Gefahr für die Delfinhaut: Wenn das Meer zu süß wird

von | 26. August 2026 | News - Delfine

Süßwasser-Hautkrankheit bei Delfinen: Neues FRESH-Protokoll hilft

Starkregen, Überschwemmungen und veränderte Küstenlandschaften können den Salzgehalt in Flussmündungen und Küstengewässern plötzlich sinken lassen. Für dort lebende Große Tümmler kann das schwerwiegende Folgen haben: Die sogenannte Süßwasser-Hautkrankheit verursacht sichtbare Hautveränderungen, Schmerzen und kann im schlimmsten Fall sogar tödlich enden. Ein 2026 veröffentlichtes Protokoll soll Forschenden nun helfen, typische Anzeichen anhand von Fotos einheitlich zu erkennen und zu dokumentieren.

Delfine brauchen salzhaltiges Wasser

Große Tümmler leben häufig in Küstengewässern, Buchten und Flussmündungen. Diese Lebensräume sind von Natur aus nicht immer gleich salzig: Süßwasser aus Flüssen trifft dort auf Meerwasser, sodass Brackwasser entsteht. Mit solchen Schwankungen können die Meeressäuger grundsätzlich umgehen.

Problematisch wird es jedoch, wenn nach extremen Regenfällen, Wirbelstürmen oder Überschwemmungen in kurzer Zeit sehr große Mengen Süßwasser ins Meer strömen. Dann sinkt der Salzgehalt plötzlich und teils über längere Zeit stark ab. Auch Baumaßnahmen an Küsten, etwa Schleusen, Schutzbarrieren oder Wasserumleitungen, können die natürlichen Salzverhältnisse in Flussmündungen verändern.

Küstennah lebende Delfine können niedrige Salzgehalte für kurze Zeit offenbar überstehen. Hält die Belastung jedoch an, gerät ihr Körper aus dem Gleichgewicht. Besonders sichtbar wird das an ihrer Haut.

Beispiele für die drei Hauptmerkmale der Süßwasser-Hautkrankheit (FSD): Aufwuchs auf der Haut (oben), zielscheibenartige Hautveränderungen (Aufmacherbild) und helle Hautverfärbungen.

Fotos: Galveston Bay Dolphin Research Program, NMFS-MMPA-Genehmigung Nr. 18881; Toms, NMFS-MMPA-Genehmigung Nr. 19062, National Park Service-Genehmigung Nr. GUIS-2015-SCI-0043.

Die Süßwasser-Hautkrankheit: Mehr als ein kosmetisches Problem

Die gesundheitlichen Folgen einer langen Süßwasserexposition werden als Freshwater Skin Disease, kurz FSD, bezeichnet – auf Deutsch etwa Süßwasser-Hautkrankheit. Wissenschaftliche Berichte über betroffene Delfine liegen bereits seit 2005 vor. Das Süßwasser verursacht osmotischen Stress: Vereinfacht gesagt, verändert sich der Wasser- und Salzhaushalt in den Hautzellen. Die oberste Hautschicht kann dadurch geschädigt werden. Zellen schwellen an, sterben ab und es können offene, wunde Stellen entstehen.

Die Folgen können gravierend sein:

  • auffällige helle oder weißliche Hautverfärbungen,
  • kreisförmige oder ringartige Hautläsionen,
  • raue, beschädigte oder aufgerissene Hautpartien,
  • Beläge durch Algen, Pilze oder Bakterien,
  • sekundäre Infektionen,
  • Veränderungen an den Augen und sichtbare Schmerzen,
  • Störungen des Blut- und Elektrolythaushalts,
  • im schlimmsten Fall der Tod des Tieres.

Einige Delfine können sich erholen, wenn der Salzgehalt ihres Lebensraums wieder ansteigt. Welche Dauer der Belastung und welche Salzgehaltswerte genau kritisch werden, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt. Gerade deshalb ist es wichtig, betroffene Tiere über längere Zeit zu beobachten.

Hautveränderungen auf Fotos erkennen

Wild lebende Delfine lassen sich nicht einfach medizinisch untersuchen. Meist tauchen sie nur für wenige Sekunden an der Wasseroberfläche auf – eine Herausforderung für Forschende. Fotos, die ursprünglich zur individuellen Wiedererkennung anhand der Rückenfinne aufgenommen werden, können deshalb eine besonders wichtige Informationsquelle sein.

Bislang wurden auffällige Hautveränderungen jedoch nicht überall nach denselben Kriterien beschrieben. Was für ein Forschungsteam eine „schwere“ Hautveränderung war, ließ sich mit den Daten eines anderen Teams oft nur eingeschränkt vergleichen. Außerdem verwenden Tierärztinnen und Tierärzte teilweise andere Begriffe als Feldbiologinnen und Feldbiologen.

Genau hier setzt das neue Dolphin FRESH Protocol an. FRESH steht für Freshwater-Related Evaluation of Skin Health – also eine Bewertung der Hautgesundheit von Delfinen im Zusammenhang mit Süßwasser.

Das FRESH-Protokoll schafft eine gemeinsame Sprache

Das internationale Team hinter dem Protokoll vereint Fachleute aus Veterinärmedizin, Pathologie, Epidemiologie, Naturschutzmanagement und Feldforschung. Ihr Ziel: Hautveränderungen bei frei lebenden Großen Tümmlern anhand von Fotos nachvollziehbar und möglichst einheitlich bewerten zu können – auch ohne medizinische Ausbildung. Dabei konzentriert sich FRESH auf drei typische sichtbare Anzeichen der Süßwasser-Hautkrankheit:

1) Aufwuchs auf der Haut

Gemeint sind dünne Beläge oder dickere, erhabene Schichten auf der Haut. Sie können beispielsweise braun, grünlich, gelb, orange oder rötlich erscheinen. Solche Aufwüchse können durch Algen, Pilze, Bakterien oder andere Organismen entstehen.

2) Zielscheibenartige Hautveränderungen

Diese Läsionen besitzen eine verfärbte Mitte, die von einem oder mehreren Ringen, Ovalen oder unregelmäßigen Umrandungen umgeben ist. Sie können glatt wirken, aber auch rau, angegriffen oder offen sein.

3) Helle Verfärbungen

Die Haut ist dabei deutlich heller als die für die jeweilige Population typische graue Färbung. Die Aufhellung kann großflächig und gleichmäßig auftreten oder aus einzelnen Flecken bestehen, die miteinander verschmelzen können.

Zusätzlich berücksichtigt das Protokoll weitere Auffälligkeiten – etwa trübe Augen, zusammengekniffene Augen, Hautknoten, Geschwüre oder tattooartige Veränderungen. Diese Merkmale können darauf hinweisen, dass neben der Süßwasser-Hautkrankheit noch andere Erkrankungen oder Verletzungen eine Rolle spielen.

Beispiel für einen Fall, bei dem die Anwendung des FRESH-Bewertungsschemas zu einem mittleren FSD-Schweregradwert von 9 (mittlerer Schweregrad) führte. Fünf Feldbiolog:innen wendeten das Bewertungsschema an; dargestellt ist die Verteilung ihrer Bewertungen. In diesem Beispiel bewerteten einige Fachleute den Delfin so, dass ausschließlich das Merkmal „helle Verfärbung“ vorlag, während andere eine Kombination aus „heller Verfärbung“ und „zielscheibenartigen Hautveränderungen“ feststellten. Alle Bewertungen lagen im Bereich „mittlerer Schweregrad“.

Foto: Galveston Bay Dolphin Research Program, NMFS-MMPA-Genehmigung Nr. 18881.

Fotos ersetzen keine Diagnose

In Tests konnten erfahrene Feldbiologinnen und Feldbiologen die drei Hauptanzeichen mit dem FRESH-Protokoll ebenso zuverlässig erkennen wie medizinische Fachleute. Kein bekannter Fall von Süßwasser-Hautkrankheit wurde dabei übersehen.

Das ist ein wichtiger Fortschritt. Wenn Forschungsteams weltweit Hautveränderungen nach denselben Kriterien dokumentieren, lassen sich Beobachtungen aus verschiedenen Regionen besser vergleichen.

So kann künftig untersucht werden:

  • wie sich Hautveränderungen bei einzelnen Delfinen entwickeln oder zurückbilden,
  • wie wiederholte Süßwassereinträge auf Populationen wirken, welche Tiere besonders gefährdet sind,
  • welche Rolle Alter, Geschlecht, Aufenthaltsort und Verhalten spielen,
  • und wie stark sichtbare Hautveränderungen mit Erkrankung und Sterblichkeit zusammenhängen.

Auch bei akuten Überschwemmungen oder geplanten Eingriffen in Küstenökosysteme kann das Wissen helfen, Risiken für Delfinpopulationen frühzeitig zu erkennen. Denn Starkregen ist nicht nur ein Wetterereignis: In empfindlichen Küstenlebensräumen kann er für Meeressäuger zur ernsten Gesundheitsgefahr werden.

Beispiele für drei Fälle, die von Feldbiolog:innen mithilfe des FRESH-Bewertungsschemas beurteilt wurden. Anhand des FSD-Schweregradwerts wurden die Fälle als leicht (oben, mittelschwer (mittig) und schwer (unten) eingestuft.

Einheitliche Daten können Delfine besser schützen

Das internationale Team hinter dem Protokoll vereint Fachleute aus Veterinärmedizin, Pathologie, Epidemiologie, Naturschutzmanagement und Feldforschung. Ihr Ziel: Hautveränderungen bei frei lebenden Großen Tümmlern anhand von Fotos nachvollziehbar und möglichst einheitlich bewerten zu können – auch ohne medizinische Ausbildung. Dabei konzentriert sich FRESH auf drei typische sichtbare Anzeichen der Süßwasser-Hautkrankheit:

1) Aufwuchs auf der Haut

Gemeint sind dünne Beläge oder dickere, erhabene Schichten auf der Haut. Sie können beispielsweise braun, grünlich, gelb, orange oder rötlich erscheinen. Solche Aufwüchse können durch Algen, Pilze, Bakterien oder andere Organismen entstehen.

2) Zielscheibenartige Hautveränderungen

Diese Läsionen besitzen eine verfärbte Mitte, die von einem oder mehreren Ringen, Ovalen oder unregelmäßigen Umrandungen umgeben ist. Sie können glatt wirken, aber auch rau, angegriffen oder offen sein.

3) Helle Verfärbungen

Die Haut ist dabei deutlich heller als die für die jeweilige Population typische graue Färbung. Die Aufhellung kann großflächig und gleichmäßig auftreten oder aus einzelnen Flecken bestehen, die miteinander verschmelzen können.

Zusätzlich berücksichtigt das Protokoll weitere Auffälligkeiten – etwa trübe Augen, zusammengekniffene Augen, Hautknoten, Geschwüre oder tattooartige Veränderungen. Diese Merkmale können darauf hinweisen, dass neben der Süßwasser-Hautkrankheit noch andere Erkrankungen oder Verletzungen eine Rolle spielen.

Schutz der Lebensräume ist Gesundheitsschutz

Delfine in Flussmündungen und Küstengewässern sind auf funktionierende, stabile Lebensräume angewiesen. Der Klimawandel verstärkt vielerorts extreme Niederschläge, während gleichzeitig menschliche Eingriffe die Wasserwege und Salzgehalte verändern. Beides kann den Druck auf ohnehin gefährdete Populationen erhöhen.

Das FRESH-Protokoll löst diese Probleme nicht. Aber es gibt der Forschung ein wichtiges Werkzeug an die Hand, um ihre Folgen genauer zu dokumentieren. Und nur was sichtbar gemacht, einheitlich erfasst und verstanden wird, kann langfristig auch besser geschützt werden.

Zur Studie: The dolphin FRESH protocol: visual Freshwater-Related Evaluation of Skin Health in free-ranging bottlenose dolphins (Tursiops spp.)

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