Lübeck, 11.04.2008 | Quellen: dpa/lno - Schleswig-Holsteins Innenministerium will Klarheit zu den in der Lübecker Bucht vermuteten Kampfmittelresten schaffen.
Eine Spezialfirma soll in der nächsten Woche vor Pelzerhaken in einem aufwendigen Verfahren unter Wasser Proben aus dort georteten Metallbehältern entnehmen. Das kündigte Innenminister Lothar Hay (SPD) am Freitag bei einem Besuch in Lübeck an. Es wird vermutet, dass es sich dabei um Kampfmittelreste handelt, die 1961 vor Lübeck-Travemünde versenkt und dann von der Strömung abgetrieben wurden. Die Kosten von rund 500 000 Euro will das Land übernehmen, weil Lübeck die Versenkung nachweislich nicht angeordnet hatte.
-> -> Pressemitteilung Umwelt-Technik-Metallrecycling GmbH vom 2. April 2008:
Gasflaschenfund in der Lübecker Bucht (pdf)
-> -> Lübecker Nachrichten vom 14.04.2008: Probe-Bergung in der Ostsee (pdf)
In seiner Rede zum Thema Kampfmittelablagerungen in der Ostsee im Schlewsig-Holsteinischen Landtag setzte Axel Bernstein (CDU) eine erschreckende Duftmarke der Ewiggestrigkeit und meinte doch glatt, dass die Munitionsaltlasten dort bleiben sollten, wo sie sind: in der Ostsee!
Bernstein bezog sich dabei u.a. auf eine Falsch-Aussage des ehemaligen Umweltministers von Schleswig-Holstein, Klaus Müller (Bündnis 90/Die Grünen), der im Jahr 2000 meinte behaupten zu können: "In deutschen Hoheitsgewässern wurde keine Kampfstoffmunition versenkt, das Gefährdungspotential ist als gering einzustufen und es ist kein Handlungsbedarf gegeben".
Den vollständigen Text der Rede finden Sie hier:
Axel Bernstein:
Reißerische Panikmache hilft nicht weiter
Neumünster, Quickborn, München, 29. Februar 2008 Einen Kraftakt bei der Beseitigung von Munitionsaltlasten im Meer fordern die drei Naturschutzverbände NABU, Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD) und Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM). Das aktuelle Vorgehen des schleswig-holsteinischen Innenministeriums, verdächtige Giftgasgehälter in der Lübecker Bucht untersuchen und bergen zu lassen und neue Methoden zur Beseitigung konventioneller Munition vor Heidkate zu testen, gibt den drei Verbänden Anlass zum vorsichtigen Optimismus. Dies kann nach Ansicht von GSM, GRD und NABU jedoch nur der erste Schritt zu einer gefahrlosen und umweltgerechten Entsorgung von Munitionsaltlasten im Meer sein. Die Initiative muss nun von Politik, maritimer Wirtschaft und Forschungseinrichtungen im Land gemeinsam aufgenommen und weitergetragen werden, fordern die drei Verbände anlässlich der heutigen Debatte im Kieler Landtag.
Schleswig-Holsteins maritime Wirtschaft bietet schon heute das nötige Know-how, um gefährliche Rüstungsaltlasten vom Meeresgrund zu heben und gefahrlos zu beseitigen. „Wir haben im Land auch exzellente Forschungseinrichtungen, die entsprechende Methoden weiterentwickeln können, die noch erprobt oder optimiert werden müssen“, stellt Petra Deimer von der GSM fest. „Nur anpacken müssen wir das Problem - sofort und nachhaltig!“
Mit welchen Verfahren man die bis zu 300.000 Tonnen chemische Kampfstoffmunition und mehrere 100.000 Tonnen konventionelle Munition, die allein in der Ostsee vermutet werden, bergen und gefahrlos entsorgen kann, hatten die Naturschutzverbände auf einem Symposium im Oktober 2007 in Kiel vorgestellt. Experten aus Deutschland und den USA stellten entsprechende Methoden vor: Vereisung, Wasserstrahlschneidtechnik, Unterwasserroboter, Photolyse und Beseitigung vor Ort in mobilen Verbrennungsöfen sind Bausteine möglicher Alternativen zu Sprengungen. Auch Blasenvorhänge, wie sie im März vor Heidkate zum Schutz von Schweinswalen zum Einsatz kommen werden, wurden präsentiert.
Die mit Altmunition am meisten belasteten Gebiete an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste sind nach Auswertungen des Munitionsexperten Dr. Stefan Nehring die Lübecker Bucht, das Seegebiet vor Heidkate und die Schleimündung. An der Nordsee sind dies vor allem die Küsten von Sylt und Helgoland. „Der Zustand der Munitionsteile ist teils so desolat, dass man befürchten muss, dass hochgiftige und Krebs erregende Sprengstoffe an die Strände gespült werden“, befürchtet Ulrich Karlowski von der GRD. Zum Teil lagern Sprengstoffe wie vor Heidkate in unmittelbarer Strandnähe und im Zugriffsbereich von Hobbytauchern.
Eine vom Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume MLUR veranlasste Untersuchung von Wasser- und Sedimentproben aus Heidkate wies angeblich nach, dass von Sprengstoffresten keine Gefährdung der Meeresumwelt ausgehe. Toxikologen kritisierten jedoch auf dem Kieler Symposium deren Methodik und Aussagekraft. Nun kommt das Ministerium der Forderung von NABU, GSM und GRD nach, Miesmuscheln am Fundort auf angereicherte giftige Sprengstoffe untersuchen zu lassen.
Unterwasserschallexperten der Bundeswehr planen in der nächsten Woche zudem im Munitionsversenkungsgebiet „Heidkate“ am Ausgang der Kieler Förde Probesprengungen von Altmunition. Dabei wird zum Schutz der bedrohten Ostsee-Schweinswale erstmals ein Blasenvorhang zum Einsatz kommen. Dieser soll die Entstehung einer starken Druckwelle verhindern, die Kleinwale noch in vier Kilometern Entfernung vom Sprengort tötet. Auf dieses Vorgehen hatten sich vor kurzem das für die Gefahrenabwehr zuständige Innenministerium, Bundeswehr, Umweltbehörden und Umweltverbände geeinigt. GSM, NABU und GRD begrüßen, dass nun begonnen wird, die im Oktober 2007 vorgestellten Alternativen zur Sprengung auch zu testen. Allerdings sind „schallgeschützte“ Sprengungen nach Auffassung der Verbände nur ein Zwischenschritt zu einer umweltgerechten Lösung, da der tödliche Schall nur abgemildert wird und weiterhin Schadstoffe freigesetzt werden können. Der Munitionsräumdienst in Mecklenburg-Vorpommern wird daher auch das Verfahren einer Lübecker Spezialfirma testen, bei dem mit Hilfe neuer Wasserstrahltechnik Munitionsteile unter Wasser entzündert und zerlegt werden können.
Dringend erforderlich ist nach Ansicht der Verbände auch, dass alle auf Seekarten verzeichneten Munitionsareale und weitere Verdachtsgebiete umgehend flächendeckend kartiert werden.„Ein offensives Herangehen an das Thema Altmunition im Meer ist dringend notwendig“, stellt NABU-Landesvorsitzender Hermann Schultz abschließend fest. „Es legt den Grundstein dafür, Rüstungsaltlasten gefahrlos und umweltgerecht zu beseitigen und damit unsere Küsten deutlich sicherer zu machen.“
Kontakt:
Dipl. Biol. Sven Koschinski, Tel. 04526-381716
Ingo Ludwichowski, Tel. 0160-96230512
Presserklärung als pdf (98KB)
Weitere Informationen zu Rüstungsaltlasten im Meer:
www.NABU-Meeresschutz.de
www.kolberger-heide.de
Neumünster, Quickborn, München, 5. Februar 2008 - "Als der Gefahrenlage nicht angemessen" kritisieren NABU, Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD) und Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM) das Stillhalten der Hansestadt Lübeck bei den Giftgasfunden in der Lübecker Bucht. Die Naturschutzverbände fordern die Hansestadt auf, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, um die Giftgasflaschen orten und beseitigen zu lassen.
"Die Bergung von vornherein aus Kostengründen abzulehnen ist verantwortungslos und fahrlässig", kommentiert Petra Deimer von der GSM. Eine fachgerechte Einschätzung über die Gefahrenlage ist nur möglich, wenn Lage und Zustand der Flaschen bekannt sind. Ein pragmatisches Handeln sähe nach Ansicht der Naturschutzverbände so aus, mit den Wracksuchschiffen der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes unverzüglich die Flaschen im Umkreis der bekannten Versenkungsstelle orten zu lassen.
Dann ist es Aufgabe des Munitionsräumdienstes des Landes, den Zustand der Behälter zu prüfen und die Möglichkeit einer Bergung zu untersuchen. Erst danach kann man sich ein konkretes Bild über die Kosten einer Bergung verschaffen. Genehmigungsbehörde und Verursacher sind dabei gemeinsam in die Pflicht zu nehmen.
"Es ist eine Schande, dass eine Stadt, die in Travemünde auf den Tourismus setzt, das Thema nicht ehrlich und offensiv angeht. Je länger abgewiegelt wird, desto größer der Schaden für den Tourismus", warnt NABU-Landesvorsitzender Hermann Schultz. Die Stadt konterkariert mit ihrem Verhalten in Travemünde die Bemühungen zur Verbesserung des Tourismus. Anleger investieren im Seebad Travemünde dreistellige Millionenbeträge, während auf der anderen Seite das Thema ausgesessen werden soll.
Nachdem GRD, GSM und NABU am 22. Januar 2008 die Stadt Lübeck zur Bergung des Giftgases aufgefordert hatten, erklärte Umweltsenator Thorsten Geißler in einem Radiointerview, der Senat wüsste seit Ende 2006 von der Giftgaslagerstätte: Es gehe von den Kampfmitteln keine Gefahr aus. Offensichtlich bezog sich Geißler dabei aber auf ein anderes, mit konventioneller Munition belastetes Gebiet in der Lübecker Bucht. Oder sind den Behörden noch mehr Giftgasversenkungen bekannt, von denen die Öffentlichkeit bisher nichts weiß?
Am 31. Januar 2008 befasste sich die Bürgerschaft auf Antrag der FDP erneut mit dem Thema. Ergebnis: Ein peinliches Weiterreichen der Verantwortung. Die CDU weist auf die hohen Kosten einer Bergung hin und will erst die Gefahrenlage auf Aktenbasis prüfen lassen. Die SPD sieht nur den Bund in der Verantwortung, weil der vermutlich 1961 die Genehmigung zur Versenkung in der Bundeswasserstraße erteilt hat. Passieren tut jedoch nichts.
Bei den vor Travemünde entsorgten Kampfstoffen handelt es sich um 520 l Chlorgas und 10 l Phosgen, zwei besonders gefährliche chemische Kampfstoffe. "Metallflaschen am Grunde flacher Gewässer bleiben nicht für alle Zeiten dort. Wenn sie korrodiert an Deck eines Fischkutters gelangen oder an einem belebten Badestrand Gas entweicht, gibt es eine Katastrophe", erklärt Ulrich Karlowski von der GRD.
Bis zu 300.000 Tonnen chemische Kampfstoffmunition und mehrere 100.000 Tonnen konventioneller Munition werden als gefährliches Erbe zweier Weltkriege am Grund der Ostsee vermutet. Die meisten Chemiewaffen wurden zwischen 1945 und 1947 im Bornholmbecken und Gotlandtief sowie auf den Zufahrtswegen zu den Versenkungsgebieten verklappt. Aber auch an unseren Küsten tickt die Zeitbombe.
Weitere Informationen zu Rüstungsaltlasten im Meer:
www.NABU-Meeresschutz.de
www.kolberger-heide.de
Neumünster, Quickborn, München, 21. Januar 2008 - NABU, Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD) und Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM) fordern von der Hansestadt Lübeck die Beseitigung eines höchst gefährlichen Erbes aus dem Zweiten Weltkrieg. Nach Darstellung des Munitionsexperten Dr. Stefan Nehring aus Koblenz anlässlich des von den drei Naturschutzverbänden veranstalteten Symposiums ,Neue Methoden der Munitionsbeseitigung in Nord- und Ostsee' wurden 1961 auf Anordnung der Hansestadt Lübeck 13 Flaschen mit insgesamt 520 l Chlorgas und je eine Flasche mit 10 l Lachgas bzw. 10 l Phosgen versenkt. Die Versenkung erfolgte vor der Travemündung bei ca. 20 m Wassertiefe.
Bei Chlorgas und Phosgen handelt es sich um besonders gefährliche chemische Kampfstoffe, die im 1. und 2. Weltkrieg produziert wurden. Die Versenkung wurde damals offiziell als "Chemikalienbeseitigung" deklariert, damit sie nicht als Munitionsaltlast zu führen ist. So ist die Versenkungsstelle auch bis heute auf keiner amtlichen Seekarte verzeichnet. Die genaue Herkunft der Kampfstoffe ist nicht bekannt.
In einem Brief an den Bürgermeister Bernd Saxe haben die drei Naturschutzverbände die Hansestadt Lübeck als Verursacher aufgefordert, umgehend die gefährlichen Kampfmittel zu bergen und für deren gefahrlose Beseitigung zu sorgen.
"In 20 m Wassertiefe können Kampfstoffbehälter durch Strömungen abgetrieben werden. Die Gefährdung von Strandbesuchern durch angespülte Behälter lässt sich daher nicht restlos ausschließen", erklärt Petra Deimer von der Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere GSM.
Dass Kampfstoffreste an die Küsten getrieben werden, soll nach einer Studie des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) aus dem Jahr 1993 "praktisch auszuschließen" sein. Dies wird allerdings widerlegt durch mehrere Funde von Kampfstoffbomben an den Stränden von Rügen (1954), Bornholm (1992) und in Polen.
Das Anspülen von Giftgas in der Lübecker Bucht ist jedoch nur ein Teil des Problems, das von den zahlreichen Munitionsaltlasten im Meer ausgeht. Spurenmetalle aus Munitionsteilen (z. B. Quecksilber aus Zündern oder Arsen aus den chemischen Kampfstoffen Clark oder Adamsit) reichern sich in Speisefischen und anderen Meeresorganismen an. Auch das zähflüssige Senfgas wird kaum abgebaut. Konventionelle Sprengstoffe wie Trinitrotoluol sind Krebs erregend und wirken in der Meeresumwelt hoch toxisch. Sprengungen unter Wasser gefährden Meeressäugetiere.
NABU-Landesvorsitzender Hermann Schultz: "Nachdem auf dem Symposium über neue Methoden zur Munitionsbeseitigung in Nord- und Ostsee gezeigt wurde, dass Techniken für die Bergung und Beseitigung von Altmunition zur Verfügung stehen, ist es nun Zeit zu handeln. Das Risiko für die Meeresumwelt und den Tourismus wird umso größer, je länger wir warten. Es ist bereits jetzt nicht mehr hinzunehmen."
Bis zu 300.000 Tonnen chemische Kampfstoffmunition und mehrere 100.000 Tonnen konventioneller Munition werden als gefährliches Erbe zweier Weltkriege am Grund der Ostsee vermutet. Die meisten Chemiewaffen wurden zwischen 1945 und 1947 im Bornholmbecken und Gotlandtief sowie auf den Zufahrtswegen zu den Versenkungsgebieten verklappt. Aber auch an unseren Küsten tickt die Zeitbombe.