25.10.2007 | Quellen: Die Presse.com|SZ|greenpeace-magazin|WWF|GRD|KN|dpa - Die EU kann sich einfach nicht dazu durchringen, die katastrophale Überfischung der Fischbestände in EU-Gewässern wirkungsvoll zu bekämpfen. Am 23.10.07 beschlossen die EU-Staaten als Maßnahme zum Meeresschutz neue Höchstfangmengen. Das Ergebnis ist mehr als enttäuschend, so blieb die EU erneut hinter wissenschaftlichen Empfehlungen zurück. Umweltschützer hatten gefordert, das vom Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) empfohlene totale Fangverbot im östlichen Teil der Ostsee anzuordnen. Wiedereinmal zeigt sich das komplette Versagen der europäischen Fischereipolitik.
Die EU-Staaten legen jährlich die Fangmengen, deren Aufteilung auf die Staaten und die dafür notwendigen Auflagen für die Flotten fest. Der Vorschlag der EU-Kommission ging noch über die nun beschlossen Quoten hinaus, und wurde mit dem "Ernst der Lage" gerechtfertigt. Die Kommission hatte eine Verringerung der Fangquotem um 23 (östliche Ostsee) bzw. 33 Prozent ( westliche Ostsee) gefordert. Sie berief sich dabei auf ein ICES-Gutachten, in dem sogar ein Dorsch-Fangstopp in der östlichen Ostsee und eine Senkung um die Hälfte im Westen gefordert wurde. Die Entscheidung, die Fangquoten für den östlichen Bestand jetzt nur um fünf und für den westlichen um 28 Prozent zu reduzieren, unterläuft den erst im Juni nach langen Verhandlungen verabschiedeten europäischen Managament-Plan für den Dorsch. Dieser sieht vor, die Quoten jedes Jahr um mindestens zehn Prozent zu mindern.
"Leider räubern Fischer aus unseren Nachbarländern ungehemmt im gemeinsamen Meer", rügte der fischereipolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion in Kiel, Bernd Schröder. Ohne illegale Fischerei müssten Fangmengen und Fangtage nicht so stark reduziert werden, wie das nun der Fall sei. In der westlichen Ostsee sollen nach den EU-Beschlüssen kommendes Jahr die Fischer ihre Fangtage um 10 Prozent und in der östlichen Ostsee um 20 Prozent reduzieren. Auch die deutsche Fischereibranche hebt an zur Klage, fühlt sich ungerecht behandelt und lehnt die neuen Fangquoten ab. Vor allem der Kompromiss im Dorsch-Streit zwischen Deutschland und Polen, mit der Reduzierung in der westlichen Ostsee von 28 Prozent, wird kritisiert. Nach Ansicht des Deutschen Fischerei-Verbandes können die Ostsee-Fischer jetzt nicht einfach auf andere Fischarten ausweichen.
"Der Sprotten-Markt ist zu klein. Ein Umstieg auf den Fang von Heringen ist auch nicht möglich, da hier die Fangquoten ebenfalls gesenkt wurden", sagte der Generalsekretär des Deutschen Fischerei-Verbandes, Peter Breckling. An der Ostsee gebe es viele kleine Fischereibetriebe, die von der neuen Regelung hart getroffen würden. "Der Dorsch ist der Brotfisch der Ostsee. Die Quotensenkung bedeutet für die Fischer das Gleiche, als wenn der Arbeitgeber plötzlich das Gehalt um fast 30 Prozent kürzt."
Von der sehr viel geringeren Senkung der Dorsch-Fangquoten in der östlichen Ostsee profitieren vor allem polnische Fischer. Dafür verpflichtete sich Warschau, die heimischen Fischer stärker zu kontrollieren und sich künftig an die von Brüssel vorgeschriebenen Fangverbote zu halten. Bisher hatte sich Polen geweigert, ein Mitte Juli in Kraft gretetenes Fangverbot für Dorsch zu beachten und damit einen Streit mit Deutschland provoziert.
Der Verband Deutscher Kutter- und Küstenfischer kritisierte, dass sich die EU-Kommission besonders gegenüber polnischen Fischern zu milde verhalte. Diese bedrohten durch illegale Fischerei den Bestand des Dorsches. Im ersten Halbjahr 2007 sollen laut Kommission polnische Fischer 18 000 Tonnen gefischt, aber nur 6000 Tonnen gemeldet haben. Erlaubt sind gemäß den Quoten für das laufende Jahr 10 000 Tonnen bis Ende Dezember. Daraufhin untersagte die Kommission im Juli polnischen Fischern den Fang bis Jahresende. Doch trotz des Fangstopps tauchte polnischer Dorsch immer wieder im Handel auf.
Die deutsche Fischindustrie setzt nun auf das gesteigerte Umweltbewusstsein der
Kunden. Geplant wird, genauere Herkunftsbezeichnungen auf die Verpackungen
schreiben. So könnten die Käufer in Zukunft beim Einkauf sichergehen, dass sie
keine Ware aus gefährdeten Beständen kauften.
Allerdings: Von der EU-Kommission wird immer wieder darauf hingewiesen, dass
in den vergangenen Jahren auch die Deutschen gegen die Fangquoten verstoßen
hätten. Allerdings würden sie - im Gegensatz zu ihren polnischen Kollegen - auf
entsprechende Ermahnungen aus Brüssel reagieren.
"Das Problem ist einfach, dass es noch aus sozialistischer Zeit zu viele Kutter gibt", betont Breckling. Zu viele Fischer stritten sich um den Dorsch und wichen zur eigenen Existenzsicherung auf illegales Fischen aus. Die neue polnische Regierung und die EU-Kommission müssten hier dringend handeln. "Einigen Fischern müssen sozialverträgliche Lösungen angeboten werden, um den Bestand an Fischfahrzeugen in Polen zu reduzieren." Der Dorschbestand in der Ostsee sei aber bisher nicht vom Aussterben bedroht. "Der Dorsch ist ein Massenfisch, der biologisch durch die Fischerei nicht aussterben kann." Allenfalls könne es ein kommerzielles Aussterben geben, wenn die Bestände so weit zurückgehen, dass sich die Fischerei wirtschaftlich nicht mehr lohne.
Doch nicht nur um dem Dorsch steht es schlecht. Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO sind drei Viertel aller Fischbestände "komplett ausgebeutet, überfischt oder erschöpft". Von Arten wie dem Roten Thunfisch oder dem Aal gibt es nur noch Bruchteile der einstigen Bestände. Die EU-Kommission ist sich dessen auch bewusst. "Idealerweise würden wir den Fischfang in einigen Gewässern ganz stoppen", räumte eine Kommissionssprecherin ein. "Doch das Wesen der Umweltpolitik ist es nun einmal, neben ökologischen auch ökonomische Interessen zu berücksichtigen".
Die EU ist nach China der zweitgrößte Fischfänger der Welt. Etwa 405 000 Arbeitsplätze sind EU-weit von der Fischindustrie abhängig. In der deutschen Fischerei arbeiten 16 500 Menschen. Nimmt man Verarbeitung und Vertrieb hinzu, sind es etwa 43 000 Beschäftigte. "Zwar ist die Zahl der Kutter in den vergangenen Jahren erheblich gesunken", so die Kommissionssprecherin. "Doch moderne Technik macht es den verbliebenen Schiffen wesentlich leichter, Fischschwärme zu orten, so dass wir noch immer Überkapazitäten haben." Um diese abzubauen. hat Brüssel für den Zeitraum zwischen 2007 und 2012 etwa vier Milliarden Euro bereitgestellt, mit denen in den Mitgliedsländern Programme zur Frühverrentung und Umschulungen für Fischer finanziert werden sollen.
Eine weitere Folge dieser verfehlten Fischereipolitik ist, nach Ansicht internationaler Fischerei-Experten, die Ausbeutung westafrikanischer Küstenstaaten. Diese erhalten jährlich rund 145 Millionen Euro von der EU für das Fischen vor Westafrika, erzielen dabei aber ein Vielfaches an Gewinn. Diese so genannten Drittlandabkommen haben in der Regel mehrere Jahre Gültigkeit. Die Abkommen legen meist nur die Anzahl der lizenzierten EU-Schiffe, nicht aber die Fangmengen fest. So gehen vor der Küste Mauretaniens die größten Fischtrawler der Welt auf Fang. Gegen die hochgerüsteten EU-Fangschiffe haben einheimische Fischer keine Chance. Folgen dieser Politik sind wachsende Armut, ein sinkender Lebensstandard und eine teilweise prekäre Ernährungslage in den Küstenländern Afrikas.
In Afrika sind rund 200 Millionen Menschen auf das Nahrungsmittel Fisch angewiesen. Der Anteil von Fisch an der Versorgung mit tierischem Eiweiß beträgt bis zu 25 Prozent. 10 Millionen Afrikaner leben von der Fischerei, die ihnen Arbeitsplatz und Einkommen sichert. Die Zahlungen der EU an die afrikanischen Staaten entsprechen jedoch bei weitem nicht dem Wert der Fänge. Im Jahr 2003 fing die EU-Flotte in Mauretaniens Gewässern Fisch im Wert von 186 Millionen Euro - das Land verdiente jedoch lediglich eine Lizenzgebühr von 86 Millionen Euro. Nachdem die EU-Flotte ihre eigenen Gewässer leer gefischt hat, geht sie nun zu einem Spottpreis in Afrika auf Beutezug - mit fatalen Folgen.
Den Staaten Westafrikas fehlt außerdem Geld und Personal, um ihre Hoheitsgewässer angemessen zu kontrollieren. Darum greift die illegale Fischerei um sich. Auch die EU-Flotte beteiligt sich nach an der Piratenfischerei. Allein Mauretanien und seinen Nachbarländern gehen durch die illegale Fischerei pro Jahr knapp eine Milliarde Euro verloren. Die Folgen: Die regionale Fischereiindustrie verliert Aufträge, es gehen Arbeitsplätze verloren, die Infrastruktur verfällt, die Exporteinnahmen sinken. Die Menschen verarmen, leiden an Eiweißmangel. Viele flüchteten nach Europa. Viele Fischbestände vor Westafrika seien mittlerweile überfischt - Europa exportiert seine Fischereikrise nach Afrika.
Immerhin will die EU jetzt den Kampf gegen illegale Fischerei (IUU-Fischerei | Illegal, Unregulated and Unreported) verstärken. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern fischen viele Länder 50 bis 100 Prozent mehr Dorsch ab als erlaubt, ohne Strafen fürchten zu müssen. Nach einem Konzept von Fischereikomissar Joe Borg soll der Markt für illegal gefangenen Fisch mit schwarzen Listen ausgetrocknet werden, auf denen die überführten Kutter verzeichnet sind. Diesen Booten wid dann verboten, in einem EU-Hafen anzulegen. Ein erster Schritt, der leider viel zu spät kommt. Erschwerend kommt hinzu, dass die EU selbst illegale Fischeripraktiken fördert, wie die Wiedereinführung der Treibnetzfischerei im Mittelmeer.
Die EU und ihre Scheinheiligkeit beim Schutz der Meeresfauna
04.09.2007 | Quelle: Frankfurter Neue Presse - Zur Rettung der Dorschbestände in der Ostsee will die EU-Kommission die Fischerei im kommenden Jahr deutlich einschränken. Die Brüsseler Behörde sprach sich am 03.09.07 dafür aus, 2008 die Fangquoten für Dorsch an der deutschen Ostseeküste um 33 Prozent zu reduzieren und im östlichen Teil des Meeres soll die Fangquote um 23 Prozent sinken.
Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) hat eine Halbierung empfohlen. Neben dem Dorsch sei auch der Lachs gefährdet, weil sich die Überlebensrate von Junglachsen erheblich verschlechtert habe, erklärte die EU-Kommission. Die Fangquote für Ostsee-Lachs soll 2008 daher um 15 Prozent gesenkt werden. Die Heringsfischerei an der deutschen Ostseeküste soll um 20 Prozent verringert werden.
Die Vorschläge von EU-Fischereikommissar Joe Borg bedürfen der Zustimmung der 27 Mitgliedstaaten. In der Regel werden in den Sitzungen der zuständigen Minister aber deutlich höhere Fangmengen ausgehandelt. Außerdem ist die Einhaltung der Quoten schwer zu kontrollieren.
EU-Kommission verhängt Dorschfangverbot für Polen
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Hamburg, 19.03.2007, Quelle: WWF - Der WWF klagt vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg gegen die anhaltende Überfischung des Kabeljaus durch die EU-Flotte. Die heute eingereichte Klage zielt auf den Rat der Europäischen Union, der nach Ansicht des WWF mit den im Dezember 2006 beschlossenen Fangquoten gegen europäisches Umweltrecht verstößt. "Wir ziehen jetzt die juristische Notbremse gegen das andauernde Versagen der Fischereipolitik", so WWF-Sprecherin Karoline Schacht.
Der Streit um die Kabeljau-Quoten hält seit Jahren an. Immer wieder ignoriert der EU-Ministerrat die Empfehlungen von Wissenschaftlern. So rät der Internationale Rat zur Erforschung der Meere (ICES), in dem 1600 Meeresexperten vertreten sind, den Kabeljaufang in der Nordsee komplett einzustellen, bis sich die Bestände erholen. Trotzdem hatte der EU-Ministerrat im Dezember allein für die Nordsee eine Fangquote von fast 20.000 Tonnen beschlossen. Der dramatische Zustand des überfischten Kabeljaus zeigt sich am Rückgang der Fänge, die seit 1970 auf ein Zehntel geschrumpft sind.
Die Klage des WWF bezieht sich auf Artikel 7 des Kabeljau-Wiederaufbauplans. Dieser sieht vor, dass der Ministerrat die Fangquoten um mehr als 15 Prozent senken muss, wenn die Zahl der geschlechtsreifen Fische unter ein bestimmtes Maß fällt. Dieses Mindestmaß wird zum Beispiel in der Nordsee, in der Irischen See, im östlichen Ärmelkanal und an der schottischen Westküste unterschritten.
Trotzdem beschloss der EU-Fischereirat zuletzt lediglich eine Reduzierung der Fangquoten um 14 Prozent. "Die EU bricht ihre eigenen Umweltgesetze. Das darf nicht ungestraft geschehen", so Schacht. "Den Zahlen nach geht es hier nur um wenige Prozentpunkte. Tatsächlich aber streiten wir für die Zukunft einer der ökologisch und wirtschaftlich wichtigsten Fischarten."
Vor Gericht will der WWF die EU-Fischereiminister zwingen, seine jüngste Fangquoten-Entscheidung zu revidieren. Nach Angaben des WWF gehen Wissenschaftler davon aus, dass sich die Kabeljaubestände noch aus eigener Kraft erholen könnten - wenn sie vorerst geschont würden. "Um dem Kabeljau eine Chance zu geben, benötigen wir eine Politik, die nicht nur die kurzfristigen Interessen einiger EU-Staaten im Blick hat, sondern sich langfristig an einer nachhaltigen Fischerei orientiert", so Schacht.
Mit einem starken Signal des EuGH erhofft sich der WWF auch einen Umschwung in der gesamten EU-Fischereipolitik, die derzeit trotz massiver Überfischung der Meere noch immer nicht nachhaltig sei.
August 2005 Gibt es in der Nordsee bald keinen Kabeljau mehr? Was vor der Ostküste Kanadas seit vielen Jahren traurige Realität ist, könnte bald auch in der Nordsee eintreten. Denn trotz der Bemühungen für einen Wiederaufbau des Bestands können Experten wie Gerd Hubold vom Institut für Seefischerei der Bundesforschungsanstalt in Hamburg keine Entwarnung geben. Die Bestände des einst so häufig vorkommenden Fisches bleiben in der Nordsee gering.
Ausgestattet mit zwei Forschungsschiffen und zwölf Dauerbeobachtungsstellen werden die Fischgründe in der Nordsee seit 1987 beobachtet. Von Interesse sind für die Wissenschaftler dabei jedoch nicht nur Auswirkungen der kommerziellen Fischerei, sondern auch Folgen der Klimaveränderung. Auch wenn von einer Erholung der Kabeljau-Bestände nicht die Rede sein kann, so sind nach Angaben von Hubold andere Fisch- und Krustentierarten noch in großen Mengen vorhanden.
In einem Gebiet vor der Küste Schottlands wurden etwa größere Fänge von Schellfischen und Stintdorschen verzeichnet. Veränderungen aufgrund klimatischer Bedingungen, konnten die Wissenschaftler in der Deutschen Bucht ausmachen.
Dort wurde eine rasante Zunahme an Krustentieren festgestellt: Krebse, Schwimmkrabben - auch jene, die sonst in wärmeren Gewässern heimisch sind - und Taschenkrebse waren in großer Zahl vorhanden. Trotz der intensiven Befischung von Taschenkrebsen, ist die Zahl der Tiere immer noch groß. Zudem stellten die Forscher fest, dass diese Art immer weiter in flachere und in Küstengewässer vordringt.