Im Meer schwimmt weit mehr Plastik als vermutet
Studie liefert neue Zahlen zur Plastifizierung unserer Ozeane
Die gute Nachricht – wenn man sie so nennen will – ist, dass wir nach jüngsten Untersuchungen einer Studie weniger Plastik in die Ozeane einleiten als angenommen. Die schlechte Nachricht? Im Meer schwimmt möglicherweise deutlich mehr Plastik, als es bisherige Schätzungen vermuten ließen. Und diese hohe Menge hat dramatisch negative Auswirkungen auf die Umwelt, wenn wir nicht aktiv werden.
Studie aus Holland gibt neue Aufschlüsse zur Plastifizierung
Wissenschaftler:innen aus den Niederlanden haben am 7. August eine Studie unter dem Titel „Global mass of buoyant marine plastics dominated by large long-lived debris“ veröffentlicht. Die Ergebnisse dieser Studie besagen, dass weniger Plastik vom Land ins Meer fließt, als Forschende bisher annahmen. Die Autor:innen der Studie schätzen, dass jedes Jahr etwa 500.000 Tonnen Plastik in den Ozean gelangen, von denen etwa die Hälfte vom Land stammt. Die andere Hälfte kommt aus der Fischereiindustrie in Form von Netzen, Seilen, Bojen und anderen Geräten. Die Daten beruhen auf mehr als 20.000 Beobachtungen und Messungen vor allem an Stränden und an der Meeresoberfläche, aber auch in der Tiefsee. In einer älteren Studie wurde angenommen, dass die Ozeane jährlich mit rund zwölf Millionen Tonnen an Plastikeinträgen belastet werden. Lese-Tipp: Delfine mit Plastikmüll im Magen)
Eine gute Nachricht? Nur auf den ersten Blick
Was das im Meer befindliche Plastik angeht, so schätzen die Forscher:innen, dass dort rund 3,2 Millionen Tonnen schwimmen. Der überwiegende Teil dieses Plastiks – rund 60 Prozent – befindet sich an der Oberfläche und ist relativ groß. Diese 25 Millimeter kleinen Teile konzentrieren sich in Müllansammlungen oder Plastikinseln. Auffällig ist, dass die in der neuen Studie ermittelte Zahl des an der Oberfläche schwimmenden Plastikmülls mehr als doppelt so hoch ist wie Schätzungen aus früheren Studien. Damit einher geht eine größere als bisher angenommene Gefahr für Meeresbewohner, an Plastik im Magen oder durch das Verheddern in Kunststoffringen zu sterben.
Auch die Menge an Plastik auf dem Meeresboden muss weitaus größer sein, als bis dato angenommen. Der neuen Studie zufolge landet fast die Hälfte des in den vergangenen Jahren angesammelten Plastiks auf dem Meeresboden. Wenn man bis in die 1950er-Jahre zurückgeht, als die Massenproduktion begann, müssen nach Berechnungen der Forschenden 6,2 Millionen Tonnen Plastik auf dem Meeresboden liegen.
Hartnäckiges Plastik bedroht die Ozeane
Die Wissenschaftler:innen aus Utrecht kommen zu der Feststellung, dass ein geringerer Eintrag von Kunststoffen in die Meeresumwelt und ein gleichzeitig höherer Bestand an Plastik in den Ozeanen nur bedeuten kann, dass die Verweildauer von Kunststoffen in der Meeresumwelt viel höher ist, als bisher angenommen.
Darüber hinaus wurden zukunftsgerichtete Berechnungen angestellt: Sofern die Erdbevölkerung ihren Plastikkonsum nicht reduziert und stattdessen weiterhin hunderttausende von Tonnen an Kunststoffen in die Ozeane geschwemmt werden, könnte sich der Gesamtbestand an Plastik in den Weltmeeren in den kommenden zwei Jahrzehnten verdoppeln.
Die Weltgemeinschaft steht in der Verantwortung – und blickt in diesem Kontext auch auf das vor wenigen Monaten vereinbarte globale Plastikabkommen der UN. Ein erster Entwurf soll im November 2023 vorgelegt werden – man darf gespannt sein, welche Strategien entwickelt werden, um gegen die Plastifizierung vorzugehen.
Weitere Artikel
Aktionsplan für den bedrohten Buckeldelfin gestartet
2024 wurde das Indian Ocean Humpback Dolphin Conservation Network (HuDoNet) von unserer südafrikanischen Projektpartnerin Dr. Shanan Atkins ins Leben gerufen. Ziel des Netzwerks, dem 71 Meereswissenschaftler:innen und Naturschützer:innen aus 17 Ländern im westlichen Indischen Ozean angehören, ist es, den Schutz der gefährdeten Buckeldelfine im Indischen Ozean nachhaltig zu verbessern. Jetzt startet HuDoNet mit der Umsetzung des gemeinschaftlich entwickelten Aktionsplans, um den Schutz dieser bedrohten Art in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet gezielt voranzubringen.
weiterlesenMarineland Antibes: Das Schicksal der verbliebenen Orcas
Marineland Antibes – einst ein beliebter Freizeitpark an der Côte d’Azur – stand lange Zeit sinnbildlich für das Leiden von Meeressäugern in Gefangenschaft. Auch nach der Schließung des Delfinariums im Januar 2025 hat sich an diesem Status nichts verändert. Das Schicksal der letzten zwei Orcas und zwölf Delfine ist ungewiss, die Sorge um ihre physische und psychische Gesundheit wächst. Ein geschütztes Meeresrefugium wäre die beste Lösung. Doch wie realistisch ist es, dass diesen 14 Tieren endlich ein Leben in Würde ermöglicht wird?
weiterlesenHohes Risiko: Diese Walrarten könnten schon bald aussterben
Jahrhundertelang waren Harpunen ihre größte Bedrohung. Heute sind es Fischernetze, Frachtschiffe, Industrieanlagen und globale Schwarzmärkte. Manche Walarten bzw. -populationen zählen nur noch wenige hundert Tiere, andere kaum mehr als eine Handvoll Individuen. Wir stellen an dieser Stelle fünf der am stärksten bedrohten Walbestände weltweit vor.
weiterlesen
