Gleichgeschlechtlicher Sex in der Tierwelt: Ein Kuriosum?

von | 28. März 2024 | News - Delfine

Keine belastbaren Gründe, aber mehrere mögliche Ursachen

Eine vermeintlich ungewöhnliche Beobachtung in der Welt der Meeresbewohner hat Anfang 2024 für Schlagzeilen gesorgt: Zwei männliche Buckelwale wurden dabei dokumentiert, wie sie miteinander sexuell interagierten. Diese Handlung führte in den Medien zu einer Vielzahl an Spekulationen und Diskussionen. Doch ist gleichgeschlechtlicher Sex in der Tierwelt wirklich so selten und ungewöhnlich, wie oft behauptet wird? Und was könnten die Gründe für ein solches Verhalten sein?

Eine Beobachtung des Sexualverhaltens zwischen zwei männlichen Buckelwalen

Bei Buckelwalen (Megaptera novaeangliae) handelt es sich um eine gut erforschte Spezies, über deren Sexualverhalten allerdings nur wenig bekannt ist. In einer Studie konnten die Fotografin Brandi Romano und ihr Kollege Lyle Krannichfeld jetzt ein erstaunliches Verhalten dokumentieren: den sexuellen Akt zwischen zwei männlichen Buckelwalen. Die Autorin der Studie, Stephanie Stack, Biologin bei der Pacific Whale Foundation in Wailuku, Hawaii, hat sich intensiv mit den dokumentierten Bildern auseinandergesetzt.

Zwei erwachsene männliche Buckelwale interagierten im Januar 2022 vor Maui, Hawaii, miteinander.
Foto: Lyle Krannichfeld, Brandi Romano

Der Ablauf war wie folgt: Die beiden Wale umrundeten im Januar 2022 das Boot der Fotografen für rund 30 Minuten. Einer der Wale war abgemagert und von Walläusen übersät. Zudem ist eine ausgeprägte Kieferverletzung auf den Bildern zu erkennen, welche vermutlich infolge eines Zusammenstoßes mit einem Schiff entstand und sehr wahrscheinlich die Nahrungsaufnahme des Meeressäugers erschwert. Die Studie erklärt, dass der Gesundheitszustand dieses Buckelwals als sehr bedenklich einzustufen ist. Vermutlich lag das Tier bereits im Sterben. Der andere Buckelwal schien kerngesund gewesen zu sein und habe seinen erigierten Penis mehrfach oberflächlich in die Genitalöffnung des anderen Wals eindringen lassen.

Ein Wal war sehr abgemagert. Die Verletzung am Unterkiefer dieses Wals ist ganz links zu sehen.
Foto: Lyle Krannichfeld, Brandi Romano

Die möglichen Hintergründe für das Verhalten der Buckelwale

Die Studie kann keine belastbaren Gründe für dieses Verhalten liefern. Der Biologin zufolge gibt es aber mehrere mögliche Ursachen. Zum einen könnte es aggressives Verhalten sein, das sich gegen den körperlich schwachen Buckelwal richtete. Es ist aber zum anderen auch möglich, dass der gesunde Wal seine soziale Bindung zu dem kranken Tier stärken wollte. Außerdem wäre es denkbar, dass es sich um einen irrtümlichen Paarungsversuch handelte.

Delfine haben Spaß am Sex

Im Tierreich dient Sex der Fortpflanzung – doch nicht nur das. Forscher:innen fanden heraus, dass Delfine auch Spaß am Sex haben. Ein Forschungsteam des Mount Holyoke College in Massachusetts in den USA untersuchte dafür natürlich verendete Delfinweibchen. Dabei entdeckten sie, dass die Delfin-Klitoris mehrere Schwellkörper hat. Ähnlich wie beim Menschen ist dieser Bereich von Schwellkörpern durchzogen, die sich im Erregungszustand mit Blut füllen. Ebenso fanden die Forscher:innen heraus, dass der Klitoriskörper mit vielen freien Nervenenden ausgestattet ist. Die Haut an diesen Stellen ist sehr viel dünner als in anderen Bereichen. Und man fand sogenannte Genitalkörperchen, die denen ähneln, die die Wissenschaft auch beim Menschen entdeckte – etwa auf der Klitoris oder der Penisspitze. Diese sind für das Lustempfinden zuständig. (Lesetipp: Verspüren weibliche Delfine Lust beim Liebesspiel?)

Delfine haben nicht nur Sex, um sich fortzupflanzen, sondern auch, um soziale Bindungen zu festigen. Foto: Bigstock photos / Tunatura bigstock

Es ist schon länger bekannt, dass Sex bei Delfinen nicht nur der Fortpflanzung, sondern auch der Stärkung sozialer Bindungen dient. Die Paarung findet das ganze Jahr über statt, ganz egal, in welcher Zyklusphase sich ein Weibchen gerade befindet.

Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten bei anderen Tierarten

Das Paarungsverhalten zwischen gleichgeschlechtlichen Tieren ist ebenfalls alles andere als selten. Es wurde bei einer Vielzahl von Arten dokumentiert, darunter Primaten, Vögeln, Reptilien, Fischen und sogar Insekten. Einige Beispiele:

  • Bonobos, enge Verwandte der Schimpansen, sind bekannt für ihre promiske Sexualität, die auch gleichgeschlechtliche Handlungen einschließt. Diese sexuelle Aktivität dient oft der Stärkung sozialer Bindungen innerhalb der Gruppe und der Lösung von Konflikten.
  • Männliche Löwen zeigen oft homosexuelles Verhalten, insbesondere während der Paarungszeit. Dieses Verhalten kann dazu dienen, die Bindung zwischen Mitgliedern derselben Gruppe zu stärken oder das Dominanzverhältnis innerhalb des Rudels zu klären.
  • Bei Kaiserpinguinen wurde beobachtet, dass sowohl männliche als auch weibliche Individuen gleichgeschlechtliche Paarungen eingehen. Dieses Verhalten kann dazu beitragen, die soziale Struktur innerhalb der Kolonie aufrechtzuerhalten.
  • Männliche Schafe zeigen häufig homosexuelles Verhalten, das oft mit der Erkundung ihrer Sexualität in Verbindung gebracht wird. Es kann auch als Mittel zur Dominanzfeststellung innerhalb der Herde dienen.
YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Fazit: Gleichgeschlechtliche Handlungen sind ein weiterer Aspekt der Vielfalt und Komplexität des Lebens

Generell geht es bei gleichgeschlechtlichen Handlungen darum, soziale Bindungen zu stärken. Insbesondere junge Tiere versuchen aber auch, damit ihre Sexualität zu erkunden und zu entwickeln.

Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten ist ein natürlicher Teil des Tierverhaltens, das in einer Vielzahl von Arten beobachtet wurde. Statt als ungewöhnlich oder abnormal betrachtet zu werden, sollten wir es als einen weiteren Aspekt der Vielfalt und Komplexität des Lebens auf unserem Planeten akzeptieren. Durch ein besseres Verständnis dieses Verhaltens können wir auch unsere Sichtweise auf Sexualität und soziale Interaktionen in der Tierwelt erweitern.

l

Weitere Artikel

Flensburger Förde im desolaten Zustand: Gemeinsam aktiv zum Schutz des Ostseefjords

Trübe Aussichten – im wahrsten Sinne des Wortes – erwartete die Taucher:innen beim jüngsten Unterwasser-Clean-Up in der Flensburger Förde: Bei einer Sicht von ca. einem Meter wurden rund 350 Kilogramm Müll (Altreifen, Feuerwerksbatterien, ein Stuhl, eine Plastikbank und vieles mehr) vom schlammigen Grund geborgen. Alle Teilnehmer:innen der von Mission Förde organisierten Aktion leisteten Schwerstarbeit für einen guten Zweck: dem marinen Ökosystem der Flensburger Förde zu helfen!

weiterlesen

Buckelwal in der Flensburger Förde

In den vergangenen Tagen wurde ein äußerst seltener Besucher in der Ostsee gesichtet: ein zwölf Meter langer Buckelwal. Die erste Beobachtung gab es im Sportboothafen von Glücksburg, gefolgt von einer weiteren an der Spitze des Flensburger Hafens. Angesichts von Schlamm und sehr flachem Wasser ist dies jedoch keineswegs die ideale Umgebung für ein solches Meeressäugetier. Die große Hoffnung besteht darin, dass er zurück in den Atlantik findet.

weiterlesen

Delfinarien: Vier Todesfälle und ein Hoffnungsschimmer

Wenn es noch weitere Beweise gebraucht hätte, um Delfinarien als tierfeindliche Einrichtungen zu entlarven, so wurden sie in den ersten drei Monaten geliefert. Dass von Schweden über Frankreich bis hin nach Kanada kontinuierlich in Gefangenschaft lebende Delfine und Wale viel zu früh ihr Leben verlieren, ist mit nichts zu entschuldigen. Zumindest in Miami wurden jetzt Konsequenzen gezogen.

weiterlesen

 

Spendenkonto

Gesellschaft zur Rettung der Delphine
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN:
DE09 3702 0500 0009 8348 00
BIC:
BFSWDE33XXX

 

Ihre Spenden, Patenschafts- und Förderbeiträge sind steuerlich absetzbar.

Ihre Hilfe kommt an

Die GRD ist als gemeinnützig und
besonders förderungswürdig anerkannt.

Zum Newsletter anmelden

Bitte tragen Sie Ihre E-Mail-Adresse ein.

Vielen Dank für Ihr Abonnement!