Zwischen Propellern und Publikum: Dauerbedrohung für Delfin “Mimmo” in Venedig

von | 25. Februar 2026 | News - Kroatien

Venedigs Auftrag für Dauergast „Mimmo“: Koexistenz statt Verdrängung

Der Großer Tümmler „Mimmo“ sorgt seit Sommer 2025 in der Lagune von Venedig für Aufsehen, vor allem da er sich oftmals an belebten Orten wie vor dem Markusplatz aufhält. Doch statt dem hundertsten Selfie mit „Mimmo“, braucht es jetzt vor allem eines: konsequenten Schutz. Wie verantwortungsvolles Verhalten der Öffentlichkeit aussehen muss, um das Überleben des jungen Delfins zu sichern, haben die Autor:innen einer wissenschaftlichen Studie erarbeitet.

Ein Solitärdelfin, der Venedig nicht verlassen will

Erstmals in der Lagune von Venedig gesichtet wurde „Mimmo“ im Juni 2025. Nach ersten Aufenthalten nordwestlich von Chioggia wanderte der Delfin weiter in Richtung Stadtgebiet. Seit Oktober hält er sich regelmäßig in den Gewässern rund um den Markusplatz auf – einem der meistbesuchten Orte Europas. Dort wurde er mehrfach beim Jagen und Fressen von Meeräschen (Mugilidae) beobachtet, insofern ist sein Verhalten typisch für seine Art. Gleichzeitig aber nahmen die menschlichen Aktivitäten deutlich zu: Es wurden geführte Annäherungstouren angeboten, Nahaufnahmen forciert, Berührungs- und Fütterungsversuche unternommen sowie Gegenstände ins Wasser geworfen.

Dieses Verhalten fördert eine problematische Gewöhnung des Delfins an Menschen und erhöht das Risiko für Verletzungen – sowohl für das Tier als auch für beteiligte Personen. Dabei ist klar geregelt: Das Stören oder Füttern eines wildlebenden Delfins ist in Italien gesetzlich verboten und kann strafrechtliche Konsequenzen haben.

Zusätzliches Risiko geht vom intensiven Bootsverkehr in Venedig aus. Daher wurde frühzeitig ein klarer Verhaltenskodex kommuniziert:

  • Mindestens 50 Meter Sicherheitsabstand einhalten
  • Geschwindigkeitsbegrenzungen beachten, kein abruptes Beschleunigen, Wenden oder Rückwärtsfahren
  • Kein Füttern und keine Gegenstände ins Wasser werfen
  • Den Delfin nicht durch Rufen, Lärm oder Klopfen auf das Boot aufmerksam machen
  • Keine Annäherung, kein Kontakt- oder Interaktionsversuch

Trotz dieser Empfehlungen wurde „Mimmo“ im November mit Verletzungen gesichtet, die vermutlich auf eine Kollision mit einer Schiffsschraube zurückzuführen sind. Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, wie real und akut die Gefährdung ist.

 

An Beute mangelt es „Mimmo“ nicht

Doch warum zieht es den Solitärdelfin angesichts des massiven Lärms unter und der großen Unruhe über Wasser nicht zurück ins offene Meer? Der entscheidende Faktor ist das reiche und verlässliche Nahrungsangebot, insbesondere durch Meeräschen. Solange „Mimmo“ hier effizient jagen kann, wiegt dieser energetische Vorteil die Belastungen durch Lärm und Bootsverkehr offenbar auf. Hinzu kommt, dass Große Tümmler als ausgesprochen anpassungsfähig und opportunistisch gelten. Sie sind dafür bekannt, selbst in stark vom Menschen geprägten Lebensräumen zu bestehen – sei es in Häfen, Flussmündungen oder vielbefahrenen Küstenzonen.

 

Wir sind in der Verantwortung

Gerade deshalb trägt der Mensch eine besondere Verantwortung: Wenn sich ein Wildtier an unsere intensiv genutzten Räume anpasst, darf ihm daraus kein Nachteil entstehen. In den vergangenen Monaten wurde bereits versucht, „Mimmo“ aus der Lagune zu vertreiben. Die Vergrämungsmaßnahmen blieben jedoch ohne nachhaltigen Erfolg; der Delfin kehrte innerhalb kürzester Zeit in sein bevorzugtes Gebiet rund um den Markusplatz zurück.

Die Autor:innen der aktuellen Studie „The dolphin of Venice: management of a solitary bottlenose dolphin in the Venetian Lagoon“ kommen daher zu einem klaren Schluss: Der richtige Weg liegt nicht in weiteren Eingriffen oder Vertreibungsversuchen, sondern in einem verantwortungsvollen Management. Die Präsenz des Delfins sollte akzeptiert werden. Im Mittelpunkt müssen wirksame Schutzmaßnahmen, umfassende Aufklärung und die konsequente Einhaltung verbindlicher Verhaltensregeln stehen.

 

Helfen Sie Adria-Delfinen jetzt mit Ihrer Patenschaft

STRELICA

Strelica (Pfeil) wurde gemeinsam mit den Patendelfinen Dobro Jutro und Poveliki beim Wellenreiten beobachtet.

VESELJAK

Veseljak (Spaßvogel) verdankt seinen Namen seiner schier unbändigen Lust an akrobatischen Sprüngen. Oft hielt er mit seiner Energie den Rest der Delfingruppe "auf Trab".

LUNA

Luna wurde im Juli 2015 vom "Adriatic Dolphin Observer" Werner Kellerer in der südlichen kroatischen Adria vor Slano identifiziert.

l

Weitere Artikel

Delfinfunde 2025: Niedrige Fallzahlen, aber weiterhin Handlungsbedarf

Mit zwölf gemeldeten Todfunden blieb die Zahl verendeter Delfine an der kroatischen Adriaküste im Jahr 2025 vergleichsweise niedrig. Dennoch bedeutet jeder einzelne Todesfall einen schmerzlichen Verlust für die ohnehin kleinen Delfinpopulationen der Adria. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Forschungsergebnisse, dass sich die Delfine in der Region bemerkenswert gut an Lebensräume mit intensiver menschlicher Nutzung angepasst haben. Sie trotzen Schiffsverkehr, Tourismus und Fischerei und zeigen damit einerseits eine hohe Anpassungsfähigkeit und andererseits eine ausgeprägte Widerstandskraft gegenüber anthropogenen Umweltfaktoren. Ein konsequenter Schutz dieser sensiblen Meeressäuger bleibt nichtsdestotrotz unabdingbar.

weiterlesen

Adria: Mehrere tote Delfine binnen weniger Tage

Innerhalb weniger Tage wurden in der kroatischen Adria drei tote Delfine gefunden – in der Nähe der Pelješac-Brücke, südlich von Split bei Šolta und Brač sowie bei den Kornaten-Inseln. Die Fundorte liegen über 200 Kilometer auseinander, doch die zeitliche Häufung lässt uns aufhorchen. Die Polizei hat Ermittlungen aufgenommen.

weiterlesen

Adria-Delfin mit Seil an der Fluke: Protokoll einer besonderen Rettungsaktion

Seit dem vergangenen Jahr erreichen uns und unsere Projektpartner:innen immer wieder Meldungen über einen Großen Tümmler, der im Novigrader und Kariner Meer mit einem Seil an der Fluke gesichtet wird. Dieser Delfin wurde bereits seit geraumer Zeit beobachtet und ein leider erfolgloser Rettungsversuch unternommen. Im nachfolgenden ausführlichen Protokoll dokumentieren unsere Kooperationsparter:innen die komplexe Rettungsaktion des vergangenen Jahres, den logistischen Aufwand sowie die Herausforderungen der Fangversuche. Auch wenn das Seil noch nicht entfernt werden konnte, scheint der Delfin erstaunlich gut damit zurecht zu kommen.

weiterlesen

Spendenkonto

Gesellschaft zur Rettung der Delphine
SozialBank AG
IBAN:
DE09 3702 0500 0009 8348 00
BIC:
BFSWDE33XXX

Ihre Spenden, Patenschafts- und Förderbeiträge sind steuerlich absetzbar.

Ihre Hilfe kommt an

Die GRD ist als gemeinnützig und
besonders förderungswürdig anerkannt.

Zum Newsletter anmelden

Bitte tragen Sie Ihre E-Mail-Adresse ein.

Vielen Dank für Ihr Abonnement!