Zwischen Propellern und Publikum: Dauerbedrohung für Delfin “Mimmo” in Venedig
Venedigs Auftrag für Dauergast „Mimmo“: Koexistenz statt Verdrängung
Der Großer Tümmler „Mimmo“ sorgt seit Sommer 2025 in der Lagune von Venedig für Aufsehen, vor allem da er sich oftmals an belebten Orten wie vor dem Markusplatz aufhält. Doch statt dem hundertsten Selfie mit „Mimmo“, braucht es jetzt vor allem eines: konsequenten Schutz. Wie verantwortungsvolles Verhalten der Öffentlichkeit aussehen muss, um das Überleben des jungen Delfins zu sichern, haben die Autor:innen einer wissenschaftlichen Studie erarbeitet.
Ein Solitärdelfin, der Venedig nicht verlassen will
Erstmals in der Lagune von Venedig gesichtet wurde „Mimmo“ im Juni 2025. Nach ersten Aufenthalten nordwestlich von Chioggia wanderte der Delfin weiter in Richtung Stadtgebiet. Seit Oktober hält er sich regelmäßig in den Gewässern rund um den Markusplatz auf – einem der meistbesuchten Orte Europas. Dort wurde er mehrfach beim Jagen und Fressen von Meeräschen (Mugilidae) beobachtet, insofern ist sein Verhalten typisch für seine Art. Gleichzeitig aber nahmen die menschlichen Aktivitäten deutlich zu: Es wurden geführte Annäherungstouren angeboten, Nahaufnahmen forciert, Berührungs- und Fütterungsversuche unternommen sowie Gegenstände ins Wasser geworfen.
Dieses Verhalten fördert eine problematische Gewöhnung des Delfins an Menschen und erhöht das Risiko für Verletzungen – sowohl für das Tier als auch für beteiligte Personen. Dabei ist klar geregelt: Das Stören oder Füttern eines wildlebenden Delfins ist in Italien gesetzlich verboten und kann strafrechtliche Konsequenzen haben.
Zusätzliches Risiko geht vom intensiven Bootsverkehr in Venedig aus. Daher wurde frühzeitig ein klarer Verhaltenskodex kommuniziert:
- Mindestens 50 Meter Sicherheitsabstand einhalten
- Geschwindigkeitsbegrenzungen beachten, kein abruptes Beschleunigen, Wenden oder Rückwärtsfahren
- Kein Füttern und keine Gegenstände ins Wasser werfen
- Den Delfin nicht durch Rufen, Lärm oder Klopfen auf das Boot aufmerksam machen
- Keine Annäherung, kein Kontakt- oder Interaktionsversuch
Trotz dieser Empfehlungen wurde „Mimmo“ im November mit Verletzungen gesichtet, die vermutlich auf eine Kollision mit einer Schiffsschraube zurückzuführen sind. Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, wie real und akut die Gefährdung ist.
An Beute mangelt es „Mimmo“ nicht
Doch warum zieht es den Solitärdelfin angesichts des massiven Lärms unter und der großen Unruhe über Wasser nicht zurück ins offene Meer? Der entscheidende Faktor ist das reiche und verlässliche Nahrungsangebot, insbesondere durch Meeräschen. Solange „Mimmo“ hier effizient jagen kann, wiegt dieser energetische Vorteil die Belastungen durch Lärm und Bootsverkehr offenbar auf. Hinzu kommt, dass Große Tümmler als ausgesprochen anpassungsfähig und opportunistisch gelten. Sie sind dafür bekannt, selbst in stark vom Menschen geprägten Lebensräumen zu bestehen – sei es in Häfen, Flussmündungen oder vielbefahrenen Küstenzonen.
Wir sind in der Verantwortung
Gerade deshalb trägt der Mensch eine besondere Verantwortung: Wenn sich ein Wildtier an unsere intensiv genutzten Räume anpasst, darf ihm daraus kein Nachteil entstehen. In den vergangenen Monaten wurde bereits versucht, „Mimmo“ aus der Lagune zu vertreiben. Die Vergrämungsmaßnahmen blieben jedoch ohne nachhaltigen Erfolg; der Delfin kehrte innerhalb kürzester Zeit in sein bevorzugtes Gebiet rund um den Markusplatz zurück.
Die Autor:innen der aktuellen Studie „The dolphin of Venice: management of a solitary bottlenose dolphin in the Venetian Lagoon“ kommen daher zu einem klaren Schluss: Der richtige Weg liegt nicht in weiteren Eingriffen oder Vertreibungsversuchen, sondern in einem verantwortungsvollen Management. Die Präsenz des Delfins sollte akzeptiert werden. Im Mittelpunkt müssen wirksame Schutzmaßnahmen, umfassende Aufklärung und die konsequente Einhaltung verbindlicher Verhaltensregeln stehen.
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Strelica (Pfeil) wurde gemeinsam mit den Patendelfinen Dobro Jutro und Poveliki beim Wellenreiten beobachtet.
VESELJAK
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