Delfin-Beifang in der Biskaya sorgt für rapide sinkende Lebenserwartung
Lebenserwartung weiblicher Delfine von 24 Jahren auf nur noch 17 Jahre gesunken
Am heutigen 22. Januar tritt zum dritten Mal in Folge ein einmonatiges Fischereiverbot im Golf von Biskaya in Kraft. Mit der Maßnahme reagiert die französische Regierung – auf Druck zahlreicher Umweltorganisationen – auf die hohen Beifangzahlen der vor der Küste lebenden Gemeinen Delfine. Wie dringend dieser Schritt ist, zeigt eine aktuelle Studie: Demnach ist die durchschnittliche Lebenserwartung weiblicher Gemeiner Delfine im Nordatlantik seit 1997 um rund sieben Jahre gesunken. Die Folgen für die Populationen sind dramatisch.
Tausende Delfine verenden in den Schleppnetzen der Fischerei
Über Jahre und Jahrzehnte sind Gemeine Delfine im Golf von Biskaya zu Tausenden infolge von Beifang getötet worden. Die französische Atlantikküste ist im Winter ein beliebtes Ziel für Delfine, da ihre wärmeren, nährstoffreichen Gewässer kleinere Fischarten wie Sardellen und Sardinen anziehen, von denen sich die Tiere ernähren. Dieselben Bedingungen machen das Gebiet jedoch auch zu einem der wichtigsten Fischereigebiete Europas.
Die Folge: Allein im Jahr 2021 starben laut Studien 6.900 Delfine im Golf von Biskaya in den Schleppnetzen der Trawler – bei einer Winterpopulation von etwa 180.000 Tieren.
Lebenserwartung von 24 Jahren auf 17 Jahre verringert – Geburtenrate schrumpft
Welche dramatischen Folgen dieses anhaltende Massensterben für die Gemeinen Delfine im Nordatlantik hat, zeigten Forscher:innen der University of Colorado Boulder Ende vergangenen Jahres. Anhand der Untersuchung von 759 gestrandeten Delfinkadavern aus dem Zeitraum von 1997 bis 2019 stellten sie fest, dass die Lebenserwartung weiblicher Delfine von 24 Jahren Ende der 1990er-Jahre auf nur noch 17 Jahre zwei Jahrzehnte später gesunken ist.
Dieser Rückgang führte zu deutlich weniger Geburten. Die Forschenden schätzten, dass die Wachstumsrate der Delfinpopulation zwischen 1997 und 2019 um 2,4 Prozent zurückging. Unter idealen Bedingungen wächst eine gesunde Population Gemeiner Delfine um etwa 4 % pro Jahr. Das bedeutet: Selbst wenn die Delfinpopulation 1997 noch in bestem Zustand gewesen wäre, hätte sie sich 2019 nur noch minimal erholt – mit einem jährlichen Wachstum von kaum 1,6 Prozent.
Die Forschenden gehen davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen in der Realität sogar noch niedriger liegen. Setzt sich dieser Trend fort, könnte die Wachstumsrate unter null fallen – ein kritischer Schwellenwert, der einen echten Populationsrückgang anzeigen würde.
Rückgang der Überlebensrate weiblicher Gemeiner Delfine von 1997 bis 2019.
Grafik: University of Colorado Boulder
Richtungsweisendes Fischereiverbot, das Bestand haben muss
Diese Daten zeigen, wie wichtig und richtig das 2024 eingeführte Fischereiverbot im Golf von Biskaya ist, das vom 22. Januar bis zum 20. Februar gilt. Rund 300 Fischereiboote mit einer Länge von mehr als acht Metern dürfen in diesem Zeitraum nicht auslaufen und erhalten dafür staatliche Ausgleichszahlungen. Es wird geschätzt, dass durch diese Maßnahme die Zahl der durch Beifang getöteten Delfine deutlich gesenkt wird, dennoch liegt sie weiterhin bei rund 1.900 Tieren pro Jahr.
Gefahr droht: Wird das Fischereiverbot nicht fortgesetzt?
Jeder durch Beifang getötete Delfin ist einer zu viel. Deshalb fordern die GRD und andere Umweltorganisationen, das Fischereiverbot in den Wintermonaten auszuweiten und langfristig abzusichern. Das derzeitige Verbot wurde 2024 allerdings zunächst nur für drei Jahre beschlossen. Aktuell will sich die französische Regierung nicht zu möglichen Verlängerungen in den kommenden Jahren äußern.
Stattdessen werden laut französischen Medien verstärkt technische Abschreckungsmaßnahmen getestet. Bereits 110 Kutter sind mit sogenannten Pingern ausgestattet, die am Rumpf befestigt sind. Weitere 27 Schiffe testen akustische Signalgeber direkt an den Netzen.
Kritikpunkte am Einsatz von Pinger-Geräten
Aktuelle Untersuchungen zur Nutzung aktiver akustischer Abschreckungsgeräte kommen zu dem Schluss, dass Pinger zwar in einzelnen Fällen den Beifang reduzieren können, jedoch erhebliche Unsicherheiten bestehen:
- Delfine können sich bei längerem Einsatz an die Geräusche gewöhnen, wodurch die abschreckende Wirkung nachlässt.
- Akustische Signale können unerwünschte Nebenwirkungen haben, etwa Stressreaktionen oder die Verdrängung aus wichtigen Nahrungs- und Lebensräumen.
- Der Einsatz von Pingern behebt nicht die grundlegende Ursache des Problems: den Einsatz nicht-selektiver Fanggeräte in den Lebensräumen der Delfine.
Ausblick
Auch wenn derzeit immer noch zu viele Gemeine Delfine im Golf von Biskaya durch Beifang sterben, ist das Fischereiverbot eine richtungsweisende Maßnahme, an der die französische Regierung auch in den kommenden Jahren festhalten muss. Erst wenn technische Systeme zur Beifangvermeidung derart weiterentwickelt sind, dass sie nachweislich wirksam sind und gleichzeitig keine schädlichen Nebenwirkungen verursachen, kann aus Sicht der GRD über eine schrittweise Reduzierung des Fischereiverbots nachgedacht werden.
Foto oben: Sea Shepherd
GRD-Gründer Rollo Gebhard dokumentierte bereits 1997 die Delfinmassaker im Golf von Biskaya.
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