Rippenqualle etabliert sich in der Ostsee

Oktober 2007 | Quelle: ddp | Gdansk/Warnemünde - Die 2006 erstmals in der Kieler Förde und der Beltsee gesichtete Rippenqualle (Mnemiopsis leidyi) hat sich offenbar in der Ostsee etabliert. Ende Oktober 2007 sichteten polnische Taucher die fremdländische Quallenart auch in der Danziger Bucht. Besonders in der Putziger Bucht vor der Halbinsel Hela seien in der vergangenen Woche in etwa zwei Metern Tiefe die luminiszierenden Lebewesen entdeckt worden, berichtete der Leiter der Meeresforschungsstation Hela, Krzysztof Skora.

Auch wenn sie oberflächlich betrachtet wie Quallen aussehen, gelten sie zoologisch nicht als echte Quallen; nicht zuletzt weil ihnen die für diese charakteristischen Nesselzellen fehlen. Die mehr als 100 Arten der Rippenquallen sind weltweit in den Ozeanen verbreitet und stellen regional einen bedeutenden Anteil der gesamten Plankton-Biomasse dar.

Die Entdeckung bestätigt jüngste Erkenntnisse deutscher Forscher, die seit Jahresbeginn die Ausbreitung der Quallen beobachtet haben. Die möglicherweise über Ballastwassertanks eines Schiffes von der ostamerikanischen Küste eingeschleppten Tiere seien Berichten finnischer und schwedischer Forscher zufolge schon bis in den Finnischen und Bottnischen Meerbusen gelangt, sagte Lutz Postel, Meeresbiologe am Institut für Ostseeforschung in Warnemünde.

Rippenquallen driften schwebend durch die Strömung und bewegen sich wie das Plankton auch gegen den Uhrzeigersinn. Mit einem Strömungsmodell berechnen die Experten in Warnemünde derzeit, ob der passive Transport allein für die rasche Ausbreitung in der Ostsee sorgt. An eher milde Temperaturen gewöhnt haben die Atlantik-Bewohner in den Tiefengewässern der Ostsee überwintert. Im Bornholm-Becken zum Beispiel hatten Wassertemperaturen um die neun Grad Celsius geherrscht.

"Wir gehen davon aus, dass die Rippenqualle ein Dauergast in der Ostsee bleibt", so Postel. Mnemiopsis ist bereits die fünfte Rippenquallen-Art, die sich in dem 413 000 Quadratkilometer großen Binnenmeer ausbreitete. So gehört die bis zu drei Zentimeter große Seestachelbeere (Pleurobrachia pileus) bereits seit jeher zum Ökosystem Ostsee, ohne eine dominierende Rolle zu spielen.

Im Schwarzen Meer dagegen hatten die sich explosionsartig vermehrenden Rippenquallen in den 80er Jahren die ohnehin gefährdeten Sardellen-Bestände so sehr reduziert, dass dort die Fischerei zum Erliegen kam. Doch anfängliche Befürchtungen, die Quallen könnten auch in der Ostsee unter den Herings- und Sprotten-Jungfischen räubern, teilen die Forscher mittlerweile nicht mehr. "Massenhaft könnten die Rippenquallen bei uns allenfalls im August auftreten, wenn die Wassertemperaturen der Ostsee die 20-Grad-Grenze ansteuern", sagt Postel. Zu dieser Zeit jedoch sei der schon im Frühjahr schlüpfende Herings- und Sprottennachwuchs längst aus dem Gröbsten heraus.

Gänzlich Entwarnung wollen die Wissenschaftler aber vorerst noch nicht geben. Denn möglicherweise könnten die Rippenquallen zur Gefahr für andere, weniger massenhaft auftretende Fischarten werden. Wenig ist bislang zum Beispiel darüber bekannt, wie sich die Räuber gegenüber dem Dorschnachwuchs verhalten. Gefahr könnte auch selteneren, wirtschaftlich unbedeutenden Ostseefischen wie Grundel, Seestichling oder Wittling drohen.

Die Rippenqualle bleibt daher im Visier der Wissenschaftler. Sie interessieren sich jetzt vor allem dafür, inwiefern sich die neuen Bewohner den kühleren Bedingungen in der Ostsee anpassen können.

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Hungriger Einwanderer rettet Schwarzes Meer - Neu eingeschleppte räuberische Quallenart beendet 20jährige ökologische Katastrophe

September 2000 - Während im nördlichen Golf von Mexiko entlang der Küsten von Louisiana, Mississippi, Alabama und Florida hunderttausende der ursprünglich aus Australien stammenden Gepunkteten Wurzelmundquallen (Phyllorhiza punctata) das Ökosystem gehörig durcheinander und besonders die Krabben-Fischer zur Verzweiflung bringen, wird im Schwarzen Meer gerade eine ähnlich gelagerte ökologische Katastrophe im wahrsten Sinne des Wortes aufgefressen.

Um 1980 war hier die Rippenquallenart Mnemiopsis leidyi aufgetaucht. Wie die Wurzelmundquallen, die mit Schirmdurchmessern von bis zu 60 Zentimetern und einem Gewicht von bis zu 25 Pfund mittlerweile als "Monsterquallen" gefürchtet sind, verdankte auch die in fast allen Ozeanen heimische Mnemiopsis die Eroberung ihres neuen Lebensraums einer Fernreise als "blinder Passagier" in Wasserballasttanks von Schiffen.

Bedingt durch die seit 1970 im Schwarzen Meer zunehmende Salinität des Meerwassers sowie Überfischung und Meeresverschmutzung fand Mnemiopsis nicht nur ideale Lebensbedingungen, sondern hatte auch keine natürlichen Fressfeinde. "Das Ökosystem des Schwarzen Meeres war zu diesem Zeitpunkt bereits vollkommen durcheinander geraten", sagt Monty Graham, Biologe des Dauphin Island Sea Instituts in Alabama.

In den folgenden Jahren entwickelten die Rippenquallen einen ungeheuren Appetit auf Zooplankton, Fischeier und Krebslarven. Um 1989 betrug die Biomasse der glibberigen Räuber bereits etwa 1 Milliarde Tonnen, während die Zahl wertvoller Speisefische wie Anchovis oder Sprotten dramatisch gesunken war. Zeitweilig erwogen Wissenschaftler sogar, einen der natürlichen Feinde von Mnemiopsis, die mit ihr verwandte räuberische Melonenqualle (Beroe ovata), im Schwarzen Meer anzusiedeln. Angesichts verschiedener ökologischer Desaster bei der Ansiedlung von Fremdorganismen wie bei der Zuckerrohrkröte in Australien oder mit Mungos auf den hawaiianischen Inseln erschien die Idee jedoch zu riskant.

Aber die Melonenqualle kam von ganz alleine. 1997 tauchten die ersten Exemplare auf, wahrscheinlich ebenfalls eingeschleppt über abgepumptes Ballastwasser. "Ich konnte es nicht glauben", so Tamara Shiganova vom Shirov-Institut für Ozeanologie in Moskau. Eine gnadenlose Jagd, Raubqualle gegen Raubqualle begann und mittlerweile ist die Mnemiopsis-Population deutlich zusammengeschmolzen, während das Zooplankton wieder prächtig gedeiht.

Tamara Shiganova und ihre Kollegen erwarten, dass der gefräßige Neuankömmling gründlich mit der lästigen Plage aufräumen wird. Sie saugen ihre Beute in sich hinein und brauchen zwischen drei und fünf Stunden, um eine Mnemiopsis zu verdauen. "Nach getaner Arbeit dürften sich die Melonenquallen allerdings nicht etwa eine andere Nahrungsquelle suchen, sondern sang und klanglos aussterben", meint Monty Graham. "Verbunden mit modernem Fischereimanagement und besserer Abwasseraufbereitung sollte dies zu einer signifikanten Erholung des Ökosystems des Schwarzen Meeres führen."
© Ulrich Karlowski

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