26.12.2008 | Quelle: DDP - Wissenschaftler plädieren für ein verbessertes Fischereimanagement in den Meeresschutzgebieten vor der deutschen Nord- und Ostseeküste. Zum Schutz wichtiger Lebensräume wie Sandbänke und Riffe müssten vor allem für die deutschen Natura-2000-Schutzgebiete verbindliche Vorgaben für die europäische Berufsfischerei erstellt werden, sagte der Meeresbiologe Henning von Nordheim vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) auf der Insel Vilm.
Deutschland hatte bereits im Mai 2004 der EU-Kommission in Brüssel zehn marine Schutzgebiete gemeldet, darunter acht Flora-Fauna-Habitat- und zwei Vogelschutzgebiete. In diesen Seegebieten, die etwa 30 Prozent des deutschen Anteils an der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) ausmachen, gebe es bislang jedoch kein ausreichendes Schutzgebietsmanagement, kritisierte Nordheim und mahnte: "Die Zeit drängt zum Handeln."
Laut der jüngst veröffentlichten EMPAS-Studie (Environmentally Sound Fishery Management in Protected Areas) würden durch rücksichtlose Fangmethoden wie der schweren Schleppnetzfischerei wertvolle Habitate systematisch zerstört. Neue Nutzungsformen wie die Verlegung von Gaspipelines und Kabeltrassen, Sand- und Kiesbaggerungen oder der Bau von Windparks führten zu weiteren Belastungen.
Unterstützt vom Internationalen Rat für Meeresforschung haben Forscher aus Kanada, Dänemark, Holland, England, Schweden, den Niederlanden und Deutschland drei Jahre lang die Fischereiaktivitäten in den Schutzgebieten unter die Lupe genommen und dazu Satellitendaten über die Fangzüge der internationalen Kutterflotten ausgewertet. "Um Pläne für eine vernünftige Bewirtschaftung erstellen zu können, mussten wir zunächst feststellen, wer wie oft in den betreffenden Gebieten fischt", sagte Fischereibiologe Christian Pusch. Während in der Nordsee neben deutschen Besatzungen vor allem holländische, britische, schwedische und dänische Fischer operierten, seien in den Ostsee-Schutzgebieten vorrangig baltische, deutsche, dänische und polnische Fischer unterwegs.
Schätzungen zufolge entfallen auf die zehn Schutzgebiete derzeit etwa zehn Prozent des gesamten Fangs von Sprotten, Hering, Dorsch und Plattfisch in der AWZ. Die erstellte "Konfliktanalyse" fällt jedoch für beide Meere unterschiedlich aus. So fallen der in der Ostsee dominierenden Stellnetzfischerei pro Jahr schätzungsweise Tausende Seevögel zum Opfer. Zudem ertrinken in den Netzen jährlich vermutlich 10 bis 30 der noch 600 lebenden Ostsee-Schweinswale. Dagegen werden in den Nordsee-Schutzgebieten die größten Schäden durch die schwere Baumkurren-Schleppnetzfischerei verursacht. "In einigen Teilgebieten wird jeder Quadratmeter bis zu 20 Mal pro Jahr umgepflügt", sagte Pusch. Bis zu 90 Prozent aller größeren Tiere, darunter Seesterne, Schwimmkrabben und Muscheln würden dabei getötet.
Entsprechend differenziert sind auch die Lösungsvorschläge der Forscher. Für die Nordsee plädieren sie dafür, gefährdete Riffgebiete wie das Sylter Außenriff oder den Riffgrund vor Borkum für die Fischerei generell zu sperren. In der Ostsee sollen zum Beispiel Teile der Pommerschen Bucht, Adlergrund und Oderbank zu bestimmten Zeiten für die Stellnetzfischerei tabu sein. Dort könnten künftig alternative Fischfallen zum Einsatz kommen. Entsprechende Managementpläne sollen im kommenden Jahr von den Naturschutz- und Fischereibehörden in Konsultation mit der Fischereiwirtschaft erstellt werden.