12.08.2008 | Berlin/München/Quickborn - Die Naturschutzverbände NABU, Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM) und Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD) kritisieren deutlich Aussagen des Landwirtschaftsministeriums in Kiel, nach der aktuelle Ergebnisse von Schadstoffmessungen bei Probesprengungen in der Ostsee vor Heidkate angeblich nachweisen sollen, dass von der Sprengung von Weltkriegsmunition keine Gefahr für die Meeresumwelt ausgehe. Die drei Verbände werfen dem MLUR vor, eine dreiste Desinformation der Öffentlichkeit zu betreiben.
„Man gewinnt den Eindruck, im Landwirtschaftsministerium hat man die eigene Studie nicht verstanden“, erklärt der Biologe Ulrich Karlowski von der GRD. Erstmals konnte durch die Untersuchung nämlich zweifelsfrei belegt werden, dass bei Unterwassersprengungen der Sprengstoff nicht vollständig verbrennt und stattdessen großflächig verteilt werden kann. Nach der neuen Studie wurde der hochgiftige und Krebs erregende Sprengstoff Trinitrotoluol (TNT) noch in 100 m Entfernung von der Sprengstelle mit Hilfe eines aus Aktivkohle bestehenden Passivsammlers nachgewiesen, der das Potential hat, sich über die Nahrungskette in Meerestieren bis hin zu Speisefischen und Meeressäugetieren anzureichern.
„Dass nur Spuren von TNT auf dem Sammler gemessen werden konnten, war zuvor bekannt und liegt prinzipiell im Versuchsaufbau begründet“, erklärt Petra Deimer, Biologin der GSM. Die vorliegenden Messungen lassen daher auch nur Aussagen darüber zu, welche Stoffe ins Meer gelangen, nicht aber, in welcher Menge dies geschieht.
Auch gilt die Aussage des Gutachtens explizit nur für die untersuchten, sehr kleinen Ladungsgrößen von bis zu 14 kg Sprengstoff. Diese Einschränkung wird in der Studie deutlich hervorgehoben, aber vom Umweltministerium bewusst verschwiegen. Bei Seeminen von bis zu 350 kg Ladungsgewicht, die über 60 Jahre im Meer gelegen haben, sind die Hüllen jedoch zum Teil so stark korrodiert, dass die Wahrscheinlichkeit einer unvollständigen Verbrennung noch größer ist als in dem nun vor Heidkate nachgewiesenen Fall. „Schlimmstenfalls wird durch die angebrachte Haftladung der giftige Sprengstoff in korrodierten Großsprengkörpern nur weiträumig in der Umgebung verteilt und die Brocken in der Folge an den Strand gespült“, befürchtet Hermann Schultz, Landesvorsitzender des NABU.
Die drei Verbände erneuern daher ihre Forderung an das Umweltministerium, Bioindikatoren wie Miesmuscheln auf sprengstofftypische Verbindungen und deren Abbauprodukte untersuchen zu lassen. Nur so ist eine sachgerechte Beurteilung der Aufnahmefähigkeit in Organismen möglich. Die erneut praktizierte, fachlich unsaubere Verharmlosung der Gefahr ist eine dreiste Desinformation der Öffentlichkeit und steht einer Lösung des Problems im Wege.
GRD, GSM und NABU fordern die Landesregierung zudem auf, wie von NABU, GRD und GSM angeboten und mit dem Innenministerium abgesprochenen die gewonnenen Ergebnisse der Untersuchungen vor Heidkate vor einer Veröffentlichung gemeinsam mit Experten zu diskutieren, statt sie fachlich unqualifiziert durch das Landwirtschaftsministerium als Unbedenklichkeitsbescheinigungen verbreiten zu lassen. Sonst läuft die Landesregierung akut Gefahr, mitten in der Urlaubszeit eine Diskussion über die Bedrohung von Badetouristen durch strandnahe Munition loszutreten.
Weitere Informationen:
Sven Koschinski, Tel. 04526-381716
Ingo Ludwichowski (NABU-SH), Tel. 04321-53734
Ulrich Karlowski (GRD) Tel. 089-74160410
Link zur Originalstudie (pdf)
03.07.2007 - Die drei Naturschutzverbände Naturschutzbund NABU, Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM) und Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD) reagieren deutlich kritisch auf eine Medieninformation des Ministeriums für Ländliche Räume (MLUR) vom 3. Juli 2007, in der aktuelle Untersuchungsergebnisse von Wasser- und Sedimentproben angeblich belegen sollen, dass von den 90 Torpedosprengköpfen und Seeminen vor Heidkate keine Gefahr für die Meeresumwelt ausgeht.
"In einem sandigen Sediment, und erst recht im Meerwasser ist bei schwer wasserlöslichen Stoffen wie TNT aufgrund der schnellen Verdünnung ohnehin nicht mit hohen Konzentrationen zu rechnen", erklärt die Biologin Petra Deimer von der GSM, "gefährlich sind vielmehr Sprengstoffpartikel, die aus den korrodierten Sprengkörpern herausbröckeln und über filtrierende Organismen wie Muscheln in die Nahrungskette gelangen."
Es ist nach Auffassung der Verbände zudem nicht ausgeschlossen, dass TNT-Brocken auf Sandböden im Flachwasser durch Wellenschlag und Strömungen bis zum Strand gespült werden.
Einen Grenzwert für Kinderspielplätze auf ein Ökosystem anzuwenden, wie in der Medieninformation des Ministeriums erfolgt, spricht für wenig Sachkenntnis. Wirbellose und Fische nehmen schließlich krebserregende Sprengstoffe direkt über die Nahrung und über die Kiemen auf. In der Nahrungskette treten zudem Anreicherungsvorgänge auf. Die Geringfügigkeitsschwelle bei Grundwasserverunreinigungen beträgt 0,2 Mikrogramm/kg. Demgegenüber ist der vom MLUR angegenene Messwert von 7 mg/kg extrem hoch.
"Geringe Messwerte in Wasser- und Bodenproben müssen weiter dafür herhalten, eine Bergung der Munition pauschal abzulehnen. Statt dessen wird indirekt der Sprengung der Vorzug eingeräumt", erläutert Ulrich Karlowski, Diplom-Biologe bei der GRD.
Das Umweltministerium führt an, dass bei einer Bergung die Gefahr des Auseinanderbrechens der Munitionsteile und damit eine schlagartige Freisetzung größerer Schadstoffmengen mit erheblichen nachteiligen Folgen für den Meeresgrund zu befürchten ist. "Es existieren mittlerweile jedoch andere Möglichkeiten, die eine umweltsichere und gefahrlose Bergung der Munition erlauben", erklärt Ingo Ludwichowski vom NABU.
Die Verbände betonen, dass es insbesondere bei Sprengungen, der bisher bevorzugten Methode zur "Vernichtung" von Munitionsteilen, zu einer schlagartigen Freisetzung größerer Schadstoffmengen kommt, weil der giftige Sprengstoff dabei nur unvollständig umgesetzt wird. Die Zusammensetzung des Chemikaliencocktails aus diversen organischen Schadstoffen ist nicht bekannt und deren Gefährlichkeit daher nicht annähernd abzuschätzen. Zudem wird durch die Detonation andere Munition beschädigt, die nicht explodiert, dabei aber wiederum Sprengstoffe freigibt. Diese kann nur teilweise durch Taucher geborgen werden.
In der Vergangenheit hatten die Umweltverbände bereits mehrfach die Sprengungen kritisiert, da durch hohe Schalldrücke und Druckwellen auch Meeressäugetiere und Fische verletzt oder getötet werden können. Das schleswig-holsteinische und das mecklenburg-vorpommersche Innenministerium hatten daraufhin ein Moratorium erlassen.
Im Herbst veranstalten die drei Verbände ein Symposium, um andere Formen der Munitionsbergung und Beseitigung vorstellen und erörtern zu lassen.
© Foto: S. Nehring