Nassau-Hafen vor einem kleinen auslaufenden Katamaran"Durch ihren Aufenthalt in den Flüssen rücken die bedrohten Meeressäugetiere auch wieder mehr in den Fokus der Öffentlichkeit, die Schweinswale sind sozusagen zum Greifen nahe gekommen, denn sogar von Land aus - vom Deich, aber auch von Büros und Wohnzimmern aus -, von den Fähren und natürlich von Seglern und anderen Bootsfahrern werden die Schweinswale ganz nah gesehen", berichtet die Mitarbeiterin der GRD. "Interessant waren auch die Beschreibungen des Verhaltens der Wale, die einige Beobachter begeistert gegeben haben."

Bedrohungsfaktoren:
Hauptbedrohungsfaktoren für die Kleinen Tümmler sind heutzutage vor allem der zwar ungewollte, aber häufige Beifang in Fischernetzen, der Rückgang ihrer Nahrungsgrundlage durch die industrielle Überfischung sowie zunehmend auch die Verlärmung der Meere durch Schiffsverkehr, Ölbohrungen, Sprengungen von Munitionsaltlasten und Rammarbeiten, z.B. für Offshore-Windkraftanlagen.

Lärm kann die sich akustisch orientierenden Meeressäuger zeitweise aus Gebieten vertreiben, aber auch wie bei Sprengungen oder dem Einsatz von Airguns bei der Rohstoffsuche Organe direkt schädigen und bis zum Tod führen.

Schadstoffe aus der Industrie und Landwirtschaft, die über die Flüsse ins Meer getragen werden, reichern sich bei den am Ende der Nahrungskette stehenden Zahnwalen an und beeinträchtigen ihre Fertilität und Gesundheit.

Risiko im Fluss:
Dass die vielbefahrenen Wasserstraßen Weser und Elbe keine besonders guten Lebensräume für die Kleinen Tümmler darstellen, liegt auf der Hand. In den zum Teil engen Flussläufen stellen anscheinend vor allem schnelle Motorboote eine Gefahr dar. Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass Schweinswale tödliche Verletzungen durch Schiffsschrauben erlitten hatten.

Die GRD setzt sich für den Schutz der Schweinswale und die Umsetzung der europäischen FFH-Richtlinie ein.

Alle Schweinswalsichtungen 2012 können auf Online-Karten auf der Internetseite der GRD eingesehen werden.
Denise Wenger

Schweinswale brauchen Hilfe!

Schweinswal taucht ab. Foto: S.Koschinski

Schweinswale suchen Freunde!

Ein Schweinswal schaut neugierig aus dem Wasser. Foto: S.Koschinski | FjordBaelt, DK, fjord-baelt.dk

Erste Hilfe für Schweinswale

Offensichtlich unverletzte Tiere, die z.B. durch Wellenschwall an Land gespült wurden, bitte wieder zurück ins Wasser bringen!

Finden Sie einen schwer verletzten Schweinswal am Strand, lassen sie ihn am besten dort liegen, er hat sich vermutlich selbst ans Ufer gebracht, um weiter atmen zu können. Auf keinen Fall verletzte oder sehr schwache Tiere wieder zurück ins Wasser schubsen, denn sie müssen zum Atmen ja an die Wasseroberfläche, sind sie zu geschwächt, können sie das aus eigener Kraft nicht mehr tun.

Das Blasloch oben am Kopf sollte sich nicht unter Wasser befinden. Wenn Sie keine Scheu haben und es möglich ist, dann lagern sie das verletzte Tier im flachen Wasser sicher, sodass es atmen kann. Waschen Sie sich aber danach gründlich die Hände.

Rufen Sie am besten sofort uns:
 0176-222 08 271, die Polizei/Wasserschutzpolizei oder den Amtsveterinär an, damit man sich um das verletzte Tier kümmern kann. In den meisten Fällen sind die Verletzungen so groß, dass man nicht mehr viel tun kann, aber es konnten auch schon Schweinswale gerettet und gesund gepflegt werden.
Denise Wenger