Fischsterben in der Oder: Super-Gau auf 500 Kilometern

von | 5. Oktober 2022 | News - Meeresverschmutzung

Die Menge der bis dato verendeten Fische in der Oder wird auf über 200 Tonnen geschätzt

UPDATE: Das massive Fischsterben in der Oder wurde mutmaßlich durch das Einbringen einer giftigen Substanz verursacht. Das gesamte Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht abzusehen, doch bereits jetzt steht fest, dass die Oder von nun an ein schwer geschädigtes Ökosystem ist. Neben Fischen sind auch andere Tierarten betroffen.

Update vom 5. Oktober: Eingeleitetes Salz führte laut Umweltministerium zur Massenvermehrung einer giftiger Alge und zum Tod von mehreren hundert Tonnen Fisch

Der Bericht der deutschen Expertengruppe geht von menschengemachter Umweltkatastrophe aus. Demnach führte der sprunghaft gestiegene Salzgehalt in der Oder zu einer massiven Vermehrung der für Fische giftigen Brackwasseralge Prymnesium parvum. Noch ist unklar, wie die Alge, die eigentlich im salzhaltigen Brackwasser in Küstennähe vorkommt, ihren Weg in die Oder gefunden hat. Auch die Frage, was genau den hohen Salzgehalt in der Oder verursacht hat, musste die Expertengruppe mangels verfügbarer Informationen aus Polen offenlassen. Es gibt aber Hinweise darauf, dass ein polnisches Erzbergwerk große Mengen stark salzhaltigen Wassers in den Fluss eingeleitet hat. Dafür lag den Betreibern allerdings eine Genehmigung der Wasserbehörde vor.

Auch wenn die Detailanalyse zur Umweltkatastrophe noch andauert, lässt sich schon jetzt mit Gewissheit sagen, dass das Ökosystem der Oder noch lange mit den Folgen zu kämpfen haben wird. In den kommenden Jahren ist es wichtig, den Fluss und seine verbliebenen naturnahen Lebensräume zu schützen und wiederherzustellen. Zusätzliche flussbauliche Ausbaumaßnahmen dürften laut Experten keinesfalls weiterverfolgt werden. Vielmehr muss die Stärkung der natürlichen Widerstandsfähigkeit des Ökosystems an erster Stelle stehen.

Update vom 22. August 2022: Giftige Algenart könnte entscheidender Faktor für das Fischsterben sein

Aktualisierung vom 22. August 2022: Behörden aus Deutschland und Polen streiten aktuell über die möglichen Ursachen des Fischsterbens. So weist die polnische Umweltministerin Vorwürfe zurück, wonach der Eintrag polnischer Pestizide und Herbizide für die Katastrophe ursächlich sein könnten. Die Konzentration liege nach Aussage der Politikerin unterhalb der Bestimmungsgrenze. Derweil gibt es aber Hinweise darauf, dass die giftige Algenart Prymnesium parvum bei dem massiven Fischsterben eine Rolle spielen könnte. Durch hohe Wassertemperaturen der Oder von bis zu 27 Grad und einem massiven Salzgehalt des Flusses hatte die auch als Goldalge bekannte Pflanze in den vergangenen Wochen sehr gute Bedingungen, sich auszubreiten. Die lediglich acht Tausendstel Millimeter großen Algen können Giftstoffe produzieren, die Fische, Muscheln oder Schnecken schädigen. Medienberichten zufolge ist eine hohe Salzeinleitung, welche das Wachstum der Goldalge fördert, in Zuflüssen wie dem Gliwice-Kanal festgestellt worden. Bergwerke sollen in diese Gewässer regelmäßig salzhaltige Abwässer einleiten. 

Mittlerweile wurden bereits 200 Tonnen an Fischkadavern aus der Oder geborgen.

Fischsterben: Keine belastbaren Hinweise zur Ursache

Am 18. August gab es noch keine finalen Erkenntnisse, was genau das Fischsterben in Polen und Deutschland verursacht hat. Die Untersuchungen von Wasserproben und Fischen finden momentan in beiden Ländern unter Hochdruck statt. Quecksilber scheint nach Aussage des deutschen Umweltministeriums nicht Auslöser für das Fischsterben zu sein. Allerdings seien ein hoher Sauerstoffgehalt, ein hoher pH-Wert und eine hohe Salzfracht* im Wasser festgestellt worden. Dementsprechend drängen sich die Fragen auf: Wie kommt diese Konstellation zustande? Ist sie für das Massensterben verantwortlich oder gibt es andere giftige Stoffe, die in die Oder geleitet wurden? Und wenn ja: von wem? Ist tatsächlich die giftige Mikroalge Prymnesium Parvum als Ursache in betracht zu ziehen? Oder werden sich Hinweise bestätigen, dass der hochgiftige Stoff Mesitylen, ein Lösungsmittel für Harze und Gummi, in die Oder gelangt ist? Aktuell wird in den Medien zudem gemutmaßt, dass eine polnische Papierfabrik giftige Abwässer in die Oder geleitet haben könnte. Auch ein schlesischer Bergbau-Konzern wird erwähnt, der dem Fluß große Mengen an Salzwasser zugeführt haben könnte.  

Fest steht, dass das gesamte Ökosystem des Flusses auf Jahre hinaus massiv geschädigt ist. Nicht nur das Verenden der Fische ist zu beklagen – es wird geschätzt, dass allein bis zum Wochenende 100 Tonnen an Fischkadavern entsorgt werden mussten –, hinzu kommen große Verluste bei Muscheln und anderen Kleintieren. Auch Biber wurden bereits leblos an der Wasseroberfläche gesichtet. Zudem geht von Vögeln, welche die Kadaver verspeisen, eine Gefahr für ganze Nahrungsketten aus. Wer auch immer dafür verantwortlich ist, gehört massiv bestraft.

*Salzfracht: die in einem Abwasser oder Fließgewässer durch einen definierten Abflussquerschnitt transportierte Masse an gelösten Salzen oder bestimmten einzelnen Ionen (z.B. Chlorid).

Vergleiche zum Fischsterben im Jasmunder Bodden auf Rügen

Gleichzeitig wirkt das Fischsterben in der Oder wie ein Déjà-vu: Es ist gerade einmal sieben Monate her, als im kleinen und großen Jasmunder Bodden auf Rügen massenhaft Fische wie Brassen, Hechte, Zander, Barsche und auch Marmorkarpfen verendet sind. Über 30 Tonnen an Kadavern wurden im Januar aus den Gewässern gefischt und am Ufer eingesammelt. Bis heute sind die Ursachen für das Unglück nicht geklärt. Die Vermutung: Sauerstoffarmut und hohe Stickstoffkonzentration haben eine toxische Kettenreaktion ausgelöst. Doch welche Rolle spielt dabei die Entsorgung von Altlasten im Jasmunder Bodden, von der immer wieder zu hören ist? Antworten gibt es darauf nicht. Denn die Suche nach einem unbekannten Schadstoff ist nach Angaben des mecklenburgischen Landwirtschaftsministeriums erfolglos geblieben. 

Mehrere Faktoren aus Wetter, Dünger und Abwasser-Altlasten könnten für das Fischsterben auf Rügen verantwortlich sein. Ein finales Ergebnis gibt es bis heute allerdings nicht.

Eine solche finale Aussage seitens der Politik ist angesichts des immensen Schadens für Tier- und Umwelt äußerst unbefriedigend und darf sich im Fall des aktuellen Fischsterbens in der Oder nicht wiederholen.

Fotos: Hanno Böck, CC0, via Wikimedia Commons / Screenshot Brisant

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