Die Artenschutzkonferenz in Montreal: Wird das Massensterben gestoppt?

von | 22. Dezember 2022 | News - Meeresverschmutzung

Artenschutz: Das Massensterben der Natur beenden

Die Erwartungen an die CBD COP 15 (Convention of Biological Diversity – Konferenz zur Biodiversität), welche vom 7. bis 19. Dezember 2022 im kanadischen Montreal stattfand, konnten nicht größer sein: Ein „Paris-Moment für den Artenschutz“ wünsche sie sich, so die Chefin der UN-Biodiversitätskonvention, Elizabeth Maruma Mrema. Der Vergleich mit der Klimakonferenz 2015, bei der beschlossen wurde, die Erderwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, verdeutlicht den Handlungsdruck der Akteure in Montreal. Ein global gültiges Abkommen wäre eine Zäsur und dringend notwendig.

28 Prozent aller untersuchter Arten sind vom Aussterben bedroht (1)

Als Hauptziel wurde in Montreal angestrebt, 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresflächen bis zum Jahr 2030 unter Schutz zu stellen, um die biologische Vielfalt auf der Erde zu erhalten. Weitere Ziele sind unter anderem die Reduzierung von Plastikmüll und Pestiziden, die Renaturierung beschädigter Ökosysteme sowie die Stärkung der Rechte Indigener.

Vor Beginn der Artenschutz-Konferenz war klar: Zieht der Mensch nicht die Reißleine, wird das größte Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier vor ca. 66 Millionen Jahren seinen Lauf nehmen. War der Weltbiodiversitätsrat in seinem Bericht im Jahr 2019 (2) noch davon ausgegangen, dass eine Millionen Arten (ungefähr jede achte Art) in diesem Jahrhundert von unserem Planeten verschwinden könnten, wird diese Annahme mittlerweile als konservativ bezeichnet. Es geht um nichts weniger als das endgültige Verschwinden von Säugetieren, Insekten, Vögeln und Pflanzen. Die Verantwortung dafür kann diesmal nicht wie bei früheren Massen-Aussterben auf Vulkanausbrüche oder Asteroideneinschläge geschoben werden, sondern nur auf die Menschen. Die wachsende Bevölkerung sowie die Wohlstandsgesellschaft verdrängt die natürlichen Lebensräume immer mehr, verbraucht dabei enorme Ressourcen und wirtschaftet nicht nachhaltig.

Der Artenschwund bedroht auch die Menschen

Dazu kommt, dass die Ausbeutung der Natur (Meere, Wälder und andere Lebensräume) und das Artensterben massiven Einfluss auf die Gesundheit und die Ernährung von Milliarden Menschen auf der Erde haben. Der Wissenschaftler Matthias Glaubrecht (3) weist darauf hin, dass die Lebensgrundlagen der Menschen wie saubere Luft bzw. Wasser und die Fruchtbarkeit der Böden von Tieren und Pflanzen abhängig sind.

Schwäche man einzelne Elemente des Gesamtsystems, komme es zum Zusammenfall ganzer biologischer Netzwerke und damit zu einer großen Gefahr für die Menschen.(4) 

In den letzten 30 Jahren sind weltweit Wälder vergleichbar mit der Fläche der EU vernichtet worden. (5)

 

Artenschutz: Das bedrohte Ökosystem Meer

Das Meer bedeckt 71 Prozent der Oberfläche unseres Planeten – und es geht ihm und vielen seiner Bewohner nicht gut. Hauptgegner der Artenvielfalt in diesem einzigartigen Lebensraum sind dabei die Ausbeutung und die Verschmutzung durch den Menschen. Ca. ein Drittel der weltweiten Fischbestände sind überfischt. Es werden über die Flüsse zu viel Müll und Umweltgifte eingeleitet, die dem sensiblen Ökosystem schaden und ganze Todeszonen entstehen lassen. Erwärmung, Versauerung, invasive Arten – die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Quelle: Meeresatlas der Heinrich Böll Stiftung.

 

Der Mensch hat ganze Arbeit geleistet. Die heutige Artenvielfalt im Ozean ist nur ein sehr kleiner Teil vom dem, was ursprünglich an Biodiversität vorhanden war.(6)  

Meeressäuger in Gefahr – auch vor unserer Haustür

Die Bedrohung der Artenvielfalt macht weltweit auch vor den Walen und Delfinen nicht halt. Mindestens ein Viertel aller Delfinarten sind weltweit vom Aussterben bedroht. Tendenz steigend! Bei den Walen sieht es nicht besser aus. Ein Beispiel: Der Ostsee-Schweinswal. In der Roten Liste Deutschlands wird die Ostseepopulation des Schweinswals als vom Aussterben bedroht eingestuft. Die vielfältigen Gefährdungsfaktoren wie Stellnetze, Unterwasserlärm (verursacht durch Schiffe, Munitionssprengungen oder Offshore-Installationen), geringere Nahrungsverfügbarkeit, Umweltverschmutzungen etc. machen eine Erholung der Population nahezu unmöglich (7).

Der Zustand zeigt, dass die bisherige Schutzpolitik versagt hat. Noch im Jahr 2017 stand im Koalitionsvertrag der damaligen Bundesregierung, dass bis zum Jahr 2020 ein „guter Zustand“ in Nord- und Ostsee erreicht werde (8). Im Rahmen des Natura-2000 Netzes als europäische Maßnahme für die Artenvielfalt stehen in Deutschland ca. 45 Prozent der Nord- und Ostsee unter Schutz. Allerdings bedeutet Schutzgebiet bislang nicht, dass dort ein Rückzugs- und Erholungsgebiet für gefährdete Arten wie den Schweinswal vorhanden ist. Die Verwendung des Begriffes erscheint mehr als fraglich, wenn man sich vor Augen führt, dass es bisher nicht gelingt, die wirtschaftlichen Interessen aus den Schutzgebieten herauszuhalten. In den Schutzgebieten findet man nach wie vor in hohem Maße industrielle Fischerei, Rohstoffabbau und regen Schiffsverkehr (9). 

Toter Schweinswal vor der Ostseeinsel Poel.
Foto: Alexander Diehl

Zwar wird punktuell immer wieder nachgebessert, beispielsweise mit dem seit 1. November 2022 geltenden Verbot für Stellnetzfischerei in Teilflächen der Meeresschutzgebiete in Deutschland, Polen, Dänemark und Schweden. Allerdings fasst der Biologe Ulrich Karlowski von der Deutschen Stiftung Meeresschutz die Maßnahmen treffend zusammen, wenn er konstatiert: „Zu wenig, zu kurz, zu zaghaft. Das Verbot ist reine Symbolpolitik. Das drohende Aussterben der Schweinswale in der zentralen Ostsee wird man damit nicht aufhalten können“. (10)

Es braucht Schutzgebiete, die ihren Namen auch verdienen!

Um die Situation sowohl in den deutschen als auch in den weltweiten Meeren nachhaltig zu verbessern, muss zunächst das 30-30 Ziel in Montreal unbedingt beschlossen werden. Weitergehend schließt sich die GRD der Forderung vieler Umwelt- und Naturschutzorganisationen an, dass mindestens 50 Prozent der geschützten Meeresgebiete sogenannte Null-Nutzungszonen sein sollten, also frei von jeglichem menschlichen Einfluss.

Viele Wale und andere Meerestiere legen jedes Jahr tausende Kilometer auf ihren Wanderrouten zwischen ihren Futtergründen und den Fortpflanzungsgebieten zurück. Diese sogenannten „blauen Korridore“ müssen zukünftig besser geschützt werden. Ein trauriges Beispiel dafür ist der atlantische Nordkaper, welcher mit noch geschätzten 300 Exemplaren zu den gefährdetsten Walarten überhaupt gehört. Die Wale legen weite Strecken zwischen den Fortpflanzungsgebieten im Südosten der USA bis an die Küste Ostkanadas zurück. Seit einigen Jahren hat sich die Wanderroute insofern verändert, dass einige Tiere zur Nahrungssuche bis in den Sankt-Lorenz-Golf in Kanada wandern. Auf dem Weg dorthin müssen sie eine der meistfrequentierten Schifffahrtsrouten der Welt durchqueren, was für die sehr langsam schwimmenden Wale nicht selten tödlich ausgeht (11).

Atlantischer Nordkaper: Muttertier mit Kalb.
Foto: NOAA Fisheries

Es ist also nicht damit getan, 30 Prozent der Meeresflächen als Schutzgebiete auszuweisen. Die Schutzgebiete müssen sinnvoll ausgewählt und zum Teil vernetzt sein, um den Tieren gerecht zu werden, die regelmäßig weite Strecken zurücklegen. Schutzgebiete brauchen mehr Ressourcen (personell und finanziell) und ein aktives Management, damit die Einhaltung der dort geltenden Regeln auch kontrolliert werden kann.

Bewertung der Ergebnisse der Artenschutz-Konferenz: Licht und Schatten

Zunächst einmal ist der 19. Dezember 2022 ein guter Tag für den Artenschutz. Wie vorgenommen hat sich die Konferenz darauf geeinigt, 30 Prozent der weltweiten Meeres- und Landflächen bis 2030 unter Schutz zu stellen. Dass dabei verstärkt die Rechte von indigenen Bevölkerungsgruppen mit einbezogen werden sollen, ist richtig und gut! Es soll mehr Geld für den Artenschutz ausgegeben werden, und umweltschädliche Subventionen sollen abgebaut werden. Auch die Verwendung der für Mensch und Tier schädlichen Pestizide soll halbiert werden. Die Verantwortung dafür liegt bei den einzelnen Teilnehmerstaaten. Für den Meeresschutz wird es darauf ankommen, die Schutzgebiete sinnvoll auszuwählen und mit entsprechenden Ressourcen und Management auszustatten.

Zu kritisieren ist, dass im Abkommen zwar festgelegt wird, Gebiete der Natur zu „konservieren“, es aber schwammig bleibt, was genau ein Schutzgebiet ausmacht. Die ursprüngliche Intention, einen bestimmten Prozentsatz der Schutzgebiete als Null-Nutzungszonen auszuweisen, taucht in der Abschlusserklärung nicht mehr auf. Gleiches gilt für die Zielsetzung, die Verseuchung der Umwelt mit Plastik bis zum Jahr 2030 zu beenden. Dieser Zustand wird nur noch angestrebt. Die Fokussierung auf Schutzgebiete darf nicht dazu führen, dass der Schutz von anderen Ökosystemen außerhalb vernachlässigt wird.

Der EU-Kommissar für Umwelt, Meere und Fischerei, Virginijus Sinkevičius, erklärt auf Twitter, dass mit dem Abkommen Geschichte geschrieben wurde (12). Als historisch kann man bezeichnen, dass das Thema Artenschutz endlich die notwendige Aufmerksamkeit bekommt. Von Geschichte schreiben kann nur dann gesprochen werden, wenn jetzt eine entschlossene und nachhaltige Umsetzung erfolgt, die den Verlust der biologischen Vielfalt tatsächlich stoppt.

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