SOS für Schweinswale - Über 140 tote Tiere in 2007!!!

08.01.2008 - Quellen: welt.de|fr-online.de|zeit.de|GRD|dpa|lno|GSM - "Für Schweinswale in der Ostsee war 2007 ein sehr schlechtes Jahr", berichtet die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM). Strandfunde entlang der deutschen Küste zwischen Flensburg und Greifswald belegen, dass 2007 ein trauriges Rekordjahr war: über 140 der "Kleinen Tümmler", wie der quirlige Meeressäuger auch heißt, sind umgekommen. Diese Bilanz ist dramatisch. "Es wurden weit mehr als doppelt so viele Kadaver angetrieben wie 2006", sagt Hans-Jürgen Schütte, der das GSM-Projekt "Wassersportler sichten Schweinswale" koordiniert.

toter SchweinswalDie Todesursachen sind fast immer anthropogen, von Menschen gemacht. Der sensible Lebensraum Ostsee ist zu einer Wasserstraße mit starkem Schiffsverkehr verkommen, von Schadstoffen aus Industrie und Landwirtschaft verschmutzt und überdüngt. Kriegsaltlasten, militärische Übungen und die Ausbeutung von Bodenschätzen wie Kies und Sand, Öl und Erdgas, machen das einzigartige Ökosystem buchstäblich lebensfeindlich.

Mit jährlich rund 65.000 Frachtschiffen gilt die vergleichsweise kleine Ostsee als eines der meist befahrenen Meere der Welt. Auch eine Schwächung des Immunsystems durch Giftstoffe aus in der Ostsee in großen Mengen lagernden Munitionsaltlasten - darunter auch erhebliche Mengen an Giftgas - können nach Ansicht der GRD nicht ausgeschlossen werden.

Bei vielen der Todfunde handelt es sich um Weibchen. Sie sind nach der Geburt anfällig für Infektionen. Besonders tragisch ist dabei, dass den verwaisten Babywalen nicht geholfen werden kann. "Die Muttermilch der Schweinswale kann nicht künstlich hergestellt werden. Wir baten bei einem Fall das Delphinarium in Holland um Hilfe, aber die Spezialisten dort erklärten uns, dass es keine Rettung gäbe, solange sie auf Muttermilch angewiesen sind", bedauert Klaus Harder, Meeresbiologe im Meeresmuseum Stralsund. Aber nicht nur Weibchen sterben nach der Geburt, jährlich verenden viele der Kleinwale in Fischernetzen, andere verlieren die Orientierung wegen des zunehmenden Unterwasserlärms. Verhängnisvoll für ein Tier, dass ein feines Gehör nicht nur zur Kommunikation, sondern auch zur Orientierung nutzt.

toter SchweinswalHader berichtet auch, dass noch vor wenigen Jahren weniger tote Kleinwale an den Ostsee-Stränden gefunden wurden. "Im letzten Jahr registrierten wir rund 40 Tiere, das waren doppelt so viel Funde wie in den Vorjahren", und führt einen weiteren Grund für den Anstieg der Schweinswalfunde an: Strandbesucher und Fischer seien zunehmend sensibilisiert und würden immer mehr Tiere den Behörden melden. Die Tiere werden im Meeresmuseum gesammelt und zunächst tiefgefroren. Ein- bis zweimal im Jahr werden die Kadaver seziert und Gewebeproben entnommen. Von deren Analysen erhoffen sich die Forscher weitere Informationen zu den Todesursachen. Um mehr Informationen über die Population der Tiere zu erlangen, planen die Forscher nun den Einsatz von fliegenden Drohnen.

Sollte es sich bei den Todfunden um Tiere aus der Gruppe handeln, die sich als selbstständige Population in der zentralen Ostsee gebildet hat und an der so genannten Darßer Schwelle heimisch geworden ist, dann wäre dies eine mehr als bedenkliche Entwicklung. Dort leben zwischen 200 und 600 Schweinswale, die nach Ansicht von Experten eine eigene Unterart darstellen. Sie mischen sich nicht mit dem als stabil bewerteten Bestand der rund 230.000 Nordsee-Schweinswale. "Jedes tote Tier ist ein dramatischer Verlust an genetischem Material", sagte der Fachbereichsleiter Meeresbiologie vom Bundesamt für Naturschutz, Henning von Nordheim.

toter Schweinswal an dessen Schwanzflosse ein Backstein gebunden warNach Ansicht der GRD müssen unbedingt weitere Einflüsse wie Beifang, Nahrungsmangel durch Überfischung oder Meeresverschmutzung genauer untersucht werden: "Wenn es sich tatsächlich mehrheitlich um die so genannten 'Deutschland-Wale' handelt, dann ist diese kleine Population jetzt noch stärker gefährdet, vielleicht sogar dem Untergang geweiht", erklärt die GRD.

Um aktuelle Informationen über die Population der Ostsee-Schweinswale zu erlangen, plant das Bundesamt für Naturschutz zusammen mit dem Meeresmuseum ein einzigartiges Pilotprojekt. Sie wollen eine neuartige Technologie testen, bei der unbemannte Flugobjekte, so genannte Drohnen, die Population der Schweinswale exakter erfassen. Diese Technik stecke zwar noch in den Kinderschuhen, werde aber bereits von Fachkollegen am Great Barrier Reef vor der Küste Australiens getestet.

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Kampagne Munitionsaltlasten in der Ostsee