Mai 2000 - Mit geschärftem Blick entdeckt Kapitän Agaton Bangoog jede Rückenfinne eines Delfins auf dem unruhigen, ausnahmsweise grauen Meer vor dem philippinischen Inselchen Pamilacan. Als die Spinner-Delfine dann sich um die eigene Achse drehend aus dem Wasser schnellen, wird auch der ehemalige Walhaifänger von der Begeisterung seiner Gäste bei der Beobachtungsfahrt angesteckt. Oder ist sein Lächeln noch immer Ausdruck der Verwunderung über Touristen, die die "Gottesgaben des Meeres" nur anschauen und nicht verzehren wollen?
Pamilacan, etwa 20 km vor der Insel Bohol gelegen, leitet sich von "pilak" ab, einem großen Haken zum Fang von Rochen. Je nach Vorkommen wurden dort bis zu 200 Stück im Jahr getötet, daneben auch Wale und Delfine. Doch vor allem mit dem Fang von Walhaien, deren Fleisch in Asien eine beliebte Delikatesse ist, haben sich die Fischer dieser etwa 139 ha kleinen Insel, auf der es weder Strom noch fließend Wasser gibt, einen Namen gemacht. 100 bis 200 Exemplare dieser langsam schwindenden Art erlegten sie im Jahr.
Doch seit dem 25. März 1998 ist offiziell Schluss mit der Jagd auf den größten Fisch der Erde. Die philippinische Regierung hat den Fang von Walhaien verboten, nachdem ein Fernsehbericht über diese recht brutale Tradition vor allem unter ausländischen Naturschützern für Aufruhr sorgte. Die bis zu 14 Meter langen und bis zu 15 Tonnen schweren Tiere werden mit einem Haken lebend an Land gezogen, wo sie dann qualvoll, oft über drei Tage lang, verenden.
Um den Inselbewohnern eine alternative Einkommensquelle zu ermöglichen, wurde im Vorfeld des Gesetzerlasses ein auch vom WWF gefördertes Gemeindeprojekt ins Leben gerufen. In umgerüsteten Fangbooten können Touristen eine Vielzahl von Walen und Delfinen beobachten. Doch erst etwa 100 Familien, das sind ungefähr die Hälfte der 1500 Einwohner zählenden Inselgemeinde, beteiligen sich an dem Projekt. In einem wöchentlichen Rotationssystem wechseln sie sich nicht nur bei den Ausfahrten, sondern auch bei der Verpflegung der Touristen ab, um das gesamte Einkommen unter sich aufzuteilen.
Die andere Hälfte hat sich noch nicht überzeugen lassen, wie Joselino S. Baritua bedauert, der die Inselbewohner seit drei Jahren nicht nur zu einem Umdenken in Richtung Naturschutz zu bewegen sucht, sondern sie auch in Marketingstrategien schult. "Mit dem Fangverbot hat die philippinische Regierung den Fischern die Lebensgrundlage entzogen", erklärt er. Er beziffert den dadurch entstandenen jährlichen Verlust auf insgesamt ca. 750.000 Mark. Bei derzeit rund 130 Ausfahrten im Jahr liegt ein entsprechendes Einkommen durch Ökotourismus sicherlich noch in weiter Ferne.
Erschwert wird Barituas Arbeit durch die große Nachfrage nach Walhaifleisch auf den ausländischen Märkten, besonders in Taiwan und Hongkong. So verlockt die Aussicht auf 3.500 bis 5.000 Mark pro Walhai einige Fischer dazu, die Jagd auf die friedlichen Seeriesen illegal fortzusetzen. Erst kürzlich wurde ein Schiff mit 3000 Tonnen Walhaifleisch auf dem Weg nach Hongkong von der philippinischen Küstenwache abgefangen.
Baritua hatte gehofft, dass auf der in Nairobi im April zu Ende gegangenen Konferenz des Washingtoner Artenschutzabkommens Walhaie unter Schutz gestellt würden, um so den grenzüberschreitenden Handel einzudämmen. Doch der entsprechende Antrag wurde abgelehnt. "Auf internationaler Ebene wurde so leider ein falsches Zeichen gesetzt, denn der Anreiz zum illegalen Fang bleibt jetzt natürlich groß", bedauert Baritua.
Er setzt daher auf den wachsenden Walbeobachtungstourismus. Schließlich bietet Pamilacan neben Walhaien und Rochen eine ungewöhnliche Vielfalt an Meeressäugern: Beobachten kann man Rundkopfdelfine, Große Tümmler, Spinner-Delfine, Schlankdelfine, Fraser-Delfine, Melonenkopf-Delfine, Indische Grindwale, Pottwale, Bryde-Wale und mit etwas Glück Zwergpottwale und Blainville-Wale.
Ulrike Kirsch