Interview mit Jörg Mazur
Delfine und Wale haben den Künstler Jörg Mazur schon seit seiner Kindheit begeistert. Seine beeindruckende Delfin-Installation "Delphinidae Delphinoidae" war 2000 im Senckenberg-Museum in Frankfurt zu sehen.
GRD:
Für Ihr Kunstwerk haben Sie zahlreiche wissenschaftliche Bücher gewälzt. Konnten Sie auch praktische Erfahrungen mit Walen und Delfinen sammeln?
Mazur:
Die Theorie war eine wesentliche Voraussetzung, um mich mit den anatomischen Besonderheiten und der Klassifizierung der Tiere vertraut zu machen. Zur Umsetzung der Skulpturen musste ich aber auch Bewegungsabläufe studieren. So verbrachte ich viel Zeit im Duisburger Delfinarium und unternahm seit 1991 mehrere Reisen zu Walforschungsstationen.
Höhepunkt war ein sechsmonatiger Aufenthalt in Nordamerika letztes Jahr. Dort konnte ich den berühmten Orca-Forschern Paul Spong und Helena Seymours auf Hanson Island, John Ford im Vancouver Public Aquarium und Ken Balkomb im Center for Whale Research auf San Juan Island bei der Arbeit zusehen. Im November flog ich nach Maui, um mir Vorträge zum 13. Kongress über Meeressäuger anzuhören.
So schön und lehrreich diese Erlebnisse auch waren, am Ende war es immer wieder ernüchternd, aus erster Hand zu erfahren, dass und vor allem, wie schlecht es um die meisten Delfinarten steht. Selbst die Zukunft der Schwertwale im Puget Sound vor Vancouver Island ist mehr als ungewiss: Ihr Bestand ist in den letzten fünf Jahren um 15% gesunken.
GRD:
Warum konzentrierten Sie sich in Ihrer Skulptur auf Delfine und Delfinartige?
Mazur:
Seit meiner Kindheit bin ich sowohl von Walen als auch Delfinen fasziniert, sei es wegen ihrer physischen Gestalt, der sozialen Ausrichtung ihrer Lebensgemeinschaften oder der Spekulationen über ihre Intelligenz.
Aber eine harmonische Komposition bei einheitlichem Maßstab wäre mit Walen und Delfinen nicht möglich gewesen. Ich wollte die Installation im Maßstab 1:2 umsetzen, so dass die Abmessungen der Skulpturen
im Durchschnitt etwa denen des menschlichen Körpers entsprechen. Bereits im Maßstab 1:10 wäre jedochder Blauwal noch immer über drei Meter lang, während der Commerson-Delfin mit 14cm sogar die Originalgröße einer Ölsardine noch unterboten hätte.
Ein weiterer Grund war der fehlende Schutz für Kleinwale, zu denen auch die Delfine zählen, und ihre vielfache Bedrohung durch Treibnetze und direkte Bejagung. Wale avancierten in den 80er Jahren durch Protestaktionen, an denen ich mich bereits als Elfjähriger beteiligte und die schließlich zum Internationalen Walfangmoratorium führten, zum Symbol des Naturschutzes. Dagegen leidet das Image der Delfine bis heute unter den Nachwirkungen von Filmen wie "Flipper" und daran, dass er in den Delfinarien die Rolle des Clowns zu spielen hat. Das Zerrbild der Unterhaltungsindustrie vom ewig lächelnden Delfin, der ständig schnattert und in der Luft Purzelbäume schlägt, trübt den Blick auf seine wahre Identität.
GRD:
Hat die Anordnung der Tiere eine besondere Bedeutung?
Mazur:
Bevor die Idee einer Skulpturen-Installation erstmals konkret wurde, hatte ich das Bild einer Delfinschule im Kopf, die an mir vorbeizog. Nach und nach wurde aus diesem bewegten Bild ein dynamisches und anmutiges "Standbild", das gleichzeitig etwas Tragisches und Finales hatte.

Bei der Anordnung bemühte ich mich daher, den Eindruck eines "Kreuzzuges" zu betonen und setzte dazu Narwal und Weißwal an die Spitze.
Der Narwal, mit seinem Horn der einzige "Waffenträger", bringt so als Anführer der Truppe am ehesten zum Ausdruck, dass es um etwas zu kämpfen gilt.
Der Weißwal, wegen seines lauten und durchdringenden Gesangs auch als "Kanarienvogel der See" bezeichnet, ist die einzige Art, die eine Gesichtsmimik besitzt und diese zur Verständigung mit Artgenossen nutzt.
Mit weit aufgerissenem Maul hebt er den Kopf in den Nacken und scheint etwas zu rufen. Als größter der Delfine steht der Orca im Mittelpunkt. Das "Schlusslicht" der Gruppe bilden die Flussdelfine, deren hohe Beweglichkeit sich besonders gut am Ende zum Ausdruck bringen ließ. Während der vordere Teil ihrer Leiber bereits in Schwimmrichtung der anderen zeigt, lassen der extrem gebogene hintere Teil und die Fluke erkennen, dass sie soeben von links und rechts dazu gestoßen sind.
GRD:
Welche Idee liegt Ihrem aus Kunst und Wissenschaft kombinierten Werk zugrunde?
Mazur:
Für mich war die Kombination von Kunst und wissenschaftlichem Interesse an Delfinen perfekt: Ich konnte so Erfahrungen und Erlebnisse der Vergangenheit nutzen, um in der Gegenwart etwas zu erarbeiten, das mir in der Zukunft neue künstlerische Perspektiven bietet.
Kunst bestimmt einen wesentlichen Teil meiner Kommunikation mit der Umwelt. Dabei ist es mir sehr wichtig, dass die Ergebnisse meiner Arbeit auch für andere Menschen nachvollziehbar bleiben. Mit der Installation hoffe ich, in der Gegenüberstellung des Menschen mit einer Delfinschule, die alle Arten als Ganzheit erfasst, ein Gefühl von Verantwortlichkeit und Nähe beim Betrachter hervorrufen zu können.
Interview: Ulrike Kirsch