Juni 2002 - Im Gegensatz zu den meisten Fischarten spielt Überfischung bei manchen Tintenfischarten keine große Rolle für die Entwicklung der Bestände. Zu diesem überraschenden Ergebnis kamen Wissenschaftler der British Antarctic Survey (BAS) , denen es gelang, aufgrund von Messungen der Ozeantemperatur und Strömungen eine Berechnungsgrundlage für die zu erwartenden Fangmengen aufzustellen.
So sagten die Forscher für eines der weltweit wichtigsten Fanggebiete bei den Falkland-Inseln im Südatlantik die extrem niedrige Fangmenge von höchstens 73.000 Tonnen für dieses Jahr voraus. Kurz vor Ende der Saison waren es tatsächlich gerade einmal 10.000 Tonnen, während in guten Jahren bis zu 300.000 Tonnen Kopffüßer mit einem Marktwert von fast 1 Milliarde US-Dollar im Südatlantik gefangen werden. "Es spielt keine Rolle, wie viele Tintenfische in einem Jahr gefangen werden. Wenn die Umweltbedingungen stimmen, dann gibt es im folgenden Jahr eine Tintenfischplage", sagt Paul Rodhouse vom BAS.
Die mit nur einem Jahr sehr kurze Lebensspanne der Pfeilkalmare (Illex argentinus) erschwerte bislang Voraussagen, wieviele von ihnen in der nächsten Generation auftreten werden. Im Juli schlüpfen die Jungtintenfische bei der Mündung des Rio de la Plata und begeben sich nach einiger Zeit von dort auf eine 1000 Kilometer lange Reise in die kalten planktonreichen Gewässer des Südatlantiks, um dort zu fressen.
Vor den Falkland-Inseln wartet dann eine internationale Armada von Fischereischiffen mit ihren Fangleinen auf die begehrten Meeresfrüchte. Die Überlebenden kehren in ihre Geburtsgewässer zurück, um nach der Eiablage zu sterben.
Bei ihrem neu entwickelten Modell konzentrierten sich die BAS-Meeresbiologen auf die Umweltbedingungen der Laichgewässer. Im letzten Juli lag dort die Temperatur um etwa 1,5 Grad Celsius über dem Durchschnitt, was eine Veränderung der Meeresströmung vor der Küste bewirkte, die unzählige Kalmar-Larven in den offenen Ozean abtrieb, wo sie verendeten. Obwohl die tatsächliche Fangmenge dieser Saison voraussichtlich unter der prognostizierten Menge liegen wird, halten die Biologen ihr Modell für prinzipiell geeignet, um zukünftig Nutzung und Erhalt der Bestände besser planen zu können.
Auch für andere Fanggebiete, etwa vor der Küste Südafrikas, in denen die Kalmar-Entwicklung stark von Meeresströmungen beeinflusst ist, soll das neue Modell anwendbar sein. Derweil warten die Fischereimanager der südatlantischen Fangflotten gespannt auf die Juli-Daten des BAS-Teams für die neue argentinische Pfeilkalmar-Generation.
Ulrich Karlowski