Gegen Delfinjagden: Sanftes Dolphin-Watching liegt in der Hand jedes Einzelnen
Urlaubszeit bedeutet Stress für die Meeressäuger
Aktuell haben alle deutschen Bundesländer Sommerferien. Millionen von Bundesbürgern befinden sich auf Reisen. In ihrem Urlaub planen zunehmend mehr Menschen, an einer Whale- oder Dolphin-Watching-Tour teilzunehmen. Tiere zu beobachten ist an sich nicht verkehrt – aber wir müssen uns permanent fragen, warum wir es tun. Und wir müssen darauf achten, wie wir es tun.
"Für mich war das eine Delfinjagd."
Am Freitag vergangener Woche schickte Katrin folgende Nachricht an die GRD: „Ich war heute dabei bei einem Dolphin Watch in Rovinj. Für meine Kinder war es toll, weil sie einen Delfin gesehen haben. Für mich war das eine Delfinjagd. Es waren zwei Delfine, die gejagt wurden. Man fuhr ihnen mit 24 Booten immer wieder hinterher. Man hat sie in eine Bucht gedrängt. Sie sind immer wieder von uns weggeschwommen und wollten gar nicht mehr auftauchen. Ich habe zwar einen Delfin gesehen, aber ich fand die Jagd mit den lauten, stinkenden Booten furchtbar. Es gehört verboten.“
Delfinjagd in der Adria: Zahlreiche Boote verfolgen die Meeressäuger (Fotos: Lynn Brenda)
Die Nachricht von Katrin ist kein Einzelfall. Immer wieder erhält die GRD-Zentrale Berichte von Augenzeugen, die in Kroatien, Ägypten oder anderswo auf der Welt an Tourenanbieter geraten sind, denen sanftes und respektvolles Dolphin- und Whalewatching fremd ist. Unsere Partner vor Ort tun ihr Möglichstes, um seitens der Politik strengere Regeln einzufordern und gleichzeitig in Schulungen die Crews für einen besseren Umgang mit Meeressäugern zu sensibilisieren. Der Erfolg ist aber leider, wie die aktuellen Live-Berichte dokumentieren, überschaubar.
Die Wahl des Touranbieters: Jeder kann helfen, die Spreu vom Weizen zu trennen
Analog zu den Besuchern von Delfinarien, die mit ihrem Portemonnaie über die Daseinsberechtigung dieser Einrichtungen entscheiden können, liegt es auch in der Hand jedes Einzelnen, ob er unbedingt an einer Tour teilnehmen muss. Gibt es nicht vielleicht alternativ die Möglichkeit, Wale, Delfine oder Schweinswale von Land aus zu beobachten? Oder in einem SUP oder Ruderboot paddelnd an der Küste auf eine Begegnung zu hoffen? (Leseipp: Beispiele für verantwortungsvolle Veranstalter)
Führen wir uns folgendes vor Augen: Ein Wal kann ein 100 Meter entferntes Boot vielleicht nicht sehen, aber sehr wahrscheinlich hören. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ein Motor in dieser Entfernung noch mit 172 Dezibel für die Wale deutlich wahrzunehmen ist. Für Menschen ist dies mit dem Start einer Rakete vergleichbar. Daraus folgt laut Forschungsergebnis nicht nur, dass sich die Ruhezeit der Wale um 30 Prozent verringert, auch ihre Atemfrequenz verdoppelt sich und ihre Schwimmgeschwindigkeit nimmt um etwa 40 Prozent zu. Mit anderen Worten: Der Stressfaktor steigt signifikant.
Wer sich dennoch für eine Tour entscheidet, sollte sich über die Anforderungen an ein respektvolles Whale- oder Dolphin-Watching informieren, damit anbieterseitig die Spreu vom Weizen getrennt werden kann. Folgende Kriterien sollten bei der Auswahl unter anderem berücksichtigt werden:
- Verpflichtet sich der Anbieter zur Einhaltung von gesetzlichen Regelungen bzw. eines Verhaltenskodex?
- Hat der Anbieter ein entsprechendes Lizenzierungsverfahren durchlaufen, welches z.B. durch ein Logo oder Label ersichtlich ist?
- Wird darüber informiert, dass auf der Tour Biologen bzw. geschultes Personal an Bord sind?
- Werden unseriöse Versprechungen („100 Prozent Sichtungsgarantie“) gemacht?
- In welcher Weise wird auf Fragen, z.B. der Einhaltung von Leitlinien zum Schutz der Delfine und Wale reagiert?
- Hält sich der Anbieter an die gesetzlichen Bestimmungen bzw. an regions- bzw. artspezifische Leitlinien? Gängige Regelungen sind: mindestens 100 Meter Abstand zu Walen und 50 Meter zu Delfinen.
Vorbildcharakter für nachhaltige Begegnungen mit Meeressäugern haben auch jene Anbieter, die nicht auf einen konventionellen Dieselmotor, sondern auf Elektroantrieb setzen. Zudem gibt es Organisationen, die als Ausgleich für die Bootsemissionen der Touren in direkter Nachbarschaft Bäume pflanzen. Oceano Gomera beispielsweise startete diese Aktion 2019 auf La Gomera und ist seit Kurzem emissionsfrei. Neben vielen anderen vorbildlichen Verhaltensweisen achtet die Crew auch darauf, während der Tour herumschwimmenden Müll aus dem Meer zu fischen.
Weitere Hinweise für sanfte und respektvolle Begegnungen mit Walen und Delfinen findet ihr in unserem Leitfaden. Dieser steht hier kostenfrei zum Download bereit und darf gerne mit Freunden und Verwandten geteilt werden, die während ihres Urlaubs eine entsprechende Tour planen. Der Leitfaden ist auch als gedrucktes Exemplar verfügbar – gerne könnt ihr uns diesbezüglich kontaktieren.
Foto oben: Delfine vor Hurghada werden von Speedbooten gehetz und aus ihren Lebensräumen vertrieben.
Umfrage – wie ist eure Meinung?
Weitere Artikel
Zwischen Propellern und Publikum: Dauerbedrohung für Delfin “Mimmo” in Venedig
Der Großer Tümmler „Mimmo“ sorgt seit Sommer 2025 in der Lagune von Venedig für Aufsehen, vor allem da er sich oftmals an belebten Orten wie vor dem Markusplatz aufhält. Doch statt dem hundertsten Selfie mit „Mimmo“, braucht es jetzt vor allem eines: konsequenten Schutz. Wie verantwortungsvolles Verhalten der Öffentlichkeit aussehen muss, um das Überleben des jungen Delfins zu sichern, haben die Autor:innen einer wissenschaftlichen Studie erarbeitet.
weiterlesenAktionsplan für den bedrohten Buckeldelfin gestartet
2024 wurde das Indian Ocean Humpback Dolphin Conservation Network (HuDoNet) von unserer südafrikanischen Projektpartnerin Dr. Shanan Atkins ins Leben gerufen. Ziel des Netzwerks, dem 71 Meereswissenschaftler:innen und Naturschützer:innen aus 17 Ländern im westlichen Indischen Ozean angehören, ist es, den Schutz der gefährdeten Buckeldelfine im Indischen Ozean nachhaltig zu verbessern. Jetzt startet HuDoNet mit der Umsetzung des gemeinschaftlich entwickelten Aktionsplans, um den Schutz dieser bedrohten Art in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet gezielt voranzubringen.
weiterlesenMarineland Antibes: Das Schicksal der verbliebenen Orcas
Marineland Antibes – einst ein beliebter Freizeitpark an der Côte d’Azur – stand lange Zeit sinnbildlich für das Leiden von Meeressäugern in Gefangenschaft. Auch nach der Schließung des Delfinariums im Januar 2025 hat sich an diesem Status nichts verändert. Das Schicksal der letzten zwei Orcas und zwölf Delfine ist ungewiss, die Sorge um ihre physische und psychische Gesundheit wächst. Ein geschütztes Meeresrefugium wäre die beste Lösung. Doch wie realistisch ist es, dass diesen 14 Tieren endlich ein Leben in Würde ermöglicht wird?
weiterlesen
