GRD-Positionspapier zur Reduzierung der Plastikflut in der marinen Umwelt
Meeressäuger schützen und Lebensräume bewahren
Der globale Eintrag von Plastik in die Meere stellt eine der zentralen Herausforderungen der Gegenwart dar. Die Verschmutzung durch Plastik hat mittlerweile jeden Winkel der Meere erreicht, von der Tiefsee bis zur Wasseroberfläche. Dabei schädigt es Meereslebewesen direkt und indirekt. Plastik tötet Tiere z.B. durch Verschlucken und Verheddern, wodurch insbesondere Delfine und Wale betroffen sind. Zudem gelangt Mikroplastik verstärkt in die Nahrungsketten, wo es Organe schädigen, Sättigungsgefühl erzeugen und die Nährstoffaufnahme beeinflussen kann. Zusammengefasst: Die Plastikmassen in den Weltmeeren gefährden langfristig die Stabilität und Biodiversität mariner Ökosysteme, auch an deutschen Küsten. Die Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V. fordert dringend Maßnahmen zur Reduzierung der Plastikeinträge in die Meere.
Die Kernforderungen der GRD zur Eindämmung der Plastikflut an die Politik
- Deutschland muss sich mit Nachdruck für ein Plastikabkommen auf UN-Ebene einsetzen, um die weltweite Plastikflut zu stoppen. Dies muss den ganzen Lebenszyklus betreffen, von der Produktion bis zur Entsorgung.
- Deutschland muss sich mit aller Kraft auf EU-Ebene dafür einsetzen, die Ziele des EU-Aktionsplans für Schadstofffreiheit (Zero Pollution Action Plan) zu erreichen.
- Deutschland muss auf nationaler Ebene seinen Verpflichtungen zur Umsetzung der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie der EU nachkommen.
Wir tragen alle die Verantwortung für die Plastikkrise. Was alle tun können:
- Mehrweg- statt Einwegprodukte verwenden
- Wenn möglich, Verzicht auf Kunststoffverpackungen beim Einkauf.
- Keine Produkte mit Mikroplastik verwenden (Tipp zum Aufspüren von Schadstoffen wie Mikroplastik in Produkten: ToxFox-App vom BUND)
- Keinen Müll in der Umwelt hinterlassen und Müll korrekt trennen!
Plastik – ein riesiges und bleibendes Problem
Die weltweite Produktion von Kunststoffen, die aus fossilen Brennstoffen hergestellt werden, beträgt mittlerweile jährlich mehr als 460 Millionen Tonnen. Das entspricht in etwa dem Gewicht von 4.600 modernen Flugzeugträgern. Faktoren wie die Massenproduktion von Einwegplastik, unzureichendes Abfallmanagement oder illegale Entsorgung führen dazu, dass die Plastikbelastung der Umwelt stetig zunimmt. Gleichzeitig scheiterte ein dringend erforderliches globales Plastikabkommen im August 2025 am Widerstand erdölfördernder Staaten. Neben der Tatsache, dass 99 % des weltweit produzierten Plastiks unter Verwendung klimaschädlicher fossiler Brennstoffe hergestellt wird, ist bei Kunststoffen deren Persistenz besonders problematisch. Im Gegensatz zu organischen Stoffen sind sie nicht biologisch abbaubar. Die Konsequenz: Der Plastikmüll verbleibt, meist als Mikroplastik, Jahrzehnte wenn nicht Jahrhunderte lang in der Umwelt. Die Folgen dieser Entwicklung sind nicht absehbar, da Plastik schon heute jedes Ökosystem der Erde beeinflusst und damit unsere Lebensgrundlagen bedroht. Eine Schlüsselrolle nehmen dabei die Meere ein.
Pro Minute gelangen zwei LKW-Ladungen Plastikmüll in die Gewässer unserer Erde
Die Ozeane bedecken rund 71 Prozent der Erdoberfläche und stellen den größten Lebensraum der Erde dar. Sie beherbergen nicht nur eine Vielzahl an Ökosystemen, sondern tragen entscheidend zur Sicherung unserer Lebensgrundlagen bei. Nicht nur als Nahrungs- und Rohstoffquelle, Erholungsort und Hauptträger des weltweiten Warenverkehrs, sondern vor allem aufgrund der Produktion von Sauerstoff und der Regulierung des Klimas ist die Menschheit auf funktionierende Meeresökosysteme angewiesen. Es ist eine Umweltkatastrophe unvorstellbarer Dimension, dass pro Jahr zwischen 19 bis 23 Millionen Tonnen Kunststoffe in den weltweiten Gewässern landen.
Die Quellen für die Plastikverschmutzung im Meer sind vielfältig. Ca. 80 Prozent des Gesamtmülleintrags stammen aus landseitigen Quellen wie Industrie, Mülldeponien, Kläranlagen und Tourismus. Ein Großteil des Plastiks gelangt dabei über die Flüsse ins Meer. Meerbasierte Quellen wie Schifffahrt, Fischerei und Offshore-Industrie sind für die verbleibenden 20 Prozent verantwortlich. Im Meer angekommen wirken die Meeresströmungen wie Transportbänder, welche die Kunststoffpartikel auf allen Ebenen der marinen Ökosysteme verteilen. Auch in den deutschen Nord- und Ostseegewässern ist die Plastikverschmutzung allgegenwärtig, ob am Strand, am Meeresboden oder in der Wassersäule. Das EU-Umweltziel „Meere ohne Belastung durch Abfall“ wird derzeit klar verfehlt.
Plastikmüll im Meer
Verfangen und Verschlucken: Die oft tödliche Gefahr durch Plastikmüll
Die Aufnahme von Plastik wurde mittlerweile bei fast 1300 Arten festgestellt, darunter befinden sich neben allen Seevögel- und Meeresschildkrötenarten auch Meeressäuger. Gerade für Wale und Delfine besteht weltweit ein hohes Risiko, sich in treibendem Plastikmüll zu verfangen. Oft handelt es sich dabei um die Altlasten der Fischereiindustrie in Form von Geisternetzen oder Langleinen. Verfängt sich ein Meeressäuger, hat dies eine eingeschränkte Mobilität zur Folge: die Fortbewegung gelingt nur noch unter hohem Energieaufwand, eine Flucht vor Raubtieren ist unmöglich, das Plastik verursacht Wunden auf der Haut und im schlimmsten Fall ersticken die Tiere, da sie nicht mehr auftauchen können.
Wird Plastik in den Körper aufgenommen, ob unbeabsichtigt oder durch Verwechslung mit Nahrung, besteht das Risiko von lebensbedrohenden Entzündungen und Infektionen. Plastik kann innere Verletzungen verursachen, den Magen-Darm-Trakt verstopfen oder die Fortpflanzung und das Wachstum beeinträchtigen. Das daraus entstehende Sättigungsgefühl kann zu einer verringerten Nahrungsaufnahme und somit zu Unterversorgung und Tod führen. Bei der Untersuchung von gestrandeten Pottwalen im Jahr 2016 wurden verschiedene Plastikmaterialien in den Mägen gefunden. Bei einem Tier waren es 24 kg Plastikmüll! Gerade bei tieftauchenden und mit Echoortung jagenden Zahnwalen deuten Studien darauf hin, dass Plastikgegenstände in der dunklen Tiefsee eine mit Beutetieren vergleichbare akustische Signatur haben und deshalb gefressen werden. Leider führt aufgenommenes Plastik auch immer wieder zum Tod durch Ersticken, wie der Fall eines an der Küste Honduras gestrandeten Breitschnabeldelfins zeigt, bei dem eine Plastiktüte die Luftröhre blockierte.
Die unsichtbare Gefahr: Mikroplastik
Ob für Produkte wie Kosmetika und Reinigungsmittel bewusst hergestellt oder durch Reifenabrieb und die fortwährende Zersetzung im Meer befindlicher Plastikteile wie Geisternetzen erzeugt: Die stetig zunehmenden Massen an Mikroplastikpartikeln in den Ozeanen bedrohen die Biodiversität. Sie enthalten gesundheitsschädliche Zusätze und fungieren als Schadstoffträger, da es an ihrer Oberfläche zur Anhaftung von in der Umwelt befindlichen Schadstoffen kommt. Meeresorganismen sind nicht in der Lage, Mikroplastik als schädlich zu erkennen bzw. dessen Aufnahme zu vermeiden.
Mikroplastik unter dem Mikroskop: Plankton im Wasser, das mit kleinsten Plastikpartikeln verunreinigt ist.
Foto: Shutterstock
Hintergrund: Mikroplastik, der Klimawandel und invasive Arten
• Mikroplastik steht mit dem Klimawandel in gefährlicher Wechselwirkung: Höhere Temperaturen und Extremwetterereignisse beschleunigen den Zerfall zu Mikroplastik. Während des Zerfalls aufgrund von Sonnenlicht werden wiederum Treibhausgase wie Methan freigesetzt, welche wiederum zur Erderwärmung beitragen.
• Da umhertreibender Plastikmüll wie verlassene Fischereigeräte als Lebensraum für viele Arten wie Muscheln, Krebstiere oder Algen dient, fördert er die Einschleppung neuer Arten in bestehende Ökosysteme. Die Auswirkungen sind z.T. enorm: Invasive Arten können einheimische Arten verdrängen, das Gleichgewicht von Ökosystemen stören und Nahrungsketten verändern.
Vom Blauwal bis zum Plankton: Mikroplastik bedroht sämtliche Organismen in allen Nahrungsketten
Insbesondere die Aufnahme von Mikroplastik durch filterndes Plankton führt zu langfristigen Folgeschäden. Plankton stellt die Basis fast aller marinen Nahrungsketten dar, wodurch sich einmal aufgenommenes Mikroplastik innerhalb der Nahrungsnetze verbreitet. Am Ende der Nahrungsketten sind es vor allem die sogenannten Top-Prädatoren wie Wale und Delfine, welche aufgrund von Bio-Akkumulation besonders großen Mengen an Mikroplastik ausgesetzt sind. Nach derzeitigem Forschungsstand ist davon auszugehen, dass Krill fressende Bartenwale über das Plankton am meisten Mikroplastik aufnehmen. Laut einer Studie nimmt ein Blauwal pro Tag bis zu zehn Millionen Mikroplastikpartikel auf. Doch damit nicht genug: Selbst in der ausgeatmeten Luft von Großen Tümmlern wurden Mikroplastikpartikel nachgewiesen. Das spricht dafür, dass Wale und Delfine selbst über die Atemluft die kleinen Partikel in die Lunge aufnehmen. Von Meeressäugern bis hin zu Fischen, Weichtieren, Stachelhäutern, Schwämmen und Korallen: Die schädlichen Auswirkungen von Mikroplastik wurden mittlerweile in sämtlichen Organismen durch Studien nachgewiesen. Die negativen Folgen sind vielfältig und reichen von physiologischem Stress, inneren Gewebeverletzungen, Vergiftungen, Organschädigungen bis hin zu Wachstumsstörungen und verminderter Atmung.
Nicht nur ganze Ökosysteme sind bedroht – auch unsere Lebensgrundlagen
Der Plastikmüll in den Meeren ist Teil dessen, was die UN als dreifache Krise bezeichnet. Neben dem Klimawandel und dem Verlust an Biodiversität ist damit die schleichende Vermüllung der marinen Umwelt gemeint. Zusätzlich wirken diese Krisen nicht für sich alleine, sondern verstärken sich gegenseitig. Insbesondere marine Ökosysteme stehen bereits durch mannigfaltige anthropogene Stressoren wie Eutrophierung, Schadstoffbelastung, Fischerei und den Klimawandel unter Druck. Zusätzlich werden sie mit mittlerweile bis zu 150 Millionen Tonnen Plastikmüll belastet. In Folge werden nicht nur einzelne Individuen bedroht, sondern es steht die Resilienz und Funktion ganzer Ökosysteme auf dem Spiel.
Sollte die Plastikkrise ungelöst bleiben, sind unsere Lebensgrundlagen bedroht, da die Ozeane für uns Menschen bedeutsame Ökosystemleistungen wie Klimaregulierung, Küstenschutz oder Nahrungs- und Rohstoffversorgung zukünftig nicht mehr in bisheriger Form werden erbringen können. Prognosen gehen davon aus, dass sich bis zum Jahr 2050 die Gesamtmenge an weltweit produzierten Kunststoffen noch einmal fast verdoppelt. Vor dem Hintergrund schon heute bestehender ernsthafter Auswirkungen deutet sich eine Umweltkrise an, deren volle Dimension wir heute nicht einmal ansatzweise erfassen können. Um diese Katastrophe abzuwenden, bedarf es Maßnahmen auf globaler, nationaler und individueller Ebene.
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