Delfinjagd: Blutige Monate in Taiji
Über das höchst lukrative Geschäft mit Delfinen – und was wir dagegen tun können
Bis Ende März 2024 müssen 1.824 intelligente Meeressäuger während der diesjährigen Jagdsaison um ihr Leben bangen. Mit Tradition hat die Delfinjagd von Taiji schon längst nichts mehr zu tun, sondern vielmehr mit der Bereicherung skupelloser Fischer:innen an unschuldigen Delfinen.
Taiji-Update: Skrupellos und ignorant
Update vom 2. November 2023
Nach dem Beginn der diesjährigen Saison in Taiji am 1. September verlief die Jagd zunächst weitgehend ruhig: In den ersten vier Wochen hatten die Fischer:innen lediglich eine erfolgreiche Treibjagd und meldeten zehn geschlachtete Delfine. Im Oktober wurde die Intensität seitens der Japaner deutlich erhöht. Ihr rücksichtsloses und brutales Vorgehen dokumentiert ein aktuelles Video von Dolphin Project, bei dem eine Schule von Breitschnabeldelfinen ins Visier genommen wurde. Nachdem letztere sich in den Netzen der Fischer:innen verfangen hatten, sind 24 Tiere getötet und mit Seilen an ihren Fluken abtransportiert worden. Mindestens zwei Kälber haben die Schlächter verschont und im offenen Meer freigelassen. Allerdings: Ohne ihre Schule sind ihre Überlebenschancen äußerst gering.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden. Mehr Informationen
Insgesamt 1.824 Delfine dürfen im Laufe der aktuellen Jagdsaison gefangen werden. Das große Geschäft erzielen die Fischer:innen dabei vor allem mit jenen Delfinen, die in kleine Becken verfrachtet und für den Verkauf an die Delfinarienindustrie ausgebildet werden. Alle anderen Tiere werden geschlachtet. Das Fleisch wird anschließend auf den Märkten in und um Taiji sowie über das Internet verkauft – sofern sich Konsumenten finden lassen. Die Nachfrage nach Delfinfleisch hat bereits in den vergangenen Jahren spürbar abgenommen, unter anderem aufgrund der starken Quecksilberbelastung. Wie hoch letztere ausfallen kann, zeigt ein aktueller Test: Das Fleisch eines Risso-Delfins enthielt das 265-fache des gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerts an Quecksilber. Die Veröffentlichung dieser Ergebnisse eines japanischen Labors ging einher mit der Forderung an die Behörden, Warnungen hinsichtlich des Verzehrs von Delfinfleisch auszusprechen und es zudem gänzlich aus dem Verkauf zu nehmen. Noch sind keine entsprechenden Taten gefolgt.
Brutale Schlachtung und anschließendes Blutbad
Erstbericht vom 7. September 2023
7.700 geschlachtete sowie 1.500 gefangene und an Delfinarien verkaufte Delfine – das ist die grausame Bilanz der Taiji-Fischer:innen in den vergangenen zehn Jahren. Im Vergleich zu den 500 Euro, die das Fleisch eines Delfins auf einem der lokalen Märkte einbringt, ist der Verkauf eines für die Delfinarienindustrie trainierten Meeressäugers ungleich lukrativer. Bis zu 150.000 Euro lassen sich erzielen, wenn sich – in jüngster Zeit vor allem chinesische – Delfinarien an ausgebildeten Tieren bedienen. Multipliziert ergibt sich ein Umsatz von rund 200 Millionen Euro, welchen die Fischereiindustrie der 3.000-Einwohner-Stadt binnen einer Dekade erzielte. Der Verkauf des Fleisches ist im Vergleich – wenn überhaupt – ein kleines Zubrot, zumal viele Japaner:innen ohnehin vor dessen Verzehr aufgrund der hohen toxischen Belastung zurückschrecken.
Gutaussehende Delfine, vor allem Weibchen, werden bei der Jagd aussortiert, gefangen gehalten, trainiert und abschließend an die Delfinarienindustrie verkauft. (Foto: Screenshot aus dem Dolphin Project-Video “Taiji’s Brutal Dolphin Hunting Season Has Ended“)
Die von einem japanischen Labor im Oktober 2022 untersuchte Fleischprobe eines Risso-Delfins ergab, dass das Delfinfleisch 97,5-mal mehr Quecksilber enthielt als die Menge, die nach japanischen Vorschriften für den menschlichen Verzehr als unbedenklich gilt. Trotzdem wird Delfinfleisch weiterhin ohne jegliche Regulierung oder Prüfung verkauft. Angesichts des jüngst in Fukushima ins Meer abgelassenen Kühlwassers aus dem zerstörten Atomkraftwerk (wir berichteten) verwundert uns dieses Gebaren der Gesundheitsbehörden nicht im Geringsten.
Brutale Schlachtung und anschließendes Blutbad
(Foto: Facebook Ramona Binarsch)
Getrieben von der Aussicht auf eine lukrative Jagdsaison scheint es für die Fischer:innen der japanischen Stadt zum Geschäft zu gehören, den Tieren brutales Leid zuzufügen. Das Szenario gleicht sich jedes Jahr. Von September bis März suchen und finden die Jäger:innen Delfinschulen vor der japanischen Küste und steuern auf diese zu. Anschließend schlagen sie auf große Metallstangen, um die Tiere aufzuschrecken und zu desorientieren. In der Regel werden die Delfine danach in die Bucht von Taiji (The Cove) getrieben und mit Netzen gefangen. Gutaussehende, gesunde Exemplare, meist junge Weibchen, werden für die Themenparks „aussortiert“. Dann beginnt das Blutbad. Die Jäger:innen stechen den Tieren mit einem scharfen Metalldorn in den Nacken, direkt hinter den Blaslöchern, sodass sie an ihrem eigenen Blut ersticken. Das Meerwasser in der Bucht verfärbt sich in der Folge rot, weshalb Tierschützer:innen am Tag einer für die Fischer:innen „erfolgreichen“ Delfinjagd von einer „Red Cove“ (die rote Bucht) sprechen.
273 Große Tümmler, 450 Streifendelfine, 300 Melonenkopfwale, 251 Rundkopfdelfine, 101 Pilotwale, 100 Weißseitendelfine, 49 Kleine Schwertwale, 280 Schlankdelfine und 20 Rauzahndelfine stehen auf dem diesjährigen Schlachtplan der Isana Fishermen’s Association – gebilligt von der japanischen Regierung.
Im Grunde gleichen sich die Quoten von Jahr zu Jahr; in der diesjährigen Saison sind es 25 Tiere weniger. Angesichts der schieren Menge von 1.824 Tieren ist dies allerdings nur ein kleiner Trost.
Fangquote der Saison 2023/2024 (Foto: Dolphin Project)
Protest: Was kann getan werden?
Um gegen die grausame Delfinjagd in Taiji vorzugehen bzw. den eigenen Protest zu äußern, gibt es verschiedene Möglichkeiten:
- Auf unserer Website haben wir ein Schreiben mit dem Titel „Stoppt die Delfin-Massaker!“ vorbereitet, das an den japanischen Botschafter adressiert ist. Bitte leitet diesen Protestaufruf nach dem Absenden auch an eure Familie, Freunde und Bekannte weiter.
- Den ganzen Monat September über werden friedliche Demos vor japanischen Konsulaten und Botschaften stattfinden, um die Öffentlichkeit aufzuklären und internationalen Widerstand gegen die Delfinjagden in Taiji zum Ausdruck zu bringen. Weitere Infos gibt es auf der Seite von Dolphinproject.com
- Unterschreibt Petitionen gegen die Delfinjagd wie beispielsweise vom International Marine Mammal Project aus Kalifornien.
- Eigentlich selbstverständlich, aber auch an dieser Stelle sei noch einmal darauf hingewiesen, dass der Besuch von Delfinarien und Aquaparks wie etwa SeaWorld ein No-Go darstellt. Nicht nur werden die Tiere hier unter unwürdigen Bedingungen gehalten, gezüchtet und zur Bespaßung des Publikums missbraucht, auch bedienen sich viele dieser Einrichtungen an den in Taiji gefangenen Delfinen. Würden alle Delfinarien auf der Erde geschlossen werden, könnten wir den japanischen Fischer:innen ihren Absatzmarkt in Windeseile wegnehmen.
Weitere Artikel
Zwischen Propellern und Publikum: Dauerbedrohung für Delfin “Mimmo” in Venedig
Der Großer Tümmler „Mimmo“ sorgt seit Sommer 2025 in der Lagune von Venedig für Aufsehen, vor allem da er sich oftmals an belebten Orten wie vor dem Markusplatz aufhält. Doch statt dem hundertsten Selfie mit „Mimmo“, braucht es jetzt vor allem eines: konsequenten Schutz. Wie verantwortungsvolles Verhalten der Öffentlichkeit aussehen muss, um das Überleben des jungen Delfins zu sichern, haben die Autor:innen einer wissenschaftlichen Studie erarbeitet.
weiterlesenAktionsplan für den bedrohten Buckeldelfin gestartet
2024 wurde das Indian Ocean Humpback Dolphin Conservation Network (HuDoNet) von unserer südafrikanischen Projektpartnerin Dr. Shanan Atkins ins Leben gerufen. Ziel des Netzwerks, dem 71 Meereswissenschaftler:innen und Naturschützer:innen aus 17 Ländern im westlichen Indischen Ozean angehören, ist es, den Schutz der gefährdeten Buckeldelfine im Indischen Ozean nachhaltig zu verbessern. Jetzt startet HuDoNet mit der Umsetzung des gemeinschaftlich entwickelten Aktionsplans, um den Schutz dieser bedrohten Art in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet gezielt voranzubringen.
weiterlesenMarineland Antibes: Das Schicksal der verbliebenen Orcas
Marineland Antibes – einst ein beliebter Freizeitpark an der Côte d’Azur – stand lange Zeit sinnbildlich für das Leiden von Meeressäugern in Gefangenschaft. Auch nach der Schließung des Delfinariums im Januar 2025 hat sich an diesem Status nichts verändert. Das Schicksal der letzten zwei Orcas und zwölf Delfine ist ungewiss, die Sorge um ihre physische und psychische Gesundheit wächst. Ein geschütztes Meeresrefugium wäre die beste Lösung. Doch wie realistisch ist es, dass diesen 14 Tieren endlich ein Leben in Würde ermöglicht wird?
weiterlesen



