Marineland Antibes: Das Schicksal der verbliebenen Orcas
Schutzgebiete schaffen, Verantwortung übernehmen
Marineland Antibes – einst ein beliebter Freizeitpark an der Côte d’Azur – stand lange Zeit sinnbildlich für das Leiden von Meeressäugern in Gefangenschaft. Auch nach der Schließung des Delfinariums im Januar 2025 hat sich an diesem Status nichts verändert. Das Schicksal der letzten zwei Orcas und zwölf Delfine ist ungewiss, die Sorge um ihre physische und psychische Gesundheit wächst. Ein geschütztes Meeresrefugium wäre die beste Lösung. Doch wie realistisch ist es, dass diesen 14 Tieren endlich ein Leben in Würde ermöglicht wird? Dieser Beitrag wird kontinuierlich aktualisiert.
Gesetzeswandel mit Folgen: Das Ende von Marineland
An erster Stelle muss festgehalten werden, dass 2021 in Frankreich ein richtungsweisendes Gesetz verabschiedetet wurde, das die Haltung und Zurschaustellung von Walen und Delfinen in Unterhaltungsprogrammen ab 2026 verbietet. Dieses Gesetz, das auch die Nachzucht beinhaltet, setzte ein deutliches Zeichen – mit der Schließung von Marineland Antibes im Januar 2025 als indirekte Folge. Dass Europas ehemals größter Meereszoo aufgrund fehlender Geschäftsgrundlage seinen Betrieb einstellen musste, markiert einen wichtigen Schritt in Frankreichs Bestrebungen, die Gefangenschaft von Meeressäugern zu beenden und den Tierschutz nachhaltig zu stärken. Und in der Tat: Zu oft mussten wir über Todesfälle und mangelndes Tierwohl im Marineland berichten.
Chronologie der Ereignisse
18. Februar 2026: Anhörung im Umweltministerium – Die Zukunft von Wikie und Keijo bleibt ungewiss.
Rund ein Jahr nachdem das Marineland Antibes endgültig seine Tore geschlossen hat, sind die beiden Orcas “Wikie” und ihr Sohn “Keijo” sowie zwölf Delfine nach wie vor die letzten verbliebenen Tiere des ehemaligen Freizeitparks. Ihre Zukunft ist heute verworrener, unsicherer und komplexer denn je, denn die Tiere sind zum Spielball unterschiedlichster Akteure aus Politik, Wirtschaft und Sanctuary-Initiativen geworden. NGOs versuchen für die Orcas in die Bresche zu springen, doch welche realen Einflussmöglichkeiten bestehen tatsächlich?
Zwar befinden sich die Orcas laut einem gerichtlichen Gutachten in gutem Gesundheitszustand. Die Becken jedoch, in denen sie weiterhin gehalten werden, sind stark beschädigt. Aufgrund von Bodenbewegungen sind die Anlagen strukturell geschwächt und könnten im schlimmsten Fall einstürzen. Diese alarmierende Situation war Anlass eines Treffens zwischen der französischen Regierung und verschiedenen weiteren Akteuren und NGOs im Umweltministerium am Montag, 16. Februar 2026,
Angesichts der Dringlichkeit prüft das französische Umweltministerium erneut einen Transfer der Orcas in den Loro Parque auf Teneriffa – eine Option, die bereits in der Vergangenheit sehr umstritten war. Wenig überraschend drängt dessen Eigentümer, Wolfgang Kiessling, massiv auf eine Übernahme von “Wikie” und “Keijo”. Mit markigen Worten erklärte er: „Der Loro Parque ist die einzige Lösung, um die beiden französischen Orcas vor dem Tod zu retten.“
Das Whale Sanctuary Project in Kanada war noch im vergangenen Jahr die von der Regierung bevorzugte Lösung. Diese Option verliert allerdings an Unterstützung. Das Schutzgebiet wäre kurzfristig nicht betriebsbereit, falls sich der Zustand der Infrastruktur im Marineland Antibes weiter verschlechtert. Zudem warnt Sea Shepherd France vor erheblichen klimatischen Risiken in Nova Scotia, insbesondere hinsichtlich Atemwegserkrankungen wie Lungenentzündungen. “Wikie” und “Keijo” hätten nach Ansicht der NGO nie unter derart extremen Umweltbedingungen gelebt.
Sea Shepherd plädiert stattdessen für ein Sanctuary im Mittelmeer. Europa trage eine moralische Verantwortung, angesichts jahrzehntelanger Gefangenschaft endlich einen sicheren Zufluchtsort zu schaffen. Frankreich und andere europäische Staaten müssten hierfür politische und finanzielle Unterstützung leisten. Sea Shepherd France kündigte an, jährlich 500.000 Euro bereitzustellen, um die Orcas in den bestehenden Anlagen in Antibes zu versorgen, bis ein solches Schutzgebiet realisiert ist.
Fest steht: Ein Transfer von “Wikie” und “Keijo” in den Loro Parque würde das französische Verbot der Haltung und Zurschaustellung von Walen und Delfinen zu Unterhaltungszwecken ad absurdum führen. Die Tiere würden nicht nur von einem Becken ins nächste verlegt, sondern auch neuem Leid ausgesetzt.
Niemand bestreit indes, dass die Lage durch marode Becken, ein enges Zeitfenster und das Fehlen eines einsatzbereiten Mittelmeer-Sanctuaries, das längst hätte geplant oder realisiert sein müssen, hochkomplex ist. Dennoch müssen alle Beteiligten im Sinne des Tierwohls handeln. Beim nächsten Treffen im März darf es nicht um politische Taktik oder wirtschatliche Interessen gehen, sondern um eine Lösung, die dem Wohl von “Wikie” und “Keijo” tatsächlich gerecht wird.
18. Dezember 2025: Die Orcas "Wikie" und "Keijo" aus dem Marineland Antibes könnten 2026 in ein Meeressäugetier-Schutzgebiet nach Kanada umziehen!
Diese Nachricht hat die französische Regierung offiziell bestätigt. Die Übersiedlung soll erfolgen, sobald das Meeressäugetier-Schutzgebiet in Nova Scotia fertiggestellt ist, spätestens jedoch bis Ende Sommer kommenden Jahres. Diese Entscheidung ist auch das Ergebnis öffentlichen Drucks, intensiver Berichterstattung sowie anhaltender Proteste zahlreicher internationaler NGOs.
30. Oktober 2025: Über Zukunft von Orcas und Delfinen im französischen Marineland wird weiter verhandelt
Nach Informationen der französischen Tageszeitung Le Figaro könnten von den zwölf noch im Marineland Antibes verbliebenen Delfinen acht Tiere in das Delfinarium Selwo Marina nach Málaga und vier weitere in das Ozeanographische Zentrum von Valencia verlegt werden. Für die beiden Orcas „Wikie“ und „Keijo“ hat die Parkleitung zudem einen zweiten Antrag auf Transfer in den Loro Parque auf Teneriffa gestellt, nachdem die spanischen Behörden zuvor eine Genehmigung verweigert hatten. Für die GRD ist die Situation eindeutig: Diese Transferanträge dürfen nicht genehmigt werden, denn für die Tiere würde das bedeuten, erneut zu Unterhaltungszwecken ausgebeutet zu werden. Die Errichtung eines Sanctuary ist der einzig richtige und ethisch vertretbare Weg.
Mai 2025: Gescheiterter Verkauf – ein Erfolg für den Tierschutz
Zusätzlich wurde dem Management Einhalt geboten, als der Verkauf der Orcas an japanische Delfinarien oder in den Loro Parque auf Teneriffa vorbereitet wurde. Nicht nur wären die Lebensbedingungen an den genannten Orten noch schlechter gewesen – auch hätten “Wikie” (23 Jahre) und ihr Sohn “Keijo” (11 Jahre) womöglich in Zuchtprogramme aufgenommen werden können und damit das Kapitel der in Gefangenschaft lebenden Orcas weiter verlängert. Das Verkaufsverbot war ein wichtiges Signal und hilft diese Negativspirale zu durchbrechen.
Allerdings ergibt sich daraus ein Dilemma mit Ansage: Die 14 Meeressäuger befinden sich noch immer in ihren Becken – und es existieren bislang keine konkreten, tragfähigen Pläne für eine Umsiedlung in ein marines Schutzgebiet. Der öffentliche Druck auf die französische Regierung, wächst – nicht zuletzt durch aktuelle Drohnenaufnahmen der NGO TideBreakers (siehe nebenstehendes Video). Diese vermitteln den Eindruck, dass die beiden Orcas, Wikie und Keijo, sowie die zwölf Delfine unter vernachlässigten Bedingungen leben: Die Becken sind mit Algen überwuchert, das Wasser wirkt trüb, die Tiere apathisch und desorientiert. Die Bilder gingen weltweit durch die Medien – und sorgten für massive Kritik.
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Mehr InformationenSea Shepherd France, eng mit den Entwicklungen rund um das Marineland vertraut, sah sich deshalb veranlasst, mit einem öffentlichen Statement für Transparenz zu sorgen. Seit der Schließung des Parks, so die Organisation, sei es nicht mehr notwendig, die Becken wie herkömmliche Schwimmbäder erscheinen zu lassen. Das Wasser stammt direkt aus dem Mittelmeer – entnommen in 70 Metern Tiefe, 600 Meter vor der Küste – und wird vor dem Einlassen durch Sandfilter gereinigt. Die sichtbaren Algen seien ein natürlicher Effekt, da kein (potenziell schädliches) Chlor mehr verwendet werde. Ein gewisser Algenteppich werde zugelassen, um eine naturnahe Umgebung zu schaffen. Das Pfleger:innenteam verhindere laut Sea Shepherd übermäßiges Wachstum.
Trotz des Stellenabbaus nach der Schließung sei die Zahl der zuständigen Taucher:innen konstant geblieben, um die Pflege der Anlagen zu gewährleisten. Erste Renovierungsarbeiten hätten bereits begonnen. Die verbleibenden Tierpfleger:innen, Tierärzt:innen und Taucher:innen achteten streng darauf, dass die Tiere sich nicht in gesundheitsschädlicher oder toxischer Umgebung befinden, betont Sea Shepherd. „Das Letzte, was sie derzeit brauchen, ist eine Verleumdungskampagne“, heißt es in dem Statement.
Was jetzt passieren muss – und wer die Verantwortung trägt
Einig sind sich alle Tierschutzorganisationen darin, dass die Situation der verbliebenen Orcas und Delfine im Marineland Antibes nicht weiter ausgesessen werden darf. Was die Tiere jetzt brauchen, ist ein sicheres, betreutes Schutzgebiet, in dem sie würdevoll ihren Lebensabend verbringen können. Diese sogenannten Meeresrefugien bieten zwar keine völlige Freiheit, aber deutlich bessere Lebensbedingungen: naturnähere Becken, kein Showbetrieb, Betreuung durch Meeresbiolog:innen und ein Umfeld, das auf die individuellen Bedürfnisse der Tiere eingeht.
Die französische Regierung steht dabei in der Verantwortung. Frankreich kann und darf sich nicht aus der Affäre ziehen, indem es die Tiere einfach anderen Ländern oder Institutionen überlässt. Schließlich hat der Staat über Jahre hinweg die Haltung dieser Tiere in Marineland zugelassen. Zudem war der jetzige Status quo durch die Verabschiedung des Gesetzes von 2021 vorhersehbar. Die Politik hätte gemeinsam mit dem Marineland-Management rechtzeitig Vorsorge treffen müssen – insbesondere angesichts der Tatsache, dass es bislang keine funktionierenden Schutzgebiete gibt. So sehr marine Refugien als Lösung für in Gefangenschaft lebende Orcas und Delfine diskutiert werden, so ernüchternd ist die Realität: Weltweit existieren kaum erprobte Einrichtungen, insbesondere nicht für Orcas.
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