Umweltgift PCB gefährdet Delfine in Europa

Forscher finden hohe PCB-Werte bei europäischen Orcas und Delfinen

Große Tümmler, Orcas und andere Delfinarten in europäischen Gewässern sind hochgradig mit Polychlorierten Biphenylen (PCB) vergiftet, und zwar so stark wie nirgendwo sonst. Zu diesem erschreckenden Fazit kommt der neue Scientific Report des Zoologen Paul Jepson und seiner Kollegen von der Zoologischen Gesellschaft in London. Über 25 Jahre hinweg untersuchten Jepson und sein Team 1.081 Große Tümmler, Streifendelfine, Orcas und Schweinswale. Es handelte sich zum Großteil um gestrandete Tiere, 150 Meeressäuger wurden lebend untersucht.

Das "Dreckige Dutzend" hochgefährlicher Umweltgifte

PCBs, oder Polychlorierte Biphenyle, sind organische Chlorverbindungen. Sie gehören zum sogenannten “Dreckigen Dutzend” krebserregender und hochgiftiger Umweltgifte. Seit 2001 ist ihre Verwendung weltweit verboten, in Europa kamen sie schon seit den 1980er-Jahren kaum noch zum Einsatz. Sie waren beispielsweise in Weichspülern, Flammschutzmitteln oder Farben enthalten und beeinträchtigen das Immunsystem, die Fortpflanzung und stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. Da PCBs in der Natur nur sehr langsam abgebaut werden, reichern sie sich in den Nahrungsnetzen an. Man findet sie folglich auch in Gebieten, wo sie niemals zum Einsatz kamen, wie im arktischen Eis.

Besondere Gefahr für Meeressäuger

Die im Fettgewebe der Meeressäuger festgestellten PCB-Werte liegen weit über den als giftig geltenden Konzentrationen. Als besonders belastet erwiesen sich Orcas, Große Tümmler und Streifendelfine aus dem Mittelmeer. Die Konzentrationen lagen hier von 50 bis zu 350 Milligramm PCB pro Kilo. Selten lagen die Messwerte darunter. Spätestens ab 40 Milligramm pro Kilo wird es für den betroffenen Organismus gefährlich. Nur bei Schweinswalen fanden sich meist deutlich niedrigere Werte.

PCB verringert die Fruchtbarkeit. Die Tiere bekommen wesentlich seltener Nachwuchs, der dann auch noch mit einer lebensbedrohlichen, schleichenden Vergiftung zu kämpfen und kaum Überlebenschancen hat. Als Säugetiere geben Delfinmütter über die Muttermilch bis zu 90 Prozent aller gespeicherten Schadstoffe an ihren Nachwuchs weiter. Zusätzlich führen hohe PCB-Belastungen zu einem erhöhten Infektionsrisiko durch Schwächung des Immunsystems.

Besonders fatal ist dies für Tierarten mit einer sowieso schon niedrigen Reproduktionsrate, wie bei Meeressäugern oder Haien. Für die Forscher ist PCB damit ein Top-Kandidat bei der Ursachensuche nach Populationsrückgängen vieler Meeressäugerarten und die ausbleibende Erholung der Bestände.

 

 

Trotz Verbots gelangen PCBs weiterhin in die Umwelt

Erschreckend an der Studie ist, dass PCBs, obwohl ihr Einsatz seit 15 Jahren verboten ist, in Europa offensichtlich immer noch in die Umwelt gelangen. Die Forscher vermuten, dass auch heute noch durch unsachgemäße Entsorgung kontaminierter Altlasten große Mengen des Giftes in die Meeresumwelt gelangen. So soll es in der EU rund 1,1 Millionen Tonnen mit PCB kontaminiertes Material geben, das noch entsorgt werden muss, vor allem in Spanien und Frankreich.

Bei Orcas und Delfinen, die an den Küsten Nordamerikas leben, sind die PCB-Werte bereits gesunken. Dagegen gibt es für Europa keinen Grund zur Entwarnung, im Gegenteil. Hier fanden sich besonders im westlichen und zentralen Mittelmeer, im Golf von Cadiz, in der Straße von Gibraltar und im Atlantik südwestlich der Iberischen Halbinsel wahre PCB-Hotspots, mit Messwerten, die alles bisher von Meeressäugern Bekannte in den Schatten stellten.

Jepson und seine Kollegen fordern von der EU jetzt dringend Maßnahmen, die den PCB-Eintrag in europäische Gewässer reduzieren, um die Delfine im Mittelmeer und im Nordost-Atlantik vor dem Aussterben zu bewahren.

 

 

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