Ungewöhnliche Adoption: Delfin-Baby findet Ersatzmutter

Sozialverhalten

Ungewöhnlich: Delfin-Baby findet Ersatzmutter

Beweggründe für Adoption sind umstritten

Ein Delfinbaby, das im Alter von knapp 2 Monaten seine Mutter verlor, wurde durch ein ihm fremdes und genetisch nicht verwandtes Delfinweibchen, das selbst keinen Nachwuchs hatte, adoptiert. Eine Gruppe japanischer Wissenschaftler um Mai Saki vom Fischereiinstitut der Kindai-Universität machte diese sehr seltene und ungewöhnliche Beobachtung während des Langzeitmonitorings von Indopazifischen Großen Tümmlern (Tursiops aduncus), die vor der etwa 200 km südlich von Tokio im Pazifischen Ozean gelegenen Vulkanisel Mikura leben. Sie berichten über ihre Forschungsergebnisse im Onlineportal „Scientific Reports 6“.

Adoptionsverhalten und alloparentale Pflege, also Pflege- und Fürsorgeverhalten das von anderen Individuen als den leiblichen Eltern ausgeht, ist von etwa 120 Säugetier- und 150 Vogelarten bekannt. Die Beweggründe für die Pflege nicht leiblicher Kinder oder eine Adoption sind umstritten. Müssen Pfleger oder Adoptiveltern doch beträchtliche Ressourcen für fremden Nachwuchs investieren und erhalten, wenn es sich weder um Nachwuchs verwandter oder zumindest eng bekannter Eltern handelt, gleichzeitig keinen unmittelbar erkennbaren biologischen Vorteil.

Und doch treten im Tierreich ganz erstaunliche Adoptionen verwaister Jungtiere auf, die sogar die Artgrenze überspringen können. Bekanntestes Beispiel ist vielleicht die Löwin „Kamunyak“, die bis zu ihrem rätselhaften Verschwinden im Februar 2004 sechs Oryxantilopenkälbchen adoptierte.

Über das Adoptionsverhalten bei wilden Delfinen gibt es nur wenige Erkenntnisse

Unter Delfinen, Schweinswalen, Belugas oder Pottwalen ist es durchaus üblich, dass Mütter ihren Nachwuchs anderen Weibchen anvertrauen, die auf die Kleinen aufpassen und sie auch säugen – wenn sie selber Junge haben oder erwarten. Doch man weiß so gut wie nichts über Adoptionen unter wild lebenden Delfinen. Bislang extrem selten dokumentiert wurde, dass ein Delfinweibchen, das selbst keinen Nachwuchs hat, ein fremdes Baby adoptiert und im Zuge dessen beginnt, Milch für das Kleine zu produzieren.

Ein kleiner Delfin verliert seine Mutter und findet eine neue

„Adoptiertes Delfinbaby“: (a) mit leiblicher Mutter von Nana Takanawa (b) mit Adoptivmutter von Mai Sakai

Im Alter von 15 Jahren bekam das von den Forschern als #356 bezeichnete Weibchen Nachwuchs, ein Männchen. Nur knapp zwei Monate nach seiner Geburt verlor der Kleine seine Mutter, sie starb im Netz eines Freizeitfischers. Doch er hatte Glück und einen starken Überlebenswillen. Bereits wenige Tage nach dem Verlust der Mutter tauchte er plötzlich eng an der Seite eines 8 Jahre alten Weibchens auf, das selbst noch nie Nachwuchs hatte und im Individuenkatalog der japanischen Forscher als Delfin #576 geführt wurde.

Überrascht waren die Wissenschaftler, dass Delfin #576 weder mit der verstorbenen Mutter verwandt war, noch im gesamten fünfjährigen Beobachtungszeitraum jemals viel Kontakt mit ihr hatte. Adoptivmutter und adoptiertes Baby waren sich genetisch und sozial völlig fremd. Noch erstaunlicher war die Tatsache, dass die Adoptivmutter, obwohl sie selber weder schwanger war, noch eigenen Nachwuchs hatte, kurz nach der Adoption begann, Milch zu produzieren und so ihr Adoptivkind säugen konnte. Sie war damit zwar nicht ganz so erfolgreich wie die leibliche Mutter, denn das Baby magerte unter ihrer Obhut etwas ab, aber die Beziehung hielt.

Wer hat wen gefunden?

Foto: Angela Ziltener, DWA

Das Forscherteam vermutet, dass die Kontaktaufnahme von dem verwaisten Jungtier ausging, ein bekanntes Verhalten, das schon bei gefangenen Delfinen beobachtet wurde. Doch warum hat Delfin #576 sich des Waisenkinds angenommen? Es wäre ein Leichtes für sie gewesen, den Annährungsversuchen zu entfliehen oder es zu verjagen.

Tümmler erfüllen die Voraussetzungen der „Theory of Mind“, der Fähigkeit, das eigene Verhalten oder das Verhalten anderer durch Zuschreibung mentaler Zustände zu interpretieren und sich in Bewusstseinsvorgänge und die Gedankenwelt anderer Lebewesen hineinzuversetzen. Die wahrscheinliste Erklärung für das ungewöhnliche Verhalten der Adoptivmutter ist, dass sie die Not des kleinen Delfins erkannt und sich aus Mitgefühl oder durch von ihm geweckte Muttergefühle seiner angenommen hat.

Das große Glück war nicht von langer Dauer

Während Löwin „Kamunyak“ keine Chance hatte, ihre Antilopenkinder zu versorgen, klappte dies bei Delfin #576 weitaus besser, auch wenn der Kleine unter ihrer Fürsorge abnahm. Doch auch diesem Paar war kein langes Glück vergönnt. Ganze 102 Tage dauerte die ungewöhnliche Beziehung, dann war Delfin #576 wieder alleine. Was aus ihrem Adoptivkind wurde? Wir werden es wohl nie erfahren.

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