28.04.2007, Quellen: networld.at/apa/red/GRD - Ein Algengift wird für den Tod und die Erkrankung von Hunderten Seelöwen, Delfinen und Meeresvögeln an den Stränden des US-Bundesstaates Kalifornien verantwortlich gemacht. Wissenschaftler von der Internationalen Vogelschutzwarte in San Pedro sprechen in der "Los Angeles Times" von einer "besonders bösartigen" Algenvermehrung. In seiner 35-Jährigen Tätigkeit habe er noch nie so viele betroffene Tierarten gesehen, außer nach einer Öl- Katastrophe, sagte Institutsleiter Jay Holcomb. Einige Strände in Südkalifornien seien mit kranken und toten Pelikanen, Seelöwen und Delfinen übersät.
Meeresforscher führen die starke Planktonblüte der Alge, die das Nervengift Domoinsäure produziert, unter anderem auf die Beeinträchtigung der Fischbestände durch Wasserverschmutzung und Überfischung zurück. Auch würde regelmäßig im Frühjahr mit der Erwärmung des Wassers mehr Biotoxin produziert, aber in diesem Jahr seien die Werte ungewöhnlich früh und sehr stark angestiegen, warnte Professor Dave Caron von der Universität von Südkalifornien (USC). "Dies hat schlimme Auswirkungen auf Pelikane und viele andere Tierarten", so Caron.
Im nordkalifornischen Meeressäugetierzentrum bei San Francisco wurden in den letzten Wochen ungewöhnlich viele kranke Seehunde eingeliefert. Wie Pelikane ernähren sie sich von Anchovis, Sardinen und anderen kleinen Fischen. Kleine Fische und Schalentiere verzehren das Algen-Plankton und reichern das Toxin an. Das Gift, das von den Meeressäugern und Vögeln über die gefressenen Fische aufgenommen wird, beeinträchtigt das Gehirn und führt zu Lähmungen im Nervensystem.
Beim Menschen löst Domoinsäure Übelkeit, Schwindelanfälle, Durchfall, Magenkrämpfe, Kopfschmerzen, Gedächtnisverlust, Bewusstseinstörungen, Orientierungslosigkeit, Herzrhythmusstörungen bis zum Koma aus und kann möglichweise sogar tödlich sein. Eine Vergiftung kann beim Menschen nur durch den Verzehr kontaminierter Nahrung auftreten, der Aufenthalt auf oder im Meer sei dagegen ungefährlich.
Anfang April strandete bei Ventura ein 2,5 m langer junger Zwergwal, bei Santa Barbara wurde ein fast 9 m großer Pottwal angespült. Gewebeproben sollen jetzt Aufschluss darüber geben, ob die Strandungen mit der Algenpest in Zusammenhang stehen.
Wissenschaftler sind jetzt besonders beunruhigt über die langfristigen Auswirkungen des Algentoxins auf die Braunen Pelikane, deren Bestände in Kalifornien in der Vergangenheit durch die Anreicherung von DDT in ihren Körpern dramatisch zusammengebrochen waren. Die bis zu 3,5 kg schweren Seevögel legten als Folge dünnschalige Eier, die unter dem Gewicht der brütenden Eltern zerbrachen.
"Meiner Meinnung nach ist Domoinsäure das neue DDT," meint Jay Holcomb. "Falls die Auswirkungen von Domoinsäure im Gehirn der Vögel kumulieren, läßt sich überhaupt nicht abschätzen, welche langfristigen Auswirkungen dies auf die Population der Braunen Pelikane in Kalifornien haben wird."
August 2001 - Gewaltige Staubwolken aus der Sahara befördern eine für Menschen gefährliche und zahlreiche Meereslebewesen tödliche Fracht. Die bei ihrer Reise um den Globus voran getriebenen Sandkörnchen enthalten Eisen, das in den Gewässern vor Florida die gefürchtete Algenblüte "Red Tide" auslöst. Dies zeigt eine von der NASA (National Aeronautics and Space Administration) finanzierte Studie des College of Marine Science der Universität Florida.
Immer wenn eine der riesigen Staubwolken aus der Sahara bei Ostwind im Golf von Mexiko vor der Küste Floridas im Meer niedergeht, steigt dort die Eisenkonzentration um bis zu 300 Prozent an. Daraufhin beobachteten die Wissenschaftler eine starke Vermehrung von Cyanobakterien der Gattung Trichodesmium.
Diese profitieren von der plötzlichen Eisendüngung und bilden mit Hilfe des Enzyms Nitrogenase aus im Meerwasser vorhandenen Stickstoff organische Verbindungen, ein gefundenes Fressen für die zum Phytoplankton gehörende einzellige Algenart Karenia brevis. In einer geradezu explosionsartigen Vermehrung kommt es zur berüchtigten "Algenblüte", die sich über mehrere Qudratkilometer ausbreiten kann. In einem Liter Seewasser sind dann mehrere Millionen der winzigen Dinoflagellaten enthalten, die die Wasseroberfläche rötlich färben und für Fische, Delfine, Wale oder Seekühe tödliche Neurotoxine bilden.
So starben bei einer einzigen Algenblüte mehrere Millionen Fische und Hunderte Seekühe. An Land getriebene Gase lösen bei Menschen schwere Schleimhautreizungen und Atemprobleme aus, der Verzehr von Fischen, die das Nervengift aufgenommen haben, kann zu Lähmungen und Gedächtnisstörungen führen. "Die Westküste Floridas ist ein "hot spot" des Tourismus, der Fischerei und der Landwirtschaft, die alle von einer überraschend eintretenden Algenblüte schwer getroffen werden", sagt der Autor der Studie, Jason Lenes vom College of Marine Science.
Bei ihrer Studie setzten die Wissenschaftler Boden- und NASA-Satellitenmessungen ein und konnten so den Weg einer Staubwolke verfolgen, die am 17. Juni 1999 von Afrika aus Richtung Osten getrieben wurde. Bereits am 1. Juli hatte sie West-Florida erreicht, im Oktober war dann der Gehalt organischer Stickstoffverbindungen im Meerwasser um 300 Prozent gestiegen und es entwickelte sich eine gewaltige Algenblüte, die sich über fast 13.000 qkm von Tampa Bay bis nach Fort Myers erstreckte.
Seit Jahren hatten Wissenschaftler versucht, eine Methode für verlässliche "Red Tide"-Vorhersagen zu entwickeln. Mit der Kombination aus Satellitenbeobachtungen und Überwachung des Wachstums der Cyanobakterien soll dies künftig möglich sein. "Wenn man weiß, wann eine Algenblüte zu erwarten ist, dann könnte man rechtzeitig Strände sperren oder die Fischerei einstellen", hofft Lenes.
© Ulrich Karlowski