Bodennetze zerstören Tiefseefauna

Oktober 2003 - Hunderte von bislang völlig unbekannten Tierarten in der Tiefsee werden für immer aussterben, warnen amerikanische Ozeanographen. Grund dafür sind Schleppnetze, die nicht nur die Meere, sondern auch die Böden der unterirdischen Gebirge leer fischen, berichtet das Wissenschaftsmagazin New Scientist.

Erst in den vergangenen zwei Jahren hatten Forscher der verschiedenen Universitäten und Institutionen entdeckt, dass die Zahl der auf den unterseeischen Gebirgen lebenden Organismen wesentlich größer ist, als bisher angenommen. Allein auf fünf untersuchten unterseeischen Gebirgen fanden sich ca. 600 verschiedene Lebewesen.

Dabei sind 40 Prozent der Tiere auf den jeweiligen Gebirgsstöcken endemisch, d.h. sie kommen nur hier vor. Geschätzt wird die Zahl der Gebirge im Pazifik allerdings auf über 30.000. "Damit zählen die Lebewesen, die dort heimisch sind zu den weltweit am meisten gefährdeten Arten", meint Ozeanographin Karen Stocks von der University of California in San Diego.

Bessere Fischereimethoden wie der Einsatz von Sonarsystemen und der hohe Marktpreis für exotische Tiefseefische machen den wertvollen Spezies nun den Garaus. Mit Netzen, die tiefer gehen als 1,5 Kilometer und 60 Tonnen Fisch in nur 20 Minuten aus den Tiefen der Meere holen, rückt die Fischerei-Industrie den Fischen zu Leibe und zerstört dabei Tiefsee-Riffe, die 5.000 Jahre für die Entstehung gebraucht haben, in wenigen Minuten.

So reduzierte die Tiefsee-Fischerei vor den Küsten Neuseelands und Australiens den Fischbestand in den vergangenen zehn Jahren um 80 Prozent. Das gleiche gelte auch für den Nordatlantik. Bei Untersuchungen in der Tasmanischen See konnten Wissenschaftler feststellen, dass der Bestand an Korallen und Würmern, die bis zu 90 Prozent der Böden bedecken, innerhalb kürzester Zeit um knapp die Hälfte.

Das Schlimme daran ist, dass eine Wiederherstellung der wertvollen Böden extrem lange dauert. Nach Angaben des Meeresbiologen John Dower von der University of Victoria in British Columbia gibt es im Nord-Pazifik Gebiete, die sich seit 50 Jahren immer noch nicht von den Folgen der Fischerei erholt haben. Auch Tiefseefische wachsen extrem langsam. Der Granatbarsch (Hoplosthetus atlanticus), ein häufig auf den Speisekarten von Luxusrestaurants angebotener Fisch, der in Tiefen zwischen 750 und 1.200 Metern lebt, vermehrt sich erst ab einem Alter von 20 Jahren.

"Nachdem die Fischerei in den flachen Gewässern fast überall am Rande des Abgrunds schwebt, greifen die neuen, noch schnelleren Fangflotten in die unbekannten Tiefen der Weltmeere", so Callum Roberts, Ozeanologe von der Harvard University. "40 Prozent aller Fischereigründe befinden sich bereits in der Tiefsee, tiefer als der Kontinentalschelf. Die neuen Technologien sind so effektiv, dass sie nicht nur ernten, sondern im wahrsten Sinn des Wortes abbauen."

Bei einer Experten-Konferenz in Oregon haben die Forscher vor einer weiteren Zerstörung durch die kommerziellen Fischerei gewarnt. Insgesamt sind erst 150 der unterseeischen Gebirge genauer wissenschaftlich untersucht worden. Bevor die wertvollen Habitate endgültig zerstört werden, müssen die Fischereinationen etwas unternehmen, lautete der Grundtenor.

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