Schwarzes Meer: Lösen Kriegsschiffe das Delfinsterben aus?

UPDATE

Überproportional viele Delfine sind seit Kriegsbeginn an der Schwarzmeerküste gestrandet. Auch bei den Schweinswalen ist die Zahl der Totfunde deutlich gestiegen. Besteht ein Zusammenhang mit den militärischen Aktivitäten von Kriegsschiffen vor der Küste der Ukraine und dem Delfinsterben?

Update vom 14. Juni 2026: Der stille Kahlschlag – das Schwarze Meer verliert seine Meeressäuger

Seit Beginn der Kampfhandlungen in der Ukraine vor mehr als vier Jahren begleitet der Hinweis „… diese Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.“ nahezu jede Berichterstattung aus den betroffenen Regionen. Auch bei den jüngsten Meldungen zum massiven Delfinsterben im Schwarzen Meer ist dieser Vorbehalt zu berücksichtigen. Unbestritten ist allerdings: Jeder Tod eines Meeressäugers, der auf menschliches Einwirken zurückgeht, ist einer zu viel! Sollten jene Schätzungen zutreffen, die von zehntausenden verendeten Delfinen im Schwarzen Meer ausgehen, wäre dies eine ökologische Katastrophe beispiellosen Ausmaßes.

Nach Angaben des Forschungsleiters im Tuzly-Nationalpark, Ivan Rusev, wurde im Mai 2026 eine Rekordzahl toter und verletzter Delfine registriert. Allein an zwei Tagen wurden im Tuzly-Nationalpark bei Odessa 40 Totfunde verzeichnet. Seinen Schätzungen zufolge könnten seit Beginn der Kampfhandlungen bereits 50.000 Delfine verendet sein. Dies entspräche rund einem Fünftel des gesamten Bestands dieser Meeressäuger im Schwarzen Meer. Im Beitrag mit dem ZDF (siehe unten) wird sogar von 100.000 toten Delfinen gesprochen.

Rusev führt das Delfinsterben unmittelbar auf die Folgen des Krieges zurück. Das Schwarze Meer habe sich zu einer menschengemachten Krisenzone für die Umwelt entwickelt, in der Minenexplosionen, Raketenangriffe und der Einsatz leistungsstarker Sonarsysteme die Meeresfauna dauerhaft belasten. Hinzu kommen die katastrophalen Auswirkungen infolge der Zerstörung des Kachowka-Staudamms im Jahr 2023. Durch die Flutwelle gelangten große Mengen an Schadstoffen, Sedimenten und Abfällen in das Flusssystem des Dnipro und schließlich ins Schwarze Meer. Die ohnehin angespannte ökologische Situation der Region wurde dadurch nochmals verschärft.

Die aktuelle Entwicklung verdeutlicht, dass bewaffnete Konflikte nicht nur menschliches Leid verursachen, sondern auch langfristige und zum Teil irreversible Folgen für empfindliche Ökosysteme haben können. Nichtsdestotrotz arbeitet das ukrainische Umweltministerium bereits an Konzepten zur Erholung der Delfin- und Schweinswalbestände. Geplant sind ein Rehabilitationszentrum sowie die Ausweitung geschützter Küstenbereiche im Bereich des Tuzly-Nationalparks – sobald es die Sicherheitslage zulässt.

Update vom 12. Januar 2023: Delfinsterben im Schwarzen Meer – ukrainischer Biologe legt neue Zahlen vor

Ivan Rusev ist Forschungsleiter im Tuzly-Nationalpark im Südwesten der Ukraine. Seit Beginn des Krieges dokumentiert der Biologe auf seinem Social-Media-Kanal, dass Delfine und Schweinswale in ungewöhnlich hoher Zahl an den Strandabschnitt des Nationalparks gespült werden. Zwischen dem 24. Februar 2022 und Ende August entdeckten er und seine Kollegen 35 tote Meeressäuger auf einer fünf Kilometer langen Küstenlinie. Laut Rusev ist die Hauptursache für das Sterben der Tiere ein akustisches Trauma, das infolge des verstärkten Einsatzes von Sonaren vor allem durch russische U-Boote verursacht wird. 

Auch in anderen an das Schwarze Meer grenzenden Ländern beobachten die von Ivan Rusev kontaktierten Kollegen vermehrt Strandungen von Delfinen und Schweinswalen. Rusevs Statistik zufolge sollen allein von Februar bis Mai 2022 rund 2.500 Kadaver gezählt worden sein. Inwieweit diese Zahlen belastbar sind und ob – wie Rusev argumentiert – die tatsächliche Zahl weitaus höher liegt, da ein Großteil der Tiere einfach auf den Meeresgrund sinkt und daher nie gezählt wird, kann derzeit nicht abschließend geklärt werden. Außerdem wurden zwei Länder von den Zählungen ausgeschlossen.

Auf Facebook wird der Biologe mit der Frage konfrontiert, weshalb seine Auswertungen größtenteils darauf hinauslaufen, dass die Meeressäuger infolge der russischen und ukrainischen Militäraktivitäten sterben. Schließlich sei Beifang in den vergangenen Jahren eine der Hauptursachen für den Tod von Delfinen und Schweinswalen gewesen. Andere Faktoren wie eine Morbillivirus-Epidemie oder Ölverschmutzungen könnten das Immunsystem der Delfine ebenfalls negativ beeinträchtigt haben. Ivan Rusev argumentiert, dass mit Ausbruch des Krieges im nordwestlichen Teil des Schwarzen Meeres kaum noch Fischerboote rausgefahren sind und es somit zu deutlich weniger Beifang gekommen sein muss.

Überdies sei das zeitliche Zusammentreffen der vermehrt auftretenden Delfinstrandungen mit dem Start der russischen Offensive zu signifikant, um es zu ignorieren. Das gesamte Material aus der Autopsie von Meeressäugern, die tot im Tuzly-Nationalpark gefunden wurden, sei mittlerweile nach Deutschland und Italien zur weiteren Untersuchung verschickt worden.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden. Mehr Informationen

Hauptbeitrag vom 18. Mai 2022: Delfinsterben im Schwarzen Meer

Der leitende Forscher für Meeresleben an der Universität Sinop (Türkei) gab in der vergangenen Woche Auskunft darüber, dass seit Februar an der türkischen Küste mehr als 100 Delfine angespült wurden. Dabei handelt es sich nur um jene Tiere, die gefunden wurden – die Dunkelziffer könnte weitaus höher sein. Auch Green Balkans, eine Organisation zur Erhaltung seltener Arten und Lebensräume in Bulgarien, berichtet über gestrandete Delfine.

Hinzu kommen verhaltensauffällige Tiere, die sich beispielsweise in Hafenbecken verirrten, sowie 52 Schweinswale, die sich in Fischernetzen verfangen haben. Im gleichen Vorjahresmonat wurden nur zehn auf diese Weise gestorbene Schweinswale gezählt.

Als möglichen Grund für das vermehrte Sterben der Delfine und Schweinswale führen Meeresbiologen das tieffrequente Sonar von Kriegsschiffen und U-Booten an. Letztere sind im Schwarzen Meer seit Februar durch die militärischen Auseinandersetzungen in der Ukraine weitaus aktiver als zu normalen Zeiten und könnten die Echoortung der Meeressäuger massiv stören. Dies könnte u.a. dazu führen, dass die Tiere keine oder nur noch wenig Beute finden. Tod durch Verhungern wäre die Folge.

Aber auch ihre Orientierung kann durch die Sonare stark beeinträchtigt werden und die Meeressäuger stranden. Forscher der Turkish Marine Research Foundation (TÜDAV) vermuten zudem, dass die Delfine und Schweinswale in Panik geraten und gegen Felsen schwimmen könnten. (Lesetipp: Durch Militärübung? Zahlreiche tote Schweinswale im niederländischen Wattenmeer)

Delfine sind im Schwarzen Meer keineswegs selten: Rund 200.000 Tiere sollen in dem Binnenmeer leben. (Foto: Tudav)

Delfinsterben: Eingehende Analyse an den Schwarzmeerküsten kann Jahre dauern

Eine vollständige Untersuchung der Ursachen und des Ausmaßes des jüngsten Delfinsterbens könnte nach Aussage der Wissenschaftler Monate oder gar Jahre dauern, da ein Großteil der Küste für Forscher wegen der militärischen Aktivitäten unzugänglich ist.

Foto oben: tudav.org

l

Weitere Artikel

Pipi-Alarm: Amazonas-Delfine senden Botschaften per Urinstrahl

Der Boto, auch als Amazonas-Flussdelfin bekannt, zählt zu den außergewöhnlichsten Delfinarten der Welt, was er unlängst einmal mehr unter Beweis gestellt hat: Forschende beobachteten mehrfach, wie männliche Tiere gezielt Urin in die Luft spritzen. Das ungewöhnliche Verhalten tritt offenbar regelmäßig auf und könnte Teil ihrer sozialen Kommunikation sein. Möglicherweise übermitteln die Delfine ihren Artgenossen auf diese Weise Informationen über ihre Identität, ihren Gesundheitszustand oder ihren sozialen Status.

weiterlesen

Update zum Delfin-Massaker auf den Färöer-Inseln

Das Abschlachten von 1428 Weißseitendelfinen auf den Färöer-Inseln hat 2021 weltweit große Empörung hervorgerufen. Wie reagieren die Färinger auf die Kritik? Gibt es ein Umdenken seitens der Politik? Und welche Aktionen wurden hierzulande gestartet, um gegen Grinds zu protestieren? Auf dieser Seite, die regelmäßig aktualisiert wird, geben wir einen Überblick.

weiterlesen

500 Kilogramm an Ostsee-Todesfallen entfernt

„Wir starten zur Geisternetzbergung!“ … schallt es von der Kaimauer im Hafen von Sassnitz dem Kutter beim Anlegen entgegen. Unser Kapitän Kay schmunzelt, die GRD-Crew lädt das Tauchequipment ein und dann startet das lange Bergungswochenende über Himmelfahrt (14.-17.05.2026) vor Rügen. Geplant war die Bergung von ca. 500 Kilogramm Geisternetz an zwei verschiedenen Bergungsorten – ein Vorhaben, das sich als erfolgreich herausstellen sollte.

weiterlesen

Spendenkonto

Gesellschaft zur Rettung der Delphine
SozialBank AG
IBAN:
DE09 3702 0500 0009 8348 00
BIC:
BFSWDE33XXX

Ihre Spenden, Patenschafts- und Förderbeiträge sind steuerlich absetzbar.

Ihre Hilfe kommt an

Die GRD ist als gemeinnützig und
besonders förderungswürdig anerkannt.

Zum Newsletter anmelden

Bitte tragen Sie Ihre E-Mail-Adresse ein.

Vielen Dank für Ihr Abonnement!