Hohes Risiko: Diese Walrarten könnten schon bald aussterben

von | 12. Februar 2026 | News - Fischerei

Fünf Walbestände am Limit

Jahrhundertelang waren Harpunen ihre größte Bedrohung. Heute sind es Fischernetze, Frachtschiffe, Industrieanlagen und globale Schwarzmärkte. Manche Walarten bzw. -populationen zählen nur noch wenige hundert Tiere, andere kaum mehr als eine Handvoll Individuen. Wir stellen an dieser Stelle fünf der am stärksten bedrohten Walbestände weltweit vor.

Wal-Populationen vor dem Aussterben: Zwischen Hoffnung und Abgrund

Vom Golf von Kalifornien bis in die Ostsee zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Wirtschaftliche Interessen wiegen oft schwerer als der Schutz bedrohter Meeressäuger. Ein Blick in die Rote Liste gefährdeter Arten macht das Ausmaß deutlich: Von den über 90 Wal-, Delfin- und Schweinswalarten weltweit gilt rund ein Viertel als bedroht. Weitere Bestände stehen kurz davor oder können mangels ausreichender Daten nicht verlässlich bewertet werden.

Die aktuelle Entwicklung deutet darauf hin, dass einzelne Bestände ohne wirksame Gegenmaßnahmen die kommenden Jahrzehnte nicht überstehen werden. Dazu gehören:

1) Der Vaquita – Kollateralschaden asiatischen Schönheitswahns

Der Vaquita (Phocoena sinus; Spanisch: „kleine Kuh“) steht unmittelbar vor dem Aussterben. Die Anzahl der noch existierenden Individuen sank 2021 auf unter zehn. Dieser Vaquita ist – neben dem Maui-Delfin – vermutlich einer der kleinsten Vertreter innerhalb der Wale und Delfine. Nicht die direkte Bejagung, sondern illegale Fischerei hat die Art an den Rand des endgültigen Verschwindens gebracht. Zwar stellen auch Garnelennetze ein Problem dar, doch in den vergangenen Jahren waren vor allem Netze für den Fang des Totoaba verantwortlich, wie die Internationale Walfangkommission (IWC) betont.

Zwei Schweinswale im Golf von Kalifornien: Die nur bis etwa 1,5 Meter groß werdenden Miniaturwale gehören zu den kleinsten Delfinartigen.
Foto: Paula Olson / NOAA / public domain. 

Der Totoaba, ein etwa gleich großer Umberfisch, ist vor allem in China begehrt. Seine Schwimmblase gilt dort als Luxusprodukt mit angeblich hautverjüngender Wirkung. Wissenschaftlich ist dies nicht belegt, aber auf dem Schwarzmarkt werden dafür Preise erzielt, die mit denen von Kokain vergleichbar sind. Diese extreme Nachfrage hat das organisierte Verbrechen in die illegale Fischerei im nördlichen Golf von Kalifornien hineingezogen und erschwert es erheblich, der zerstörerischen Stellnetzfischerei – und damit auch dem Beifang des Vaquita, ein Ende zu setzen.

2) Der North Atlantic Right Whale – Ein Name aus der Zeit der Harpunen

Der Nordatlantische Glattwal (Eubalaena glacialis), auch Atlantischer Nordkaper oder North Atlantic Right Whale genannt, zählt zu den am besten erforschten und zugleich am stärksten gefährdeten Großwalarten der Welt. Nach jahrhundertelanger intensivster Bejagung ist die Art heute neuen, vom Menschen verursachten Bedrohungen ausgesetzt. Besonders die Fischerei stellt weiterhin eine erhebliche Gefahr dar: Studien zeigen, dass mehr als 80 Prozent der Tiere Narben von Verstrickungen in Fischereigerät aufweisen.

Der Atlantische Nordkaper hat einen sehr dunkel gefärbten Körper mit einer Länge von maximal 17 Metern. Weibchen können ein Gewicht von knapp 100 Tonnen erreichen. 
Foto: NOAA 

Die Weltnaturschutzunion (IUCN) schätzt den aktuellen Bestand nur noch auf wenige Hundert Tiere. Entsprechend gilt die Art als vom Aussterben bedroht. Zum Vergleich: Vor Beginn der großskaligen Jagd ab dem 17. Jahrhundert lebten schätzungsweise zwischen 9.000 und 21.000 Nordkaper im Nordatlantik. Seinen englischen Namen verdankt der Wal übrigens seiner tragischen Geschichte: Für Walfänger galt er als der „richtige Wal“: langsam schwimmend, besonders fettreich, nach dem Töten an der Oberfläche treibend und damit als besonders leicht auszubeuten.

3) Der Rice-Brydewal – Spät entdeckt und sofort auf der roten Liste

Bis 2020 galten Rice-Brydewale (Balaenoptera ricei) als eine Population der Brydewale. Erst neuere wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass es sich um eine eigenständige Art handelt, die sich genetisch und morphologisch deutlich von den Brydewalen unterscheidet. Über diese ausschließlich im Golf von Mexiko vorkommende Art ist bislang nur wenig bekannt. Klar ist jedoch: Der Rice-Brydewale ist akut vom Aussterben bedroht. Schätzungen zufolge existieren weniger als 100 Individuen.

Früher bewohnte diese Art das ganze Gebiet des Golfs von Mexiko, heute wird er nur noch in den östlichen Teilen gesichtet.
Foto: NOAA / Wiki Commons

Sein Lebensraum in US-Gewässern sowie in angrenzenden mexikanischen Bereichen ist stark industrialisiert und erheblichen Belastungen ausgesetzt. Zu den größten Gefahren zählen Kollisionen mit Schiffen sowie die Öl- und Gasförderung, auch aufgrund der anhaltenden Folgen durch die Deepwater-Horizon-Katastrophe. Hinzu kommen Unterwasserlärm durch seismische Untersuchungen, die Vermüllung des Golfs von Mexikos durch Plastik sowie andere Formen der Meeresverschmutzung. Die geringe genetische Vielfalt, die sehr kleine Population und das stark begrenzte Verbreitungsgebiet verschärfen die Situation zusätzlich und machen den Verlust jedes einzelnen Tieres gravierend.

4) Der Ostsee-Schweinswal Alarmstufe Rot vor unserer Küste

Die Population der sogenannten „Deutschland-Wale“ (Phocoena phocoena) in der mittleren und östlichen Ostsee umfasst nur noch etwa 300 bis 500 Tiere. Forschungsergebnisse zeigen, dass die Lebenserwartung weiblicher Ostseeschweinswale dramatisch gesunken ist: Von früher etwas über 20 Jahren auf inzwischen weniger als vier Jahre. Nur noch rund 30 Prozent der Weibchen erreichen überhaupt die Geschlechtsreife.

Auf dem Papier sind Schweinswale in Deutschland eine streng geschützte Art. Doch das nutzt ihnen wenig. Denn selbst in deutschen Meeresschutzgebieten leben sie in ständiger Gefahr, beispielsweise mit Blick auf die Stellnetzfischerei.
Foto: Schutzstation Wattenmeer

Die größte Bedrohung für die kleinen Meeressäuger bleibt die Fischerei, insbesondere der Beifang in der Stellnetzfischerei. Hinzu kommen Belastungen durch intensive Schifffahrt, die Sprengung von Munitionsaltlasten, dem Bau von Offshore-Windkraftanlagen, das Verenden in Geisternetzen sowie unzureichende Schutzgebiete. Gegen die Gefahr des Ertrinkens in den Altlasten der Fischerei arbeitet die GRD seit 2019 durch regelmäßige Bergung von Geisternetzen vor Rügen.

5) Der Westliche Grauwal – Einst „Devil-Fish“, jetzt fast verschwunden

Die von Walfängern einst als „Devil-Fish“ bezeichneten Grauwale (Eschrichtius robustus, westliche Unterpopulation) wurden über Jahrhunderte hinweg massiv bejagt und beinahe ausgerottet. Ihren „schlechten Ruf“ verdankten sie ihrem ausgeprägten Schutzinstinkt: Muttertiere verteidigen ihre Kälber energisch und konnten für Walfänger durchaus gefährlich werden.

Seine graue Marmorierung und das Fehlen der Finne machen den Grauwal unverwechselbar.
Foto: Greg-The-Busker

Während sich die Population entlang der nordamerikanischen Westküste auf über 20.000 Tiere erholen konnte, befindet sich der Bestand im westlichen Pazifik mit nur noch wenigen Hundert Individuen in einer hochkritischen Situation. Historisch wanderte diese Population entlang der Küsten Russlands, Koreas, Japans und Chinas. Heute zielen Schutzmaßnahmen vor allem darauf ab, die Folgen der wachsenden Offshore-Öl- und Gasförderung in diesen Regionen zu begrenzen und das Risiko von Verstrickungen in Fischereigerät deutlich zu verringern.

Ausblick

Ob diese Walarten überleben, ist keine Frage fehlenden Wissens, sondern fehlender Konsequenz. Technische Lösungen und Schutzkonzepte existieren, doch sie werden zu zögerlich umgesetzt. Die Zukunft der Wale entscheidet sich nicht im Ozean, sondern in Ministerien, Märkten und internationalen Abkommen.

Dass ernstgemeinter Walschutz wirken kann, zeigt die Entwicklung des Südlichen Glattwals (Eubalaena australis, Foto unten) Einst durch intensive Bejagung beinahe ausgerottet, haben sich viele Bestände seit dem internationalen Walfangmoratorium (1986) deutlich erholt. Heute gilt die Art als nicht mehr gefährdet. Das Beispiel zeigt: Wo konsequente Schutzmaßnahmen greifen und wirtschaftliche Interessen begrenzt werden, können selbst stark dezimierte Walpopulationen eine zweite Chance erhalten.

 

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