Schwarzes Meer: Lösen Kriegsschiffe das Delfinsterben aus?
UPDATE
Überproportional viele Delfine sind seit Kriegsbeginn an der Schwarzmeerküste gestrandet. Auch bei den Schweinswalen ist die Zahl der Totfunde deutlich gestiegen. Besteht ein Zusammenhang mit den militärischen Aktivitäten von Kriegsschiffen vor der Küste der Ukraine und dem Delfinsterben?
Update vom 12. Januar 2023: Delfinsterben im Schwarzen Meer – ukrainischer Biologe legt neue Zahlen vor
Ivan Rusev ist Forschungsleiter im Tuzly-Nationalpark im Südwesten der Ukraine. Seit Beginn des Krieges dokumentiert der Biologe auf seinem Social-Media-Kanal, dass Delfine und Schweinswale in ungewöhnlich hoher Zahl an den Strandabschnitt des Nationalparks gespült werden. Zwischen dem 24. Februar 2022 und Ende August entdeckten er und seine Kollegen 35 tote Meeressäuger auf einer fünf Kilometer langen Küstenlinie. Laut Rusev ist die Hauptursache für das Sterben der Tiere ein akustisches Trauma, das infolge des verstärkten Einsatzes von Sonaren vor allem durch russische U-Boote verursacht wird.
Auch in anderen an das Schwarze Meer grenzenden Ländern beobachten die von Ivan Rusev kontaktierten Kollegen vermehrt Strandungen von Delfinen und Schweinswalen. Rusevs Statistik zufolge sollen allein von Februar bis Mai 2022 rund 2.500 Kadaver gezählt worden sein. Inwieweit diese Zahlen belastbar sind und ob – wie Rusev argumentiert – die tatsächliche Zahl weitaus höher liegt, da ein Großteil der Tiere einfach auf den Meeresgrund sinkt und daher nie gezählt wird, kann derzeit nicht abschließend geklärt werden. Außerdem wurden zwei Länder von den Zählungen ausgeschlossen.
Auf Facebook wird der Biologe mit der Frage konfrontiert, weshalb seine Auswertungen größtenteils darauf hinauslaufen, dass die Meeressäuger infolge der russischen und ukrainischen Militäraktivitäten sterben. Schließlich sei Beifang in den vergangenen Jahren eine der Hauptursachen für den Tod von Delfinen und Schweinswalen gewesen. Andere Faktoren wie eine Morbillivirus-Epidemie oder Ölverschmutzungen könnten das Immunsystem der Delfine ebenfalls negativ beeinträchtigt haben. Ivan Rusev argumentiert, dass mit Ausbruch des Krieges im nordwestlichen Teil des Schwarzen Meeres kaum noch Fischerboote rausgefahren sind und es somit zu deutlich weniger Beifang gekommen sein muss.
Überdies sei das zeitliche Zusammentreffen der vermehrt auftretenden Delfinstrandungen mit dem Start der russischen Offensive zu signifikant, um es zu ignorieren. Das gesamte Material aus der Autopsie von Meeressäugern, die tot im Tuzly-Nationalpark gefunden wurden, sei mittlerweile nach Deutschland und Italien zur weiteren Untersuchung verschickt worden.
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Hauptbeitrag vom 18. Mai 2022: Delfinsterben im Schwarzen Meer
Der leitende Forscher für Meeresleben an der Universität Sinop (Türkei) gab in der vergangenen Woche Auskunft darüber, dass seit Februar an der türkischen Küste mehr als 100 Delfine angespült wurden. Dabei handelt es sich nur um jene Tiere, die gefunden wurden – die Dunkelziffer könnte weitaus höher sein. Auch Green Balkans, eine Organisation zur Erhaltung seltener Arten und Lebensräume in Bulgarien, berichtet über gestrandete Delfine.
Hinzu kommen verhaltensauffällige Tiere, die sich beispielsweise in Hafenbecken verirrten, sowie 52 Schweinswale, die sich in Fischernetzen verfangen haben. Im gleichen Vorjahresmonat wurden nur zehn auf diese Weise gestorbene Schweinswale gezählt.
Als möglichen Grund für das vermehrte Sterben der Delfine und Schweinswale führen Meeresbiologen das tieffrequente Sonar von Kriegsschiffen und U-Booten an. Letztere sind im Schwarzen Meer seit Februar durch die militärischen Auseinandersetzungen in der Ukraine weitaus aktiver als zu normalen Zeiten und könnten die Echoortung der Meeressäuger massiv stören. Dies könnte u.a. dazu führen, dass die Tiere keine oder nur noch wenig Beute finden. Tod durch Verhungern wäre die Folge.
Aber auch ihre Orientierung kann durch die Sonare stark beeinträchtigt werden und die Meeressäuger stranden. Forscher der Turkish Marine Research Foundation (TÜDAV) vermuten zudem, dass die Delfine und Schweinswale in Panik geraten und gegen Felsen schwimmen könnten. (Lesetipp: Durch Militärübung? Zahlreiche tote Schweinswale im niederländischen Wattenmeer)
Delfine sind im Schwarzen Meer keineswegs selten: Rund 200.000 Tiere sollen in dem Binnenmeer leben. (Foto: Tudav)
Delfinsterben: Eingehende Analyse an den Schwarzmeerküsten kann Jahre dauern
Eine vollständige Untersuchung der Ursachen und des Ausmaßes des jüngsten Delfinsterbens könnte nach Aussage der Wissenschaftler Monate oder gar Jahre dauern, da ein Großteil der Küste für Forscher wegen der militärischen Aktivitäten unzugänglich ist.
Foto oben: tudav.org
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