Hai-Finning: Steht das MSC wirklich zu seiner Nulltoleranz-Politik?
Umweltschutzorganisationen, Einzelhändler und Experten fordern das Marine Stewardship Council (MSC) auf, für alle zertifizierten Fischereien ausnahmslos eine „Fins Naturally Attached"-Verordnung einzuführen.
Das MSC-Siegel soll ein Zeichen für nachhaltige Fischerei sein und gerade beim grausamen Hai-Finning wirksame Maßnahmen durchsetzen. Noch immer allerdings werden Haien – oft bei vollem Bewusstsein – die Flossen abgetrennt und ihre Körper direkt auf offener See entsorgt. Einzelhändler, Experten und NGOs haben das MSC jetzt eindringlich aufgefordert, die eigene Nulltoleranz-Politik umzusetzen. Damit soll einer industriefreundlichen Aufweichung eine Absage erteilt werden.
In einem gemeinsamen Schreiben hat sich die Interessengemeinschaft, der neben der Gesellschaft zur Rettung der Delphine u.a. auch Sharkproject International und Ocean Care sowie mehrere Einzelhändler wie Marks & Spencer (Großbritannien), Migros (Schweiz) und Woolworths (Südafrika) angehören, an das MSC gewandt. Die Organisation wurde eindringlich aufgefordert, ihre Vorschläge zum Thema „Finning“ nochmals zu überdenken. Die Unterzeichner betonen insbesondere ihre langjährigen Bedenken gegen die bisherigen MSC-Vorgaben zur Verhinderung von „Finning“ sowie die Tatsache, dass das MSC seiner proklamierten Nulltoleranz-Haltung nicht gerecht wird.
Grausame Praxis auf hoher See – schwache Reaktion des MSC
Im Fokus steht das sogenannte „Fins Naturally Attached“ (FNA). Diese Verordnung bedeutet, dass sich die Flossen bei Anlandung im Hafen noch auf natürliche Weise am Körper des Tieres befinden müssen und daher nicht mehr auf See abgeschnitten werden dürfen. Anerkanntermaßen ist dies die beste Maßnahme zur Verhinderung von Shark-Finning.
„Fins Naturally Attached“ als Voraussetzung für die Zertifizierung aller Fischereien, die mit Haien interagieren und zwar ohne Ausnahme, wird seit vielen Jahren von Interessenvertretern aus der Wissenschaft, dem Einzelhandel, der Lieferkette und der Zivilgesellschaft eingefordert. Seitens des MSC gab es in den Jahren 2019 und 2020 im Rahmen von Workshops und Konsultationen einen starken Konsens für diesen Ansatz.
Umso enttäuschter reagierten die Interessenvertreter über den deutlich abgeschwächten Vorschlag des MSC. Dieser sah vor, dass Fischereien, bei denen Haie gezielt gefangen werden oder einen wesentlichen Anteil des Fangs ausmachen, von einem verpflichtenden „Fins Naturally Attached”-Ansatz ausgenommen werden können und weiterhin eine „alternative Methode” verwenden dürfen. Obwohl dieser Vorschlag in einer Umfrage mit überwältigender Mehrheit von den Interessenvertretern abgelehnt wurde, machte das MSC kein Angebot für die Diskussion weiterer Vorschläge oder Konsultationen.
„Industriefreundliche Umbenennung des Status quo“
„Der Vorschlag des MSC ist äußerst besorgniserregend, da alle existierenden alternativen Methoden bekanntermaßen zahlreiche Schlupflöcher aufweisen“, sagte Dr. Iris Ziegler, Leiterin der International Cooperation bei Sharkproject International. Während das MSC versuche, seinen Vorschlag so zu präsentieren, als bedeute er „Fins Naturally Attached“, handele es sich in Wirklichkeit aber nur um eine industriefreundliche Umbenennung des Status quo mit sehr begrenzten Möglichkeiten, tatsächlich Verbesserungen auf dem Meer zu bewirken, erklärte Dr. Iris Ziegler weiter.
Abgetrennte Haiflossen auf einem offenen Karren. Foto: Rikke Færøvik Johannessen/Marine Photobank
Ein Vertreter aus dem Einzelhandel fügte hinzu, dass die Kunden ein Recht darauf haben zu erfahren, wie der Fisch, den sie kaufen, gefangen wurde und welche Auswirkungen diese Fischerei auf alle anderen Meeresbewohner hat. „Wir wissen, dass unsere Kunden – ebenso wie wir selbst – sicher sein wollen, dass Thunfisch, der als nachhaltig gefangen gekennzeichnet ist, nicht von Fischereien gefangen wurde, die mit dem Abtrennen von Haifischflossen in Verbindung stehen. Um eine Null-Toleranz-Haltung in Bezug auf Finning durchzusetzen, muss das MSC unserer Meinung nach konsequent ‚Fins Naturally Attached‘ als Voraussetzung für die Zertifizierung einführen – und zwar ohne jede Ausnahme.”
Schluss mit „halbherzigen Maßnahmen“
Die Interessengruppe ist angesichts des drastischen Rückgangs der Haipopulationen auf der ganzen Welt der Ansicht, dass die Zeit für halbherzige Maßnahmen vorbei sei.
Das MSC antwortete den Unterzeichnern des gemeinsamen Schreibens am 2. Dezember 2021. Die Organisation teilte mit, dass es „derzeit die aktualisierten Vorschläge verfeinere” und dass ein „konsolidierter Entwurf” eines überarbeiteten Fischereistandards für Anfang 2022 zu erwarten sei.
Die aktualisierten Entwürfe werden wir zeitnah sichten und Sie über unsere Kanäle informieren.
Jetzt EU-Bürgerinitiative gegen den grausamen Handel mit Haiflossen unterschreiben
Die EU-Bürgerinitiative „Stop Finning – Stop the Trade” hat sich zum Ziel gesetzt, den Handel mit Haiflossen in der EU zu beenden. Noch bis zum 31. Januar hat die Initiative Zeit, um eine Million Stimmen von EU-Bürgern zu sammeln. Sollte dies gelingen, wird ein politischer Prozess initiiert, an dessen Ende die EU-Kommission sich mit der Änderung der bestehenden Gesetzgebung beschäftigen muss. Hier finden Sie den Link zur EU-Bürgerinitiative „Stop Finning – Stop the Trade” mit Voting-Formular und weitergehenden Informationen.
Fotos: Klaus Jost, Wolfram Koch, Santi Burgos, Shwan Heinrichs, Nancy Boucha, www.scubasystems.org 2005/Marine Photobank.
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