Ungewöhnliche Liaison: Junger Schweinswal schwimmt mit Delfinen
Es geht auch anders
Als kleiner Schweinswal (Phocoena phocoena) sollte Großen Tümmlern (Tursiops truncatus) tunlichst aus dem Weg schwimmen. Allein aus 2016 sind sechs Schweinswal Todesfälle in der Ostsee belegt, bei denen Begegnungen der beiden Meeressäugerarten für die Kleinen nicht gut ausgingen.
Doch es geht auch anders. Türkische Wissenschaftler von der Turkish Marine Research Foundation (Türk Deniz Araştırmaları Vakfı: TUDAV) beobachteten im Marmarameer (nahe des Schwarzen Meeres) wie Große Tümmler und ein junger Schweinswal in der Bugwelle eines Bootes Seite an Seite schwimmen. Einen der Tümmler hatte der kleine Kerl dabei besonders in Herz geschlossen und versuchte stets nah bei ihm zu sein. Und das ist keine Märchen aus Tausend und eine Nacht: Ihre fürwahr nicht alltägliche Meeressäugerbegegnung können die Forscher mit einem Video dokumentieren.
An Unusual Duo TUDAV
Adoptiveltern gesucht?
Der junge Schweinswal schwamm fast zwei Stunden lang an der Seite von drei Großen Tümmlern. Es gelang dem kleinen Kerl sogar, seine Schwimmgeschwindigkeit an die der wesentlich größeren Delfine anzupassen, ganz wie es Delfinbabys praktizieren, wenn sie im Sog ihrer Mutter, in der „Echelon-Formation“ mitschwimmen.
Vielleicht hat der junge Schweinswal Schutz oder gar Anschluss bei den Großen Tümmlern gesucht, weil er seine Mutter verloren hatte?
Über das Adoptionsverhalten bei wilden Delfinen gibt es kaum Erkenntnisse
Unter Delfinen, Schweinswalen, Belugas oder Pottwalen ist es durchaus üblich, dass Mütter ihren Nachwuchs anderen Weibchen anvertrauen, die auf die Kleinen aufpassen und sie auch säugen – wenn sie selber Junge haben oder erwarten. Allerdings weiß man so gut wie nichts über Adoptionen unter wild lebenden Delfinen. Dass ein Delfinweibchen, das selbst keinen Nachwuchs hat, ein fremdes Baby adoptiert und im Zuge dessen beginnt, sogar Milch für das Kleine zu produzieren, wurde in Einzelfällen dokumentiert, artübergreifende Adoptionen noch nie.
Ziemlich beste Freunde
Adoptionsverhalten und alloparentale Pflege, also Pflege- und Fürsorgeverhalten, das von anderen Individuen als den leiblichen Eltern ausgeht, ist von etwa 120 Säugetier- und 150 Vogelarten bekannt. Die Beweggründe für die Pflege nicht leiblicher Kinder oder eine Adoption sind umstritten. Müssen Pfleger oder Adoptiveltern doch beträchtliche Ressourcen für fremden Nachwuchs investieren und erhalten, wenn es sich weder um Nachwuchs verwandter oder zumindest eng bekannter Eltern handelt, gleichzeitig keinen unmittelbar erkennbaren biologischen Vorteil.
Und doch treten im Tierreich ganz erstaunliche Adoptionen verwaister Jungtiere auf, die auch Artgrenzen überspringen können. Bekanntestes und tragischtes Beispiel ist die Löwin “Kamunyak”, die bis zu ihrem rätselhaften Verschwinden im Februar 2004 sechs Oryxantilopenkälbchen adoptierte, aber keine Chance hatte, ihre Antilopenkinder zu versorgen. Bleibt zu hoffen, dass dem kleinen Schweinswal aus dem Marmarameer ein glücklicheres Schicksal beschieden war.
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