Wale beobachten und Wale gefährden: Der bittere Widerspruch des Kreuzfahrttourismus in Alaska

Wenn Whale Watching zur tödlichen Gefahr wird

Innerhalb von nur drei Monaten sind in Alaska zwei Kreuzfahrtschiffe mit toten Finnwalen am Bug in einen Hafen eingelaufen. Ausgerechnet eine Branche, die ihren Gästen spektakuläre Begegnungen mit Walen verspricht, wird damit für die Meeressäuger selbst zur Gefahr. Darum ist es zwingend erforderlich, dass Tempo-Limits für Schiffe in relevanten Lebensräumen der Wale durchgesetzt werden.

Zwei Schiff-Finnwal-Kollisionen innerhalb weniger Monate

Als das Kreuzfahrtschiff „Norwegian Joy“ am 17. September 2026 den Hafen von Sitka (Alaska) mit 4.000 Passagieren an Bord erreichte, befand sich am Bug des Schiffes ein toter Finnwal. Einsatzkräfte der US-Meeresbehörde NOAA, der Küstenwache und des Alaska Marine Mammal Stranding Network entfernten den etwa 17,5 Meter langen Wal-Bullen. Ob ihn die Kollision tötete oder das Schiff auf ein bereits totes Tier traf, ist bis dato nicht abschließend geklärt.

Brisant ist, dass es der zweite derartige Fall innerhalb kurzer Zeit in Alaska ist. Am 19. Juni war bereits die „Ovation of the Seas“ von Royal Caribbean in Seward ebenfalls mit einem toten Finnwal am Wulstbug eingelaufen. Damals handelte es sich um ein rund 18,6 Meter langes trächtiges Weibchen. Bestätigt wurde die Kollision auch von der Reederei. Bei der Untersuchung wurden unter anderem Verletzungen an Kiefer, Wirbelsäule und Rippen festgestellt.

 Seit Jahren schießen an der deutschen Ostseeküste touristische Speedboot-Angebote wie Pilze aus dem Boden.

Mit Tempolimits in Hot Spot-Regionen könnte die Zahl der Schiffskollisionen effektiv gesenkt werden.

Paradox: Whale Watching-Tourist:innen treffen buchstäblich auf gefährdete Wale

Die beiden Fälle offenbaren einen bitteren Widerspruch: Gerade die Möglichkeit, teils vom Aussterben bedrohte Wale in freier Wildbahn zu erleben, gehört zu den Attraktionen, mit denen Kreuzfahrtgesellschaften ihre Alaska-Reisen vermarkten. Norwegian Cruise Line bietet seinen Gästen beispielsweise Ausflüge wie „Whale Watching and Wildlife Quest“ an. Auch Royal Caribbean wirbt ausdrücklich mit „Whale Watching in Alaska“. Damit werden dieselben Meeressäuger, die ein wesentliches Verkaufsargument dieser Reisen darstellen, durch den Schiffsverkehr gefährdet.

Viele Kollisionen bleiben vermutlich unentdeckt

Nach Angaben der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) wurden seit 2001 allein in Alaska zehn Kollisionen zwischen Walen und Kreuzfahrtschiffen dokumentiert. Dabei ist von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen. „Es ist schwierig, die genaue Zahl der Kollisionen zwischen Walen und Schiffen zu bestimmen. Wahrscheinlich bleiben viele Zusammenstöße von den Schiffsbesatzungen unbemerkt, da diese in abgelegenen Gebieten stattfinden“, sagt NOAA-Sprecherin Jennifer Angelo.

Ein anderer NOAA-Bericht dokumentiert für den Zeitraum von 1978 bis 2011 insgesamt 108 gemeldete Kollisionen zwischen Walen und Schiffen in Alaska. Bei fast einem Viertel dieser Fälle kamen laut NOAA die Wale ums Leben.

Schiffsverkehr verlangsamen und Kollisionsrisiken für Wale reduzieren

Meeresbiolog:innen und Umweltschützer:innen sehen in den jüngsten Fällen einen triftigen Grund, den Schiffsverkehr in wichtigen Lebensräumen der Wale stärker zu regulieren. So sollten Schiffe dort tagsüber höchstens zehn Knoten (ca. 19 km/h) fahren, bei schlechter Sicht nur acht Knoten (ca. 15 km/h). Kreuzfahrtschiffe sind normalerweise mit bis zu 22 Knoten (ca. 41 km/h) unterwegs.

Die GRD unterstützt diese Forderung, speziell mit Blick auf die Kreuzfahrtindustrie: Wer mit dem Erlebnis wirbt, Wale in ihrer natürlichen Umgebung beobachten zu können, trägt eine besondere Verantwortung dafür, dass der Weg durch die Lebensräume der Tiere für diese nicht zur tödlichen Gefahr wird.

Foto oben: NOAA Fisheries, Permit #24359

 

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