Edgar Allen Poe würde heute wohl eher über einen "Sturz in den Müllstrom" denn von einem in einen Mahlstrom erzählen. Denn die Meere drohen an dem, was bei der Zivilisation hinten heraus kommt, zu ersticken.
Von den jährlich mehr als 125 Millionen Tonnen Kunststoff, die wir produzieren, landet ein beträchtlicher Teil im Meer. Plastikabfälle werden nicht nur an Stränden zurückgelassen, von Schiffen aus ins Wasser geworfen oder gezielt im Meer als Abfallbeseitigung versenkt. Ein beträchtlicher Anteil wird von Flüssen und Wind ins Meer geschwemmt und getragen.
Hätten Kolumbus und seine Männer ihre Lebensmittel schon in Plastiktüten aufbewahrt - die Reste davon würden sich noch heute an Amerikas oder, je nach Strömungslage, auch an viel weiter entfernten Stränden finden. Insofern haben die Meere sogar noch Glück, dass sich Plastik, als wesentlicher Bestandteil der industriellen Wegwerf-Gesellschaft, erst seit dem vergangenen Jahrhundert bei den Menschen so großer Beliebtheit erfreut.
Über 500 Jahre im Stoffkreislauf
Es gibt nicht viele Zivilisationsprodukte, die derart hartnäckig im Stoffkreislauf verbleiben wie Plastikabfälle. Über mehrere hundert Jahre gefährden die Abfälle auf vielfältige Weise Menschen und Tiere, vergiften großflächig die Ozeane. Meerestiere fressen Plastikteile, weil sie sie für Beute halten, verheddern und strangulieren sich. Experten gehen davon aus, dass jährlich eine Million Seevögel, 100 000 Meeressäuger und unzählige Fische an Plastikmüll verenden. Auf den Inseln des Midway-Atolls im Pazifik stirbt etwa ein Drittel aller Albatross-Jungen, weil ihre Eltern sie versehentlich mit Plastikabfällen füttern. Die Jungvögel verhungern mit gefüllten Mägen voller Plastikteile. Ein Blutzoll, den die betroffenen Arten nicht mehr lange werden verkraften können.
Ein Müll-Mahlstrom so groß wie Zentraleuropa im Pazifik
Etwa 70 Prozent des Mülls sinkt auf den Meeresboden, der Rest verbleibt in den Meeresströmungen und sammelt sich in teilweise gigantischen Müll-Mahlströmen, so im Gebiet der Äquatorialen Konvergenzzone, einer wenige hundert Kilometer breiten, den Erdball auf Höhe des Äquators umspannenden Tiefdruckrinne.
Der mit Abstand größte Müll-Mahlstrom kreist im Pazifik, zwischen der Westküste der USA und Hawaii. Die dort im Uhrzeigersinn zirkulierende Mülldeponie ist mittlerweile so groß wie Zentraleuropa, sie wird deshalb auch "Great Pacific Garbage Patch" (Großer Pazifischer Müllteppich) genannt.
Auch Europa und das Mittelmeer sind betroffen
Doch man muss gar nicht so weit in die Ferne schauen. Ende April 2007 wartete die britische Marine Conservation Society mit alarmierenden Zahlen auf: An den Küsten und auf den Stränden der britischen Inseln stieg die Zahl der Abfälle seit 1994 um 90 Prozent, mit steigender Tendenz, Strände sehen aus wie Mülldeponien, trotz regelmäßiger Strandsäuberungsaktionen durch Freiwillige.
Die Organisation Mittelmeer in Gefahr (MED – www.expeditionmed.eu) führte im Sommer 2010 eine Forschungsexpedition durch, die Erschreckendes zu Tage förderte. Nach Schätzung der Experten schwimmen im Mittelmeer 500 Tonnen winziger Plastikteilchen aus Abfällen, werden von Algen besiedelt, dienen Plankton und damit Fischen als Nahrung, und landen so dann auch auf unseren Tellern. Nach Berechnungen des französischen Meeresforschungsinstituts Ifremer entspricht diese Menge etwa 250 Milliarden Partikeln mit einem Durchschnittsgewicht von 1,8 Milligramm.
Auch im Ärmelkanal und der Nordsee ist die Verschmutzung bereits weit vorangeschritten. Biologen um Jan van Franeker vom Institut für marine Ressourcen und Ökosystem-Studien im holländischen Wageningen untersuchten von 2003 bis 2007 den Mageninhalt von 1300 Eissturmvögeln. Das erschütternde Ergbenis: Nur bei fünf von 100 untersuchten Seevögeln fand man kein Plastik im Magen!. Etwa die Hälfte der untersuchten Vögel hatte im Durchschnitt etwa 300 Milligramm Plastik im Magen, dabei am stärksten betroffen waren die Tiere im Ärmelkanal.
Kleine Partikel – große Gefahr
Sind die großen Plastikabfälle schon an sich furchtbar genug, so sind die besonders kleinen durch Brandung, UV-Licht und Wellen in Milliarden winziger Teilchen zerschlagenen Plastikteile das Grauen. Die mikroskopisch kleinen Kleinstteilchen enthalten hohe Konzentrationen giftiger Gifte wie etwa DDT oder polychlorierte Biphenyle. Forscher fanden heraus, dass die winzigen Kunststoffteilchen wir Magnete für Toxine wirken und die Giftstoffe in Konzentrationen akkumulieren, die tausende Male höher sind als im umgebenden Wasser. Gelangen diese Kleinsteile in den Nahrungskreislauf, dann wird es gefährlich, sehr gefährlich. So hat die Gesundheitsbehörde der Färöer-Inseln mittlerweile dazu aufgerufen, ab sofort kein Fleisch von den weit oben im marinen Nahrungsnetz stehenden Grindwalen mehr zu verzehren, da es aufgrund der hohen Konzentration an Giftstoffen nicht für den menschlichen Verzehr geeignet ist.
Die Quelle muss versiegen
Sind Plastikabfälle erst einmal im Meer, dann bleiben sie auch da. Keine Nation, keine Organisation auf der Welt hat die finanziellen Möglichkeiten, den Abfall wieder zu entfernen, was auch gar nicht so einfach wäre, will man nicht gleichzeitig den Milliarden von Kleinstlebewesen, die im Plastik-Müllstrom mitschwimmen, den Garaus machen. Lokal können Strandsäuberungsaktionen immerhin helfen, die Abfalllast ein wenig zu verringern, eindämmen lässt sich das Problem damit aber nicht.
Zwar arbeiten Forscher an Plastik, das sich in Salzwasser auflöst oder schneller versinkt, entscheidend für die Zukunft des Lebens in den Ozeanen und schlussendlich auch für unser Überleben ist aber, die Einträge von Plastikmüll schnell und drastisch zu reduzieren. Entweder über Verbote, wie das Verbot von Plastiktüten in Australien oder möglichst effektives Recycling. Viel Zeit haben wir jedenfalls nicht mehr.
© U. Karlowski
Wie gefährlich ist Plastik? Dieser Frage geht Werner Boote in seinem neuen Dokumentarfilm nach. "Plastic Planet" verfolgt die historischen Spuren von Plastik und zeigt seine weltweite Herstellung, Nutzung und Verbreitung.
Lange Zeit hat niemand hinterfragt, wie sich dieses chemische Wunder, das jede Form annehmen kann, zur Umwelt verhält, wie lange Plastikmüll auf den immer größer werdenden Deponien überdauert, sich unbemerkt und unsichtbar in der Natur, in Ozeanen, Wüsten und Wäldern verbreitet. Regisseur Werner Boote deckt in seinem investigativen Kinodokumentarfilm auf, wie die unterschätzte Gefahr Plastik weltweit Menschen und Ökosysteme bedroht.
Webseite zum Film: www.plastic-planet.at
Trash in our oceans (U.S. Environmental Protection Agency, EPA)
Deutschlandradio Kultur Plastik statt Fisch im Bauch - Seevögel sterben am Plastikmüll in der Nordsee