Tod des Eckernförder Delfins: Overtourism mitverantwortlich
Obduktionsergebnis zeigt: Das Tier war schwer krank!
Das am 27. Januar tot aufgefundene Delfinweibchen aus Eckernförde starb eines natürlichen Todes. Der menschenfreundliche Einzelgängerdelfin litt an einer schweren Lungenentzündung in Verbindung mit mehreren tiefen Magengeschwüren und Parasitenbefall. Das Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) hatte die Obduktionsergebnisse am 22. März veröffentlicht. Fremdverschulden schließen die Wissenschaftler aus.
Die Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V. (GRD) sieht im plötzlichen Tod dieses einzigartigen „Lone Ranger“-Delfins jedoch auch das Ergebnis einer fatalen, durch Overtourism geförderten Abwärtsspirale, deren zahlreiche Stressoren letztendlich zum Tod des Tieres führten.
Stationen eines (kranken) menschenfreundlichen Einzelgängerdelfins
Das etwa sechs Jahre alte, noch nicht geschlechtsreife Weibchen tauchte um Ostern 2020 in der Eckernförder Bucht auf. Es zeigte schon früh einen starken Hang, sich in der Nähe einer etwa 100 bis 150 Meter vor dem Hemmelmarker Strand schwimmenden Markierungsboje aufzuhalten.
Mit der Zeit begann der Delfin, Menschen als Sozialkontakte zu akzeptieren und sogar zu suchen. Dabei verhielt er sich ausgesprochen menschenfreundlich. Er schwamm auf Menschen zu, ließ sich ausgiebig streicheln, suchte direkten Körperkontakt.
Die Anwesenheit des häufig springenden Meeressäugers lockte unzählige Menschen an: Badegäste, Stand-Up-Paddler, Taucher, Kajak-, Schlauchboot- und Motorbootfahrer. Es entwickelte sich ein massiver Overtourism, durch den das Tier im Sommer kaum Ruhe fand.
Jedoch litt der Delfin von Anfang an unter großflächigen Hautkrankheiten. Das Obduktionsergebnis geht von einer Pockeninfektion aus. Ursachen hierfür sind meist belastete kommunale und landwirtschaftliche Abwässer sowie Stress. Faktoren, die das Immunsystem der Meeressäuger schwächen.
Warnungen, Kontakte zu beschränken wurden ignoriert – Behörden blieben untätig
GRD und WDC (Whale and Dolphin Conservation) hatten wiederholt davor gewarnt, den „Lone Ranger“-Delfin anzufassen und wiesen auch auf die mögliche Übertragung von Infektionskrankheiten auf den Menschen hin.
Im Oktober 2020 forderten die Organisationen vom Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung des Landes Schleswig-Holstein, Jan Philipp Albrecht, endlich adäquate Schutzmaßnahmen für den schwer kranken Meeressäuger zu veranlassen. Seitens des Ministeriums wurde dann recht schwammig auf sehr begrenzte Möglichkeiten der Einflussnahme verwiesen.
Overtourism: Zu Tode geliebt?
„Zwar wird für immer ungeklärt bleiben, inwieweit der Overtourism im Sommer die Schwächung des Immunsystems des Delfins zusätzlich gefördert hat. Doch es ist in keinem Fall für eine mögliche Genesung förderlich, wenn ein offensichtlich schwer krankes Lebewesen derart intensiv und rücksichtslos von Menschen ge- und übernutzt wird, bzw. werden darf, damit diese ihre Sensationsgier stillen können. Der Massenandrang war für den Delfin sicher mit viel und langanhaltendem Stress verbunden, der sein bereits geschwächtes Immunsystem zusätzlich belastete“, erklärt der Biologe Ulrich Karlowski von der GRD.
„Es ist tragisch, dass man das nicht besser hinbekommen hat und diese besondere Tierpersönlichkeit das Zusammenleben mit uns Menschen nicht lange überlebte. Ein Schicksal, dass leider die meisten menschenfreundlichen Einzelgängerdelfine ereilt“, bedauert Karlowski.
Besser gerüstet für die Zukunft
In Zukunft sollte vorbeugend gehandelt werden, um besser auf „Lone Ranger“-Delfine in der Ostsee vorbereitet zu sein.
„Es ist wichtig, dass wir aus diesem Fall lernen“, so die Umweltschützer*innen von GRD und WDC. „Da es in den letzten Jahren immer wieder menschenfreundliche Einzelgängerdelfine in der Ostsee gab, sollte nunmehr vorbeugend gehandelt werden, indem man klare Regeln für den Umgang mit solchen Delfinen, die ja im Grunde als ein Geschenk der Natur zu betrachten sind, aufstellt.“
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