Wird der Schweinswalschutz auf die leichte Schulter genommen?

von | 13. Oktober 2022 | News - Delfine

Politik setzt auf freiwillige Vereinbarungen statt gesetzlicher Maßnahmen

Regierung und Erwerbsfischereiverbände haben in Schleswig-Holstein die Verlängerung einer freiwilligen Vereinbarung um weitere vier Jahre beschlossen, da sich „die Regelungen bewährt haben“. Totfunde an den Küsten und rückläufige Bestandszahlen widerlegen diese Annahme.

Was bringt die freiwillige Vereinbarung zum Schutz von Schweinswalen in der Ostsee?

Vor ca. zehn Jahren hat die schleswig-holsteinische Landesregierung mit der Erwerbsfischerei eine Vereinbarung zum Schutz der Schweinswale und Tauchenten getroffen. Zu den Eckpunkten gehörten hierbei der Einsatz von kürzeren Stellnetzen während der Kalbungszeit in den Sommermonaten sowie sogenannte Pinger an den Netzen.

Diese senden ein akustisches Signal aus, welches die Schweinswale fernhalten soll. Verpflichtend sind diese Vorgehensweisen für die Fischer nicht, da es sich um eine freiwillige Vereinbarung handelt. (Lesetipp: Der Schweinswal ist das „Tier des Jahres 2022“ – 10 faszinierende und traurige Fakten über den Deutschland-Wal)

Toter Schweinswal im Stellnetz (Foto: Krzysztof E Skora Hel Marine Station)

Diese Absichtserklärung wurde vor Kurzem um vier weitere Jahre verlängert, da Fischereiminister Werner Schwarz der Ansicht ist, „dass sich die Regelungen bewährt haben.“ Die freiwillige Vereinbarung sei ein sehr gelungenes Beispiel dafür, wie sich Schutz und Nutzung vereinbaren ließen. Diese positive Deutung steht im Widerspruch zu den rückläufigen Bestandszahlen der Schweinswale in der Nordsee und der Zahl der Totfunde an der Ostsee. So ist die Population der Meeressäuger in der Deutschen Bucht von 2002 bis 2019 im Jahresdurchschnitt um 1,8 Prozent zurückgegangen. 2019 lebten demnach im untersuchten Gebiet nur noch rund 23.000 Schweinswale.(Studie: Small Cetacean in a Human High-Use Area: Trends in Harbor Porpoise Abundance in the North Sea Over Two Decades

„Die Vereinbarung hat noch kein einziges Tier nachweislich gerettet“

In der zentralen Ostsee ist die Situation weitaus dramatischer, da hier nur noch zwischen 200 und 600 Schweinswale leben. Dokumentiert ist die steigende Zahl der Totfunde an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste, die sich von 2012 – und damit im Zeitraum der Vertragsunterzeichnung – bis 2016 von knapp 60 auf rund 180 Tiere verdreifacht hat. Auch das Niveau in den Folgejahren war deutlich erhöht (siehe nebenstehende Grafik „Schweinswal-Kegelrobbenbericht 2020“).

Anzahl der Schweinswaltotfunde in Schleswig-Holstein 1990 bis 2020, aufgeteilt nach Fundjahren und Seegebiet. (Quelle: Schweinswal-Kegelrobbenbericht 2020)

„Die Vereinbarung hat noch kein einziges Tier nachweislich gerettet“, betont die Leiterin der Nabu-Landesstelle Ostseeschutz, Dagmar Struß. Dieser Meinung schließen wir uns an – ebenso wie der Haltung,, dass freiwillige Vereinbarungen gesetzliche Grundlagen nicht ersetzen können. Fakt ist, dass der Deutschland-Wal stark gefährdet ist, in der Ostsee gilt er als “stark bedroht”. Es ist an der Politik, diese Alarmsignale richtig zu deuten und sich nicht mit einem „weiter so“ zurückzulehnen.

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