28.02.2008, Oldenburg/Wilhelmshaven | Quellen: ddp|adhoc-news - Der von Windpark-Baustellen auf See ausgehende Lärm könnte für die geräuschempfindlichen Schweinswale in der Nordsee zur Bedrohung werden. "Der enorme Lärm, der durch das Rammen der dicken Pfähle in den Meeresgrund entsteht, kann beim Schweinswal zu Hörschädigungen führen", sagt der Physiker und Akustiker Manfred Schultz von Glahn vom Institut für technische und angewandte Physik (ITAP) in Oldenburg. Die Wissenschaftler sehen den Lebensraum dieses kleinen Tümmlers vor der ostfriesischen Nordseeküste deshalb als gefährdet an.
"Sollten die Wale sich in einem Radius unterhalb von etwa 1700 Metern zur
Baustelle aufhalten, kann es für sie schwerwiegende Folgen haben", sagt der
Wissenschaftler. Beim ITAP wird in Zusammenarbeit mit der Universität Hannover
und dem Deutschen Windenergie-Institut in Wilhelmshaven im Auftrag des
Bundesumweltministeriums nach Lösungen geforscht, um den Baulärm auch zum Wohle
der Schweinswale zu minimieren.
Die Zeit drängt, denn schon im Sommer soll «alpha ventus», ein Großprojekt der
Energieversorger E.ON, EWE und Vattenfall, als erster Offshore-Windenergiepark
unter Hochseebedingungen realisiert werden. 45 Kilometer vor der Insel Borkum
sollen in zwei Bauabschnitten insgesamt zwölf Windenergieanlagen entstehen.
Dem bisher relativ unerforschten Leben der Schweinswale geht man auch im
Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer in Wilhelmshaven auf den Grund. Dort
sollen ab März gezielt alle Sichtungen des kleinen Tümmlers ausgewertet werden,
um herauszufinden, wie viele dieser Meeressäuger tatsächlich vor der
niedersächsischen Küste leben.
"1994 wurde der Bestand von Schweinswalen in der zentralen und südlichen Nordsee auf rund 170 000 Tiere geschätzt", sagt Richard Czeck, der bei der
Nationalparkverwaltung für Meeressäuger zuständig ist. Durch den Bau der
geplanten Offshore-Windparks sieht auch er den Bestand dieser Meeressäuger in
Gefahr: "Die Schweinswale werden im besten aller Fälle nur vertrieben,
Hörschädigungen sind jedoch wahrscheinlich." Da die Schweinswale vor allem mit Hilfe des Ultraschalls navigieren und sich orientieren, treffe sie der Baulärm
an ihrer empfindlichsten Stelle. "Sie brauchen ihr Gehör, um erfolgreich Fische
zu jagen. Ist es gestört, sind sie nicht lebensfähig", warnt Czeck.
"Der Schall, der beim Rammen der meterdicken Pfähle für die Fundamente von
Offshore-Windanlagen in den Meeresgrund entsteht, soll reduziert werden", sagt
ITAP-Wissenschaftler Schultz von Glahn. Dafür führen er und seine
Forscherkollegen Untersuchungen beim Bau von Forschungsplattformen in der Nord-
und Ostsee und an einem Testpfahl in der Ostsee vor Travemünde durch. Mindestens
225 Dezibel ist jeder Rammstoß laut, wie Wissenschaftler des Forschungs- und
Technologiezentrums Büsum herausgefunden haben. Bei rund 200 Dezibel Lautstärke
kommt es demnach bei den hörempfindlichen Schweinswalen jedoch schon zu
kurzzeitiger Schwerhörigkeit.
Damit das möglichst nicht passiert, favorisieren die Forscher des ITAP eine
Schallschutzhülle. Diese ist entweder aufblasbar oder besteht aus stark
lufthaltigem Material wie Schaumstoff und wird um den Pfahl gelegt. Dadurch
werde der Schall im Wasser stark abgeschwächt. Dieses Verfahren sei bereits
erfolgreich am Testpfahl vor Travemünde erprobt worden. "Wie es jedoch unter
Hochseebedingungen funktioniert, werden wir erst sehen, wenn der erste
Offshore-Windpark im Sommer gebaut wird", sagt Schultz von Glahn.
Beim Energiekonzern Vattenfall ist man sich sicher, dass die Geräuschbelästigung
durch Bau und Betrieb des Offshore-Windparks vergleichsweise gering ausfallen
werde. "Weiteres muss nun durch die ökologische Begleitforschung geklärt
werden", sagte Konzernsprecherin Katharina Bloemer.
Welchen Einfluss haben Windparks auf hoher See mit hunderten, bis 150 Meter hohen Windrädern auf die Meeresumwelt?
Einen Teilaspekt dieser Frage, das Verhalten von Schweinswalen und Seehunden im Einflussbereich des Unterwasserschalls von Windgeneratoren, bearbeiten die beiden Kieler Meeressäugerspezialisten Prof. Dr. Boris Culik und Sven Koschinski. Die GRD beteiligte sich an der Finanzierung einer Pilotstudie der beiden Forscher.
Bericht von Sven Koschinski:
Schweinswale in freier Wildbahn zu erforschen ist eine Herausforderung - naturgemäß halten sie sich überwiegend unter der Wasseroberfläche auf und sind außerdem noch recht scheu. Die auftauchenden Schweinswale sind zwischen den Wellen der Nord- oder Ostsee kaum auszumachen.
Ein Untersuchungsgebiet mit idealen Bedingungen fand sich in den geschützten Fjorden an der Westküste Kanadas. Das Oberflächenverhalten dort lebender Schweinswal- und Seehundpopulationen konnte mit Hilfe eines Theodoliten (Gerät aus der Vermessungstechnik) beobachtet und jeder Auftauchpunkt genau vermessen werden.
Die Schweinswale wurden unter Wasser noch zusätzlich mit einem Klickdetektor belauscht, der das Biosonar der Tiere erfasst und die Anzahl der Echoortungs-Klicks im 10-Sekunden-Rhythmus registriert. Damit konnten erstmals genaue Sichtbeobachtungen und akustische Messungen "übereinander gelegt" werden.
Geräusche schwedische Offshore-Windenergieanlagen wurden den Meeressäugetieren mit einem CD-Player und einem über 70 kg schweren Unterwasserlautsprecher vorgespielt. So simulierten wir für die bis dahin ungestörten kanadischen Tiere die Geräuschkulisse in der Umgebung einer Windenergieanlage. Wir konnten innerhalb von zwei Wochen die Reaktionen von über 800 Schweinswalgruppen und über 300 Seehunden erfassen.
Die Ergebnisse sind überraschend. Die Schweinswale und Seehunde hielten im Schnitt einen größeren "Sicherheitsabstand" zur Schallquelle ein, wenn die Geräusche abgespielt wurden, doch ein Ausschlussgebiet rundherum, wie wir es in einem früheren Versuch mit Piepern (1) festgestellt hatten, konnte nicht beobachtet werden. Einige Tiere tauchten sogar wiederholt unmittelbar neben dem Unterwasserlautsprecher auf.
Die Schweinswale setzten bei angeschaltetem Geräusch ihr Biosonar etwa doppelt so häufig ein wie im Kontrollversuch. Wahrscheinlich wurde die Schallquelle auf diesem Sinneswege genauer untersucht.
Dass sich einige Tiere der Lärmquelle neugierig näherten, ist allerdings kein Grund zur Entwarnung. Die Schweinswale reagierten auf die Störung und in welchem Ausmaß dies bei größeren und mehreren Offshoreanlagen der Fall sein wird, muss noch näher untersucht werden.
Zudem sind nach wie vor die begleitenden Probleme zu lösen. Vor allem beim Bau der Anlagen in den sturmarmen Sommermonaten - also genau zur Fortpflanzungszeit von Schweinswalen und Seehunden, kommt es zu erhöhtem Schiffsverkehr durch Baufahrzeuge sowie weitreichenden Schallemissionen durch Rammarbeiten für die Fundamente der Windmühlen. Dieser zum Teil erhebliche Lärm könnte die Tiere aus ihrem Habitat vertreiben.
Da alle Antragsteller ihre Windparks bis 2006 fertigstellen wollen (denn nur so weit reicht die Förderung des Gesetzgebers durch die Garantie hoher Stromeinspeisevergütungen), wird es vor der deutschen Nord- und Ostseeküste kaum einen unbeeinflussten Bereich geben, der sich als ruhiges Rückzugsgebiet für die Tiere eignet. Hier müssen Genehmigungsbehörden den Bauunternehmen rechtzeitig Grenzwerte vorschreiben und geeignete Maßnahmen zur Schalldämmung gefunden werden.
Ob Blasenvorhänge (2) eine Lösung darstellen, ist noch unklar. Auch sollten die Betreiberfirmen sich nach alternativen Gründungsarten umschauen (zum Beispiel Einspülen der Fundamente). Für die spätere Betriebsphase der Windparks suchen wir weiterhin nach unkritischen Frequenzbereichen für Windräder und Turbinen.
Da das Hörvermögen von Schweinswalen und Seehunden mit tiefen Frequenzen immer weiter abnimmt, müssen die Konstrukteure darauf achten, dass die Anlagen auch bei hohen Windgeschwindigkeiten nicht anfangen zu "jaulen".
Unser Ziel ist es, bereits in der Entwicklung der Windgeneratoren mit technischen Maßnahmen das Emissionsverhalten positiv zu beeinflussen.
(1) Pieper oder englisch "pinger" sollen dazu dienen, die hohen Beifangraten von Schweinswalen zu verringern, indem die Tiere von Netzen vertrieben werden. Ungelöste Probleme bereiten dabei eine mögliche Gewöhnung an den Schall und ein eventueller Ausschluss aus ihrem Habitat.
(2))Blasenvorhang: Unterwässerschläuche mit vielen Löchern sprudeln Luftblasen. An dem dadurch entstehenden "Vorhang" brechen sich die Schallwellen bestimmter Frequenzen, dahinter ist es leiser.
pdf-download (ca. 900 KB) der Publikation "Behavioural reactions of free-ranging porpoises and seals to the noise of a simulated 2 MW windpower generator"; erschienen in: Marine Ecology Progress; Vol. 265: 263-273; vom Dezember 2003
Dezember 2004 - In zwei Schutzgebieten in der Ostsee dürfen keine Offshore-Windparks errichtet werden. Die Anträge auf Genehmigung zweier Windparks in der "Pommerschen Bucht" und im angrenzenden Gebiet "Adlergrund" hat das zuständige Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg abgelehnt.
Deutschland habe beide Gebiete bereits als Teile des europäischen Schutzgebietsnetzes NATURA 2000 vorgeschlagen und nach Brüssel gemeldet, teilte das Bundesumweltministerium (BMU) mit.
Strategie der Bundesregierung sei ein umwelt- und naturverträglicher Ausbau der Windenergie auf hoher See. Das europäische Vogelschutzgebiet "Pommersche Bucht" gilt als ideales Rast-, Mauser-, Nahrungs- und Überwinterungsquartier, insbesondere für verschiedene Entenarten. Das Gebiet "Adlergrund" zeichne sich vor allem durch wertvolle Sandbänke und Riffe aus. Die Antragsteller waren laut BMU frühzeitig darauf hingewiesen worden, dass die ausgewiesenen Schutzgebiete in Nord- und Ostsee grundsätzlich nicht für den Bau von Windenergieanlagen geeignet sind.
Die beiden Windparks sollten insgesamt 115 Anlagen umfassen.