Beifang: Der dokumentierte Todeskampf eines Schweinswals
Er konnte das Netz „hören“ und ertrank trotzdem
Eine neue Studie dokumentiert erstmals den Todeskampf eines Schweinswals, bevor er als Beifang in einem Fischernetz verendet. Die Erkenntnisse verdeutlichen einmal mehr, warum der Schutz der kleinen Wale in Nord- und Ostsee so schwierig ist und warum wirksamer Meeresschutz mehr sein muss als auf dem Papier festgelegte Schutzgebiete.
Studie beschreibt Todeskampf vor Cornwall
Ein Schweinswal orientiert sich im meist trüben Wasser mit hochfrequenten Klicklauten, die von Hindernissen, Gegenständen oder Beutetieren reflektiert werden. Eine Art akustisches Navigationssystem, perfekt angepasst an das Leben unter der Wasseroberfläche. Was passiert aber, wenn ein Fischernetz in den Lebensraum der Tiere „eingreift“? Dies konnten Wissenschaftler:innen vor der Küste Cornwalls mit am Stellnetz angebrachten Unterwassermikrofonen und 3D-Akustik aufzeichnen und einen Vorfall aus 2019 rekonstruieren.
Auf der Suche nach Nahrung schwimmen zwei Schweinswale mehrfach bis auf wenige Meter an das Stellnetz heran. Mehrere Minuten halten sie sich in der Nähe des Netzes auf und sind sehr wahrscheinlich mit der Nahrungssuche beschäftigt. Dann passiert das Unglück: Eines der Tiere verfängt sich im Netz und versucht, sich mit aller Kraft zu befreien. Die Klickfolgen der beiden Wale verändern sich. Sie scheinen miteinander zu kommunizieren. Das zweite Tier bleibt in der Nähe, kann aber nicht helfen.
Der gefangene Wal befindet sich im Todeskampf. Wie wir Menschen benötigt er Sauerstoff zum Atmen. Doch den gibt es nur an der Wasseroberfläche. Die Auswertung der am Netz angebrachten Tiefensensoren ergab, dass der Meeressäuger das Netz während seiner Befreiungsversuche rund 7,2 Meter nach oben zog. Ein beeindruckender Kraftaufwand, der leider nicht belohnt wurde. Das im Netz verhedderte Tier ertrank!
Der zweite Schweinswal bleibt in der Nähe und ruft weiter nach seinem Artgenossen. Laut Studie wurden noch Stunden nach dem Ereignis ungewöhnliche Kommunikationssignale aufgezeichnet. Was sie genau bedeuten, wissen wir nicht. Allerdings zeigt sich, dass der Tod des ersten Schweinswals die Kommunikation des überlebenden Tieres markant veränderte.
Viele Schweinswale sterben als Beifang in den bis zu 15 km langen Stellnetzen.
Grafik: © BR/Henrik Ullmann
Das Problem ist komplexer, als es scheint
Die Forschenden vermuten in ihrer Studie, dass ein Schweinswal ein Netz grundsätzlich wahrnehmen und ihm ausweichen kann. Was aber geschah dann, weshalb sich der Wal im Netz verhedderte und sterben musste? Eine belastbare Antwort gibt es darauf nicht. Fakt ist vielmehr: In den Meeren gibt es kaum noch Rückzugsorte. Die Schweinswale stehen vor der Herausforderung, trotz diverser anthropogener Störfaktoren wie beispielsweise Unterwasserlärm und Fischerei erfolgreich zu jagen, zu navigieren, zu kommunizieren und Gefahren zu vermeiden.
Tausende Zahnwale sterben pro Jahr weltweit durch Beifang. Auch an unseren Küsten
Was vor Cornwall zufällig aufgezeichnet wurde, ist kein Einzelfall. Die Studie verweist auf Schätzungen von mehr als 300.000 Zahnwale, die weltweit jedes Jahr als Beifang in Fischereigeräten sterben. Rund 84 Prozent dieses Beifangs werden dabei den sogenannten stationären Netzen zugeschrieben wie Stellnetzen.
Unsere heimischen Schweinswale gehören zu dieser Risikogruppe, da Stellnetzfischerei sowohl in der Nord- als auch in der Ostsee betrieben wird. Vor allem in der zentralen Ostsee stellen die Netze eine permanente Gefahr für die dort lebende Population dar, die nur noch geschätzte 400 bis 500 Tiere umfasst. Die genetisch eigenständige Population gilt als vom Aussterben bedroht. Die Situation ist so dramatisch, dass jeder zusätzlich durch die Fischerei getötete Schweinswal den Erhalt dieser extrem kleinen Population ernsthaft gefährden kann.
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Warum technische Maßnahmen zur Reduzierung von Beifang nicht ausreichen
Seit Jahren wird nach technischen Lösungen gesucht, um den Beifang von Schweinswalen zu reduzieren. Beispielsweise könnten die Netze in ihrem Aufbau so verändert werden, dass die Meeressäuger sie möglicherweise besser wahrnehmen. Auch der Einsatz akustischer Systeme wie Pinger oder PALs wird erforscht. Diese technischen Lösungen haben allerdings Grenzen, denn jede Maßnahme verändert auch die akustische Umgebung der Tiere. Ein Signal, das einen Schweinswal von einem Netz fernhalten soll, kann möglicherweise gleichzeitig Stress erzeugen und zu einer Verhaltensänderung führen, die wiederum Einfluss auf die Nahrungssuche hätte. Welche langfristigen Auswirkungen unterschiedliche akustische Vergrämungs- oder Warnsysteme haben, muss deshalb sorgfältig untersucht werden.
Was die Studie aus Cornwall zeigt
Wir verstehen noch längst nicht jeden Schritt, der zum „nebensächlichen Tod“ vieler Tiere führt. Vielleicht werden wir es auch nie in Gänze verstehen. Statt sich primär auf die Frage zu konzentrieren, wie wir die Schweinswale vom Netz fernhalten, ist die Konzentration auf eine andere Frage noch wichtiger: Wie können wir Rückzugsräume schaffen, in denen die Wale ungestört leben können? Nicht die Natur muss sich unseren Bedürfnissen anpassen, sondern wir müssen ihr den Raum lassen, den sie zum Überleben braucht.Sonst gibt es auch für uns Menschen kein Überleben.
Schweinswale brauchen störungsarme Rückzugsräume in Form von Schutzgebieten, die echten Schutz vor dem menschengemachten Nutzungsdruck bieten. Dass die Realität in den meisten deutschen Meeresschutzgebieten anders aussieht, darauf machen wir als GRD zusammen mit Partner:innen unaufhaltsam aufmerksam. Stellnetz- und Grundschleppnetzfischerei gehören hier oft noch zur Tagesordnung! Entscheidend ist jetzt und in Zukunft, dass menschliche Aktivitäten innerhalb dieser Grenzen tatsächlich eingeschränkt werden.
Vielleicht liegt die wichtigste Erkenntnis dieser Studie deshalb nicht darin, wie wir Schweinswale von Netzen fernhalten, sondern wie wir Netze von Schweinswalen fernhalten.
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