Späte Verluste

Seit 1945 gab es 283 Tote durch Munitionsunfälle an Nord- und Ostsee

01.04.2008 | Quelle: SZ - Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind mindestens 283 Menschen durch Munitionsaltlasten an den Stränden und vor den deutschen Küsten der nord- und Ostsee gestorben. Weitere 285 wurden teils schwer verletzt. Das zeigt die erste derartige Statistik, die der Koblenzer Umweltgutachter Stefan Nehring jetzt in der Zeitschrift Waterkant veröffentlicht hat.

"Die Unfallzahlen dürften aber noch deutlich höher liegen", betont Nehring. Zwar liegt der letzte Todesfall schon 23 Jahre zurück. Doch zeige die Statistik, dass "das Bedrohungspotenzial von Munitionsaltlasten nicht unterschätzt" werden dürfe, sagt Rainder Steenblock, Sprecher für Hafen und Schifffahrt der Grünen im Bundestag. Risiken gingen nicht nur von versenkten Altlasten aus den beiden Weltkriegen aus, sagt Stefan Nehring. Neue Gefahrenquellen stellten auch Munitionsreste von Bundeswehr, Nationaler Volksarmee der DDR, sowjetischer Armee und der NATO dar.

Noch immer liegen mindestens 300 000 Tonnen militärischer Altlasten aus beiden Weltkriegen vor der Küste Niedersachsens und 100 000 Tonnen vor Schleswig-Holstein, so Nehring. Den letzten tödlichen Unfall habe es in der Nordsee 1985 bei Helgoland mit einem von der NATO für die Minenräumung verwendeten Sprenggreifer gegeben. Allein 1984 und 1985 seien mindestens 36 dieser explosiven Sprengkörper von der deutschen Marine auf nicht genau bekannten Positionen in Nord- und Ostsee verloren gegangen.

Nehring geht von einer hohen Dunkelziffer bei Unfällen aus, da viele Verletzungen von Sporttauchern oder Phosphorunfälle in der Fischerei nicht ausreichend dokumentiert seien. "Bis heute haben die Behörden keine Konzepte für den Umgang mit diesem Problem und verschweigen die Gefahren", warnt Nehring. So sei weiterhin in vielen Munitionsgebieten das Fischen und in Phosphor-Problemgebieten das Bernsteinsammeln erlaubt. Zum Schutz von Touristen vor gefährlichem Strandgut müsse dies etwa in Usedom (Mecklenburg- Vorpommern), Laboe (Schleswig-Holstein) und im niedersächsischen Tossens (Kreis Wesermarsch) verboten werden.

Weil den Behörden Munitionsunfälle nicht gemeldet werden müssen, gibt es dazu keine offiziellen Unfallzahlen. Die Bundesländer führen lediglich sporadisch Aufzeichnungen - und halten diese geheim. "Die Heimlichtuerei der Behörden muss ein Ende haben", sagt Angelika Beer, Abgeordnete der Grünen im Europaparlament.

Die Grünen wollen die Bundesregierung im April ofiziell auffordern, die Gefahr zu untersuchen. Ein entsprechender Antrag werde vorbereitet, sagt Steenblock.

Munitionsaltlasten in der Ostsee